Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Der Norden Rätsel um tote Pottwale in der Nordsee gelöst
Nachrichten Der Norden Rätsel um tote Pottwale in der Nordsee gelöst
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 16.03.2016
Auch am Strand von Wangerooge strandeten im Januar Pottwale. Quelle: Peter Kuchenbuch-Hanken
Anzeige
Kiel

Dieser Pottwal war wohl ein Vielfraß. „Aus seinem Magen haben wir die Schnäbel von etwa 21.000 Tintenfischen gepickt“, sagt Meeresbiologe Uwe Piatkowski vom Kieler Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung. Dieser Mageninhalt entspreche der Biomasse von etwa 4,2 Tonnen Tintenfisch. Nachdem mehrere Dutzend Pottwale an den Küsten der Nordsee gestorben waren, lagern jetzt unzählige Proben in einem Raum des Instituts. Seit Anfang Februar suchen Piatkowski und seine Studenten nach der Ursache für den Tod der Tiere.

Süßlich und faulig riecht es in dem Raum mit Blick auf die Kieler Förde. Hier sortieren die Experten Proben aus 13 Pottwalen, die an der Küste Schleswig-Holsteins verendet waren. Das ist Fummelarbeit und viel Zählerei, die Mägen sind voll mit Tintenfisch-Schnäbeln. Das sind die unverdaulichen Ober- und Unterkiefer von Kalmaren. Kalmare sind mit Abstand die Lieblingsspeise der Pottwale. „Das gleicht fast einer Sisyphusarbeit“, sagt Piatkowski. Insgesamt 110 490 Schnäbel zählten die Forscher. Und sie entdeckten zahlreiche Knochen von Fischen wie dem Seeteufel oder Kabeljau.

Anfang des Jahres waren nach Angaben der Nationalparkverwaltung Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer rund 30 Jungwale in der südlichen Nordsee verendet, darunter 13 an der schleswig-holsteinischen Küste. Aber auch in Niedersachsen, den Niederlanden, in Großbritannien und in Frankreich strandeten Pottwale.

Piatkowski glaubt, dass die heftigen Stürme im Nordostatlantik im Januar die Tiere in die Nordsee geleitet haben. „Diese Stürme haben Wassermassen nach Süden getrieben und damit unter Umständen auch die Beute der Tiere - die Kalmare“, sagt er. „Denen sind die Pottwale offenbar hinterhergeschwommen.“ In den flachen Gewässern der Nordsee gerieten sie dann in Gefahr. „Denn wenn es flacher wird als 50 Meter, haben die Pottwale Probleme mit ihrem Sonarsystem“, sagt der Meeresbiologe. In der Folge drangen sie immer weiter in die südliche Nordsee vor und strandeten im Wattenmeer.

Zur Galerie
Mitarbeiter der Tierärztlichen Hochschule Hannover zerlegen am Meldorfer Strand die verendeten Pottwale.

Nach Angaben der Meeresforscher waren die Tiere fit und gut genährt. Sie hatten sich vor allem von vier Tintenfischarten ernährt. „95 Prozent des Mageninhalts gehen auf den Nordischen Köderkalmar und den Europäischen Flugkalmar zurück“, sagt Piatkowski. Beide kommen hauptsächlich in der Norwegischen See, im Barentsmeer und den Gewässern bei Island vor, dem Hauptweidegebiet junger Pottwalbullen. Typisch dafür sind die kleinen schwarzen Schnäbel der Köderkalmare, die Student Philipp Neitzel zu Dutzenden aus der glibbrig-schleimigen Magenprobe zieht. Der 23-Jährige ist seit dem Start des Projekts dabei. „Immer fünf oder sechs Stunden am Tag“, sagt er. An den üblen Geruch gewöhne man sich recht schnell. Denn: „Wann hat man den schon mal die Chance, einen Pottwal-Magen zu sortieren?“

Meeresforscher Piatkowski geht davon aus, dass die im Januar entdeckte erste Gruppe der verendeten Wale bereits in der Norwegischen See ihre letzte Mahlzeit hatte. Aufgrund der Funde in den Mägen sei davon auszugehen, dass sich die Anfang Februar verendeten Wale dagegen etwas länger in der Nordsee aufhielten. „Wir haben in den Mägen teilweise Sand und Schlick aus dem Wattenmeer gefunden“, sagt er. Vermutlich hätten die Tiere ihren Kopf in den sandigen Untergrund gerammt, um Beute aufzuscheuchen.

Von André Klohn

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Mehr zum Thema

28 Pottwale strandeten seit Anfang Januar in der Nordsee. Von drei Meeressäugern werden die Knochen in Stralsund entblutet und entfettet. Ein Skelett ist anschließend für die Tierärztliche Hochschule Hannover bestimmt.

10.02.2016

Am Strand von Sylt ist am Montag ein toter Schwertwal (auch Orca genannt) gefunden worden. Es handelt sich dabei um ein Jungtier. Der Kadaver wurde bereits geborgen und sollte noch am Montag zur Untersuchung in die Tierärztliche Hochschule Hannover gebracht werden.

08.02.2016

Die Stimmung der Menschen am Nordsee-Strand bei Kaiser-Wilhelm-Koog ist gedrückt: Grund sind die toten Wale. Fünf der acht am Sonntag entdeckten Tiere wurdenan Land gebracht. Zwei weitere verendete Pottwale auf einer Sandbank nordwestlich von Büsum entdeckt

03.02.2016
Der Norden Kurioser Flug über Niedersachsen - Pilot fliegt Umriss eines Flugzeugs nach

Es war ein Umweg, der dem Piloten einen Heidenspaß bereitet haben dürfte: Mit einem Kleinflugzeug ist ein Mann von Stade nach Helgoland geflogen. Allerdings nicht auf direktem Weg, sondern auf einer Route, die die Umrisse eines Flugzeugs nachzeichnet.

13.03.2016

Ein alkoholisierter Mann hat in Riepe (Kreis Aurich) ein Auto aufgebrochen und sich eine Verfolgungsjagd mit der Polizei geliefert. Der Fahrer landete wenig später im Graben. Ein Atemalkoholtest ergab einen Wert von 0,78 Promille.

13.03.2016

Bei einem schweren Unfall im Landkreis Celle ist am Sonnabendmittag ein 63 Jahre alter Autofahrer ums Leben gekommen. Vier Personen wurde zudem verletzt, als auf einer Landstraße zwischen Winsen und Boye zwei Autos frontal zusammengestoßen waren.

12.03.2016
Anzeige