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Der Norden "Reife einer 13-Jährigen": Safias Anwalt will Freispruch
Nachrichten Der Norden "Reife einer 13-Jährigen": Safias Anwalt will Freispruch
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17:05 20.10.2016
Unter verschärften Sicherheitsbedingungen beginnt der Prozess gegen Safia S. am Oberlandesgericht Celle. Gerichtszeichnerin Nancy Tilitz fertigte dieses Bild an. Quelle: Alexander Körner/Nancy Tilitz
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Hannover/Celle

Der Mitangeklagte Mohaman Hasan K soll von diesen Plänen gewusst haben. Safias Anwalt Mutlu Günal hatte vor dem Beginn des Verfahrens erklärt, er gehe von einem Freispruch für seine Mandantin aus, da die vom Gericht bestellte Gutachterin, eine Ärztin vom Kinderkrankenhaus auf der Bult, zu dem Schluss gekommen sei, S. habe zum Zeitpunkt der Tat die geistige Reife einer 13-Jährigen gehabt. Damit wäre sie nicht strafmündig.

Wie der Weg der jungen Deutsch-Marokkanerin von der Wohnung in Vahrenwald, in der sie mit ihrer strenggläubigen Mutter lebte, in die Fänge der IS-Terroristen verlaufen ist, wird die Öffentlichkeit nicht erfahren. Noch vor der Verlesung der Anklageschrift entschied der 4. Strafsenat unter Vorsitz von Richter Frank Rosenow die Zuhörer und die Medienvertreter vollständig von dem Prozess auszuschließen. In der Bevölkerung bestehe, das räumte Rosenow ein, zwar ein gesteigerter Informationsbedarf. Der Schutz der Jugendlichen und des Heranwachsenden überwiege aber in diesem Fall, entschied Rosenow.

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Unter großen Sicherheitsvorkehrungen hat am Oberlandesgericht Celle der Prozess gegen Safia S. begonnen, die eine Messerattacke auf einen Bundespolizisten im Hauptbahnhof Hannover verübt hat.

Bekannt sind lediglich ein paar wenige Fakten. Schon als Grundschülerin war Safia S. regelmäßig in der umstrittenen Moschee des Deutschsprachigen Islamkreises in der Kornstraße zu Gast. Es existieren zahlreiche Video, die Safia mit dem bekannten Hassprediger und Konvertiten Pierre Vogel zeigen. Anfang dieses Jahres verlies sie heimlich Hannover, um über die Türkei nach Syrien auszureisen. In Istanbul soll sie Kontaktleute der IS-Terroristen getroffen haben. Sie sollen die Schülerin dazu überredet haben, in Deutschland eine sogenannte Märtyrertat zu begehen. Kurz nach ihrer Rückkehr nach Hannover rammte sie einem 34-Jährigen Polizisten ein Messer in den Hals. Bis unmittelbar vor der Tat soll sie über den Nachrichtendienst Whats App in mit einer Kontaktperson des IS kommuniziert haben.

Die Bundesanwaltschaft ist davon überzeigt, für die Verbindung zwischen Safia S. und der Terrororganisation ausreichend Beweise vorlegen zu können. Ihr Verteidiger Mutlu Günal hält dagegen. „Das geben die Akten nicht her, das wird auch im Prozess nicht nachzuweisen sein“, sagte er nach dem Ende des ersten Verhandlungstages.

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Eine 15-Jährige hat im Hauptbahnhof einen Beamten der Bundespolizei mit einem Messer attackiert und schwer verletzt.

Trotz der schwerwiegenden Vorwürfe gab sich Safias S. am ersten Verhandlungstag vor Gericht locker. Mit Kopftuch, einer modischen Brille, einer graumelierten langen Strickjacke, schwarzer Hose und Turnschuhen wurde sie um kurz vor 10 Uhr in Saal 94 gebracht. Als Richter Rosenow die 16-Jährige fragte, wie er sie ansprechen solle, war ihre Antwort: „Safia und Du reicht.“ Zusätzliche Unterstützung erhielt Safia S. von ihrer Mutter, die vollverschleiert neben der Angeklagten Platz genommen hatte.

Auch der mitangeklagte Mohamad Hasan K. machte vor Gericht einen selbstsicheren Eindruck. Er war unmittelbar vor dem Beginn des Verfahren von den griechischen Behörden an die deutsche Justiz überstellt worden. Der Deutsch-Syrer hatte versucht, sich nach Syrien abzusetzen und war in Griechenland festgenommen worden.
Dem Prozessauftakt ferngeblieben war der 34-jährige Bundespolizist, der als Nebenkläger in dem Verfahren auftritt. Er ließ sich durch seinen Rechtsanwalt vertreten. „Mein Mandant hofft, dass es ein gerechtes Urteil geben wird“, sagt Strafverteidiger Marco Burkhardt. Die körperlichen Verletzungen seines Mandanten seien inzwischen wieder gut verheilt, auch psychisch sei er wieder so stabil, dass er wieder seiner Arbeit nachgehen könne. Er werde im Verlauf des Verfahrens seine Zeugenaussage machen. Noch ist vollkommen offen, wann im Fall Safia und Mohamad ein Urteil gesprochen werden kann. Das Oberlandesgericht hat zunächst Termine bis Mitte Februar festgelegt.

Kinder als Terroristen

Wie eine IS-Kämpferin sieht die 16-jährige Safia S. nicht aus, als sie den Hochsicherheitssaal des Oberlandesgerichts Celle betritt. Die Schülerin trägt ein braunes Pulloverkleid mit Kapuze und ein beiges Kopftuch, ihre modische Brille hat einen dunklen Rand. Eher schüchtern läuft sie zu ihrem Platz neben ihrem Verteidiger. Eine ganz normale Jugendliche halt, wird sich auch der Polizist gedacht haben, dem Safia Ende Februar bei einer Kontrolle im Hauptbahnhof Hannover unvermittelt ein Messer in den Hals rammt.

"Wie wollen wir es halten, Safia und Du, oder Frau S.?", fragt der Vorsitzende Richter Frank Rosenow, der zu Prozessbeginn bemüht ist, die Atmosphäre zu entspannen. "Safia und Du reicht", sagt die Schülerin, für die der grauhaarige Rosenow Vater oder Klassenlehrer sein könnte. Rosenow lacht, es scheint, als wolle er das Grundvertrauen, das eigentlich zwischen einem Erwachsenen und Amtsträger sowie einer Jugendlichen herrschen sollte, herstellen. Genau dieses hatte Safia bei ihrer Attacke auf den arglosen 34 Jahre alten Beamten missbraucht und ausgenutzt. Kinder als Terroristen - das Phänomen stellt auch die Justiz auf die Probe, die mit jungen Mädchen bisher eher bei Bagatelldelikten zu tun hatte.

Dabei stehen mit der Deutsch-Marokkanerin Safia und dem als Mitwisser angeklagten Deutsch-Syrer Mohamad Hasan K. (20) zwei Prototypen eines neuen islamistischen Terrors vor Gericht, vor dem Sicherheitsbehörden verschiedener europäischer Länder warnen. Über das Internet radikalisiert, oft mit familiären Wurzeln in muslimischen Ländern, enden diese jungen Leute nicht mehr auf den Schlachtfeldern des IS in Syrien oder dem Irak oder kehren später als potenzielle Attentäter zurück. Vielmehr sind sie über die Propaganda und Chats mit IS-Drahtziehern ferngesteuert und sollen Anschläge in ihren europäischen Heimatländern verüben.

Beispiel Safia S.: Die Tochter einer strenggläubigen Marokkanerin kommt schon als Grundschülerin mit dem Salafistenprediger Pierre Vogel in Kontakt, als "Unsere kleine Schwester im Islam" präsentiert Vogel sie auf Youtube beim Rezitieren des Korans. Als Safia Anfang dieses Jahres nach Überzeugung der Anklage zum IS Richtung Syrien aufbricht, erhält sie in Istanbul den Marschbefehl: Wir brauchen dich nicht an der Front, sondern für Angriffe in deiner Heimat, erklären ihr die Strippenzieher des Terrors. Die Ermittler werten Safias Attacke als ersten Anschlag im Auftrag des IS in Deutschland.

Oder Mohamad Hasan K.: Wie Safia ist er in Hannover geboren, sympathisiert anscheinend mit Islamisten und macht sich am Abend des wegen einer mutmaßlichen Terrorgefahr abgesagten Fußballländerspiels im vergangenen November in Hannover verdächtig. Als Ordner im Stadion filmt er sich bei der Räumung und stellt die Sequenz ins Netz mit dem Kommentar: "Betet für Raqqa" - die syrische Stadt Al-Rakka ist eine Hochburg des IS.

Wegen einer möglichen Verwicklung in die Terrordrohung - am Ende wurden weder Sprengstoff noch potenzielle Attentäter entdeckt - ermittelt die Bundesanwaltschaft weiterhin gegen den 20-Jährigen. Auch er kommt vor Gericht unscheinbar daher: Jeans, schwarzes Sweatshirt, kurze Haare und kurzgetrimmter Bart, so sehen viele junge Männer aus.

Was aber kann man gegen diese gewissermaßen hausgemachte Terrorgefahr tun, wie sie überhaupt erkennen? Um für die Prävention zu lernen, wird es bei dem Prozess in Celle sicher auch darum gehen, zu erfragen, was die beiden Schüler bewegt hat, sich für den radikalen Islamismus zu fanatisieren, dessen Wurzeln und Kampflinien fernab von Norddeutschland liegen.

dpa

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