Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Der Norden Macht ein Peilsender im Ranzen den Schulweg sicherer?
Nachrichten Der Norden Macht ein Peilsender im Ranzen den Schulweg sicherer?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:18 23.01.2018
„Wir haben uns Mühe gegeben, etwas Sinnvolles zu entwickeln“: Ein Sender im Ranzen soll den Standort des Kindes weitergeben.  Quelle: Foto: dpa
Anzeige
Hannover

 Die Idee der Firma Coodriver aus Wolfsburg ist gut gemeint: Mit einem Peilsender im Ranzen und einer App fürs Smartphone wollen die Entwickler den Schulweg für Kinder sicherer machen. Eltern erhalten mehr Kontrolle über den Aufenthaltsort ihrer Kinder, außerdem soll das System Autofahrer warnen, sobald sich Schüler in der Nähe aufhalten. Unterstützt wurde das Unternehmen von der Stadt Wolfsburg, VW und dem Ranzenhersteller Scout.

Doch jetzt schlägt den Entwicklern eine Welle der Empörung entgegen: Kritiker befürchten eine Totalüberwachung der Kinder, außerdem werden Bedenken laut, Pädophile könnten die App ausnutzen. Die Testphase an zwei Grundschulen wurde vorerst auf Eis gelegt.

Kritik von Datenschützern

Die Landesbeauftragte für Datenschutz, Barbara Thiel, will die Technik, die sich „Schutzranzen“ nennt, genau prüfen. Der Bielefelder Bürgerrechtsverein Digitalcourage fordert sogar, dass das Projekt eingestellt wird und hat eine Petition auf seiner Internetseite veröffentlicht. Die Kritik lautet unter anderem: Auch an Konzerne wie Facebook, Google und Amazon würden Daten weitergegeben. Die Stadt Wolfsburg, die den Kontakt zwischen den beteiligten Partnern und Schulen hergestellt hat, empfiehlt inzwischen, das Projekt auszusetzen.

„Eigentlich wollten wir heute mit den Eltern zweier Grundschulen aus Wolfsburg eine Infoveranstaltung machen“, sagt Walter Hildebrandt, Geschäftsführer von Coodriver, der Firma, die das Projekt entwickelt hat. Man wollte herausfinden, wie viele Eltern Interesse daran hätten, die App zu testen.

Mehr Sicherheit für Grundschüler durch einen Peilsender im Ranzen – was halten Sie von der Idee?
Ergebnis ansehen
Diese Online-Umfrage ist nicht repräsentativ.
Mehr Sicherheit für Grundschüler durch einen Peilsender im Ranzen – was halten Sie von der Idee?
So haben unsere Leser abgestimmt
Diese Online-Umfrage ist nicht repräsentativ.

Die Idee zur App sei Hildebrandt gekommen, weil sein zehnjähriger Sohn keine Warnweste tragen wolle, aber ein Fan von digitaler Technik sei. „Wir haben uns Mühe gegeben, etwas Sinnvolles zu entwickeln, mit dem Kinder selbstständiger im Straßenverkehr werden können und nicht von Elterntaxis vor die Schultore gefahren werden müssen.“ Falls das Kind dann mal in den falschen Bus steige und nicht wisse wo es sei, könne es per Notruffunktion den Eltern seinen Standort übermitteln. Eine „digitale Warnweste“ nennt Hildebrandt die Technik. 

Mit dem „Schutzranzen“ sollten Autofahrer und Kinder per App ihre Standorte anonym an eine gemeinsame Datenbank übermitteln. Kommt ein Wagen in den Bereich einer Grundschule oder befindet sich ein Kind in der Nähe eines Autos bekommt der Fahrer des Wagens eine optische und akustische Warnung.

Kinder, die kein Mobiltelefon haben, können in ihrem Schulranzen einen GPS-Sender tragen, der ihren Standort übermittelt. Über eine Notruffunktion kann das Kind die Eltern erreichen, Eltern können ihre Kinder per Knopfdruck orten.

Die Testphase sollte im Februar in Wolfsburg und in Ludwigshafen beginnen – doch nun liegt ist vorerst alles gestoppt. „Plötzlich kommt uns ein riesiger Ansturm von Kritik entgegen, und es geht völlig unter, worum es uns eigentlich geht“, sagt Hildebrandt. Die Testphase ist auf März verschoben, für den Infoabend wird ein neuer Termin gesucht. „Wir sind ein kleines Unternehmen von acht Leuten – dieser Ansturm überfordert uns“, sagt Hildebrandt. 

„Es wird nichts gespeichert“

Natürlich habe man sich auch um den Datenschutz gekümmert. Niemals würde der genaue Standort eines Kindes angezeigt oder mitgeteilt, wie viele Kinder sich in der Nähe aufhalten. „Der Fahrer bekommt nur eine allgemeine Warnung, wenn der kritische Sicherheitsabstand überschritten wird“, erklärt Hildebrandt. Die Position beider Verkehrsteilnehmer werde verschlüsselt in die Cloud übertragen. „Ein Autofahrer wird einem Kind nicht auflauern oder es verfolgen können. Und es wird auch nichts gespeichert“, sagt Hildebrandt. 

Mit der Datenschutzbeauftragten Barbara Thiel hat das Unternehmen noch keinen Kontakt gehabt. „Bis wir einen sauberen Austausch hatten, pausieren wir das Projekt“, so Hildebrandt. 

Von Tomma Petersen

Nachgefragt: Kritik an Projekt

Die Landesbeauftragte für Datenschutz Niedersachsen, Barbara Thiel, kritisiert die Datenschutzrichtlinien des Projektes Schutzranzen. „Grundsätzlich liegt mir die Sicherheit der Schüler sehr am Herzen“, sagt sie. Deshalb begrüße sie alle Maßnahmen, die den Kindern einen gefahrenfreien Weg zur Schule ermöglichten. 

Worin sehen Sie die größten Probleme des Projektes Schutzranzen?
Aus meiner Sicht könnte sich die Verkehrssicherheit insgesamt verschlechtern. Zum einen, wenn Autofahrer blind auf die App vertrauen und Kinder ohne Schutzranzen-App daher einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind. Zum anderen weil die Kinder blind darauf vertrauen, dass sie von den Autofahrern wahrgenommen werden und weder Gefühl noch eine Selbsteinschätzung für die Risiken des Verkehrs entwickeln.Haben Kinder Rechte auf ihre digitalen Daten, auch wenn es die eigenen Eltern sind, die sie überwachen können?
Die Schutzranzen-App mit allen ihren Funktionen ist gesellschaftspolitisch kritisch zu hinterfragen. Durch solche Dienste werden bereits Kinder frühzeitig damit konfrontiert, jederzeit überwacht und getrackt zu werden. Auch Kinder müssen das Recht haben, sich abhängig von ihrem Alter unbeobachtet fortbewegen zu können. Wenn Eltern jederzeit per Knopfdruck die Position ihrer Kinder erfahren können, stellt das eine Totalüberwachung dar.Welche Daten könnten mit dieser App gesammelt werden?
Die App lässt sich die App sich auch Berechtigungen für Fotos/Medien/Dateien und die Kamera geben. Dabei ist stark anzuzweifeln, dass diese Daten für die Funktionen der App erforderlich sind. Die App bietet mehrere unterschiedliche Funktionen, die nicht ausschließlich der Erhöhung der Verkehrssicherheit dienen. Insofern ist eine differenzierte Interessenabwägung erforderlich. Aus all diesen Fragen ergibt sich für meine Aufsichtsbehörde ein hinreichender Anlass, sich intensiv mit dem Projekt „Schutzranzen“ und den dazugehörigen Systemen auseinanderzusetzen.“

Welche Schutzmechanismen müsste die App beinhalten, damit sie bedenkenlos genutzt werden könnte? Könnte man die Daten besser verschlüsseln?

Immer wichtiger wird in Zukunft der Grundsatz „Privacy by Design“, wie er von Artikel 25 Abs. 2 der Europäischen Datenschutzgrundverordnung zukünftig gefordert wird. Im Hinblick auf die Einbindung der Cloud lassen sich vermutlich datenschutzfördernde Gestaltungsalternativen finden. Auch werden zum Beispiel bei der Verschlüsselung die aktuellen technischen Standards anscheinend nicht eingehalten.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Bereits am 12. Januar war Benjamin Adolf S. bei einem begleiteten Arztbesuch in Friesland seinen Begleiterin entwischt und geflüchtet. Der 30-Jährige sitzt wegen mehreren Einbrüchen im Maßregelvollzug. Nun fahndet die Polizei öffentlich nach dem flüchtigen Mann.

26.01.2018

Zwei Männer aus Hameln haben vier Jungen missbraucht. Sie wurden dafür vom Landgericht Hannover zu Haftstrafen verurteilt.

26.01.2018

Offiziell war eine Lagerhalle in Bremen zur Fischzucht angemietet. Tatsächlich bauten die Betreiber dort größere Mengen Cannabis an. Der Hausmeister war der Plantage auf die Schliche gekommen.

23.01.2018
Anzeige