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Der Norden Retten oder töten?
Nachrichten Der Norden Retten oder töten?
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00:15 28.03.2014
„Es kann nicht sein, dass Jäger über Leben und Tod der Seehunde entscheiden“: In Schleswig-Holstein ist ein Streit über die Tötung kranker Tiere entbrannt. In Niedersachsen wundert man sich. Quelle: dpa
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Hannover

Strandspaziergänger blicken in diesen Wochen mitunter in große, dunkle Kulleraugen. Denn viele kranke Seehunde, die von Lungenwürmern befallen sind, stranden an der Nordeseeküste oder auf den Inseln – in Niedersachsen wie in Schleswig-Holstein. Die Parasiten, die über Fische in den Seehundkörper gelangen, seien vor allem für im vergangenen Sommer geborene Jungtiere gefährlich, sagt Michael Stede, Tierarzt und Seehund-Experte aus Cuxhaven. Denn die jungen Seehunde hätten noch keine Antikörper gegen die Parasiten entwickelt.

Wenn die Tiere apathisch daliegen, aus der Schnauze bluten und ihren Rücken zu einem Buckel krümmen, deutet dies auf eine sehr schwere Erkrankung hin. „Normalerweise fliehen Seehunde ins Wasser, wenn sie von Menschen gestört werden“, sagt Stede. „Sind sie zu schwach wegzulaufen, ist das ein Alarmzeichen.“ Manchmal könne es eine Erlösung sein, solche Tiere zu töten.

Was in Niedersachsen ein allgemein akzeptierter Umgang mit kranken Tieren ist, führt derzeit in Schleswig-Holstein zu einem heftigen Konflikt zwischen Naturschützern und dem Land. „Es kann nicht sein, dass Jäger über Leben und Tod entscheiden“, sagt Janine Bahr, Tierärztin auf der nordfriesischen Insel Föhr. Die Seehunde müssten in jedem Fall in die Aufzuchtstation gebracht werden, fordert sie. Auf Sylt hätten Jäger  jüngst auch Tiere getötet, die gar nicht sterbenskrank gewesen seien.

Das Umweltministerium in Kiel bestreitet dies und hält dagegen, dass die rund 40 ehrenamtlichen Seehundjäger landesweit speziell geschult worden seien und sehr wohl kranke von gesunden Tieren unterscheiden könnten. Die Jagd auf Seehunde ist in Deutschland ganzjährig verboten. In Niedersachsen sind sogenannte Wattenjagdaufseher – landesweit gibt es rund 70 – aber befugt und auch dazu verpflichtet, offensichtlich nicht überlebensfähige Tiere von ihrem Leiden erlösen. „Sofern keine ausreichend gesicherte Einschätzung erfolgen kann, werden die Seehunde der Seehundstation übergeben“, heißt es im Landwirtschaftsministerium in Hannover.

Die Wattenjagdaufseher machen nicht nur eine Jagdscheinprüfung, sondern durchlaufen eine extra Ausbildung, in der auch der Umgang mit erkrankten Wildtieren, insbesondere Seehunden, gelehrt wird. Viele Aufseher wie Stede hätten jahrelange Erfahrung, sagt eine Sprecherin des Agrarministeriums.

„Mein Beruf ist es, Tiere zu retten, nicht sie zu töten“, sagt denn auch der Veterinär aus Cuxhaven. Aber manchmal sei der Transport zur Seehundstation nach Norddeich den todkranken Tieren nicht mehr zuzumuten: „Ein Viertel überlebt die Fahrt nicht.“ Das eigentliche Problem seien in Niedersachsen nicht die Jäger, sondern die Touristen, sagen Tierschützer. Viele kranke Seehunde bräuchten einfach nur Ruhe, aber die würden ihnen neugierige Besucher nicht lassen. Selbst Absperrzäune helfen da wenig. Ein Foto zählt oft mehr als die Gesundheit der Tiere. Dabei ist Abstand halten für beide Seiten wichtig. Von Lungenwürmern befallene Tiere sollten auf keinen Fall von Menschen mit bloßer Hand berührt werden, raten Experten, denn sie können gefährliche Keuchhustenbakterien übertragen.

Die Zahlen, wie viele Seehunde in Niedersachsen getötet werden müssen, schwanken beträchtlich. Peter Lienau, Leiter der Seehundstation Nationalparkhaus in Norddeich, weist darauf hin, dass bei milden Temperaturen im Winter auch geschwächte Tiere länger überleben können, die in kälteren Jahren früher eines natürlichen Todes gestorben wären. Im vergangenen Jahr seien rund 100 nicht überlebensfähige Seehunde erlegt worden, schätzt er.

Die Entscheidung, ein krankes Tier zu töten oder nicht, sei immer eine Einzelfallentscheidung, sagt eine Sprecherin des Landwirtschaftsministeriums. Eine Prämie für erlegte Seehunde gibt es nicht. Mit der Zahl der Seehunde steigt auch die Zahl der Totfunde und natürlich auch die Wahrscheinlichkeit, Menschen zu begegnen. Um so wichtiger sei es, darüber aufzuklären, wie man ihnen gegenübertrete, sagt Lienau – falsch verstandene Tierliebe kann tödlich enden.

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