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Paar züchtet auf seinem Hof 119 Bohnensorten

Seltenes Saatgut retten Paar züchtet auf seinem Hof 119 Bohnensorten

Solja Kaltenbach und ihr Partner Klaus Verbeck züchten auf ihrem biologisch-dynamischen Hof in Steddorf 119 verschiedene Bohnensorten und retten damit bedrohte Saaten. Denn immer mehr Konzerne entwickeln eigene Sorten und schützen diese.

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Solja Kaltenbach bewahrt bedrohte Bohnensorten auf.

Quelle: Carolin George

Steddorf. Solja Kaltenbach öffnet die Tür zu einem Raum, wie er einfacher nicht ausgestattet sein könnte: ein schlichtes Metallregal, das war’s. Trotzdem sind diese drei Quadratmeter ihre Schatzkammer. Auf den Regalböden stehen Schraubgläser, viele Dutzend neben- und übereinander gestapelt. Sie alle sind gefüllt mit Bohnen: braunen, schwarzen, weißen, roten und gescheckten - 119 verschiedene Sorten. Kaltenbach baut sie allesamt auf ihrem Land bei Steddorf (Kreis Uelzen) an. Sie ist eine Retterin bedrohter Saaten.

Saaten sind zum Wirtschaftsgut geworden

Die schmale Frau mit dem wachen Blick zieht ein Schraubglas mit braun-schwarz-gesprenkelten Bohnen aus dem Regal. „Kiebitzbohne“ hat sie darauf geschrieben. „Ich finde es faszinierend, wie viele verschiedene Sorten es gibt“, sagt sie. Die Bewunderung für die Vielfalt der Natur ist ihr anzusehen. „Ich finde es wichtig, diesen Reichtum zu erhalten. Damit der Genpool für die kommenden Generationen möglichst groß bleibt.“

Die Realität sieht anders aus. Etwa 75 Prozent aller Kulturpflanzensorten sind in den vergangenen 120 Jahren verloren gegangen. Die Saaten sind zu einem Wirtschaftsgut geworden: Etwa zehn Konzerne halten weltweit die Sortenschutzrechte an rund 75 Prozent des globalen Saatgutmarktes - zu den größten gehören Monsanto, den Bayer übernehmen will, und Syngenta.

Weniger Züchter

Samenfeste Sorten sind aus dem eigenen Samen nachbaubar, ein Gärtner kann sie selbst weiter vermehren. Dadurch entsteht eine regionale Anpassung der Sorten. Die meisten modernen Züchtungen sind dagegen Hybride – Kreuzungen, die in der ersten Generation sehr ertragreich sind. Der Gärtner muss aber bis auf wenige Ausnahmen jedes Jahr neues Saatgut kaufen. Noch sind 80 Prozent der deutschen Züchter kleine und mittelständische Betriebe. Doch in den vergangenen 20 Jahren hat ein Viertel seinen Betrieb eingestellt, aktuell gibt es noch 58 Züchter mit eigenen Zuchtprogrammen.

Solja Kaltenbach und ihr Partner Klaus Verbeck bewirtschaften seit fast 40 Jahren einen biologisch-dynamischen Hof, für sie ist die weltweite Konzentration auf dem Saatgutmarkt gefährlich. Denn die von den Konzernen gezüchteten Sorten helfen Biobauern kaum, sagen sie. Die Kritik der Ökos: Die Züchtungen seien häufig nicht widerstandsfähig genug gegen Schädlinge, angewiesen auf Pflanzenschutzmittel und bräuchten zu viele Nährstoffe in Form von Mineraldünger. Doch darauf wollen die Bios ja gerade weitestgehend verzichten.

Gemüsesorten, die für die ganze Welt gezüchtet wurden, können zudem keine regionale Anpassung besitzen, erklärt Gärtner Klaus Verbeck das Dilemma. So kämen nahezu alle Zuckermais-Sorten aus den USA. „Sie werden dort an so heißen Standorten gezüchtet wie es sie bei uns gar nicht gibt.

Von Vereinen gezüchtete Sorten sind frei verfügbar

Gruppen wie die niedersächsische Getreidezüchtungsforschung Darzau e.V. an der Elbe, die Saatgutkampagne, der Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt oder die Vereine Dreschflegel, Saatgut und Kultursaat arbeiten daher daran, Sorten zu erhalten und weiterzuentwickeln. Der Saatgutfonds der Zukunftsstiftung Landwirtschaft finanziert seit 20 Jahren Züchtungen für den Ökolandbau sowie entsprechende Zulassungsverfahren. Laut Saatgutfonds dauert ein Verfahren ökologischer und gentechnikfreier Züchtung etwa zehn Jahre und kostet mehr als 600 000 Euro.

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Die Sorten, die die vom Saatgutfonds geförderten Vereine entwickeln, sind anschließend frei verfügbar für jeden. Anders ist das bei Sorten, die von Unternehmen gezüchtet werden. Laut Ulrike Amoruso-Eickhorn vom Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter dauert die Züchtung neuer Sorten zehn bis 15 Jahre und kostet ein bis 2 Millionen Euro. „Deshalb ist es so wichtig, dass es den Sortenschutz gibt. Diese Kosten müssen zurückfließen. Auch Züchtung ist ein Wirtschaftsbereich.“ Die Investitionen müssten sich für diese Unternehmen auch bezahlt machen, so Amoruso-Eickhorn.

Der Sortenschutz besagt: Nur wenn eine Sorte zugelassen ist, dürfen ihre Früchte als Nahrungsmittel angeboten werden. Und nur wer die Rechte an einer Sorte hält, darf sie verkaufen und vermehren. Solja Kaltenbach isst die meisten ihrer Bohnen daher selbst. Oder sie macht Schmuck aus ihnen, zieht sie wie Perlen auf Ketten und Armbänder. Denn die meisten ihrer Bohnen besitzen keine Zulassung durch das Bundessortenamt.

Von Carolin George

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  • Berühmte Niedersachsen : Gerhard Schröder, Diane Kruger, Lena Meyer-Landrut, Sigmar Gabriel, Christian Wulff, Otto Waalkes, Mousse T., Klaus Meine
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