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Der Klang der Zukunft

Siemens in Cuxhaven Der Klang der Zukunft

In Cuxhaven ist in diesen Tagen Aufbruchgeist zu spüren. Alle reden über Siemens und das große Werk, das der Konzern in der verschuldeten Stadt baut. Die Fabrik für Windkraftanlagen wird so groß wie 24 Fußballfelder. 1000 Menschen sollen hier in Zukunft arbeiten.

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„Sportliches Programm“: 26 Meter lang sind die Stahlpfähle, die zur Befestigung des Siemens-Werksgeländes in den Boden gerammt werden.

Quelle: Philipp von Ditfurth

Cuxhaven. „Wer nicht schnell an die Wasseroberfläche kommt, der hat schon verloren“, sagt Rolf Fremgen. Der frühere Oberstabsbootsmann bei der Marine kennt sich aus mit Überlebensfragen. Sie sind sein Beruf. Am Cuxhavener Fährhafen lehrt der Mann aus Rheinland-Pfalz, der seit 45 Jahren an der Küste lebt, Ingenieure und zukünftige Arbeiter auf Windparks und Bohrinseln, wie man auf hoher See in Notsituationen überlebt. Kurze, entschiedene Handgriffe müssen eingebimst werden. Fremgens Trainer bringen ihren Schülern bei, wie man einen Schwerverletzten mit einer Winsch emporzieht. 1,7 Millionen Euro haben der frühere Marinesoldat und seine Kompagnons in die Sicherheitsfirma investiert, die neben dem Helgoland-Ableger am Fährhafen entstanden ist. Eines von mehreren Start-ups in Cuxhaven – einer Stadt, in der in diesen Tagen Aufbruchgeist zu spüren ist.

„Wir waren schon vor Siemens da“, sagt Fremgen – und lacht. Denn im Augenblick reden sie in Cuhaven nur über den Weltkonzern Siemens und die Mega-Investition einige Kilometer Luftlinie entfernt an der Elbe: Hier entsteht eine Fabrik für Windkraftanlagen, am kommenden Montag soll es den offiziellen Spatenstich geben. Dabei sind die entscheidenden Rammarbeiten bereits vollbracht. „Das war schon ein sehr sportliches Programm“, sagt Siemens-Projektleiter Thomas Granzow und zeigt über das riesige Werksgelände im Osten der Stadt - dort, wo bereits neue Kais entstanden sind. Im Augenblick sieht die Fläche aus wie eine Wüstenei, auf der drei große Rammen wie Ungetüme herumstehen. 1800 Stahlpfähle, jeder jeweils 26 Meter lang, sind hier in den vergangenen Monaten in die Tiefe gerammt worden, um die 173.000 Quadratmeter große Fläche zu verstärken. „So groß wie 24 Fußballfelder“, erläutert der hochgewachsene Projektleiter mit dem sympathisch norddeutschen Tonfall.

In Cuxhaven ist in diesen Tagen Aufbruchgeist zu spüren. Alle reden über Siemens und das große Werk, das der Konzern in der verschuldeten Stadt baut. Die Fabrik für Windkraftanlagen wird so groß wie 24 Fußballfelder. 1000 Menschen sollen hier in Zukunft arbeiten.

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Granzows Arbeit ist am Montag erledigt, wenn mit Staatssekretären und dem Oberbürgermeister die politische Prominenz zum symbolischen Spaten greift. „Das lief mit der Stadt Cuxhaven sehr gut – am 13. August letzten Jahres haben wir die erste Pressekonferenz gegeben, zehn Monate später sind alle Bodenarbeiten abgeschlossen und in einem Jahr wollen wir das Werk eröffnen“, berichtet der Projektleiter. Schlag auf Schlag habe man hier gearbeitet, jeweils mit Teilbaugenehmigungen. Keine Einsprüche, keine Proteste. Kein schützenswürdiger Magerrasen, kein Hamster, der die Pläne gefährden konnte. Lediglich zwei Beschwerden über den Baulärm. „Die meisten hier haben die Rammschläge nicht als störend, sondern eher als Sound der Zukunft wahrgenommen“, sagt Andrea Pospich, Erste Stadträtin und Kämmerin einer von Schulden geplagten Stadt.

Tatsächlich ist die 200-Millionen-Investition eines der größten Projekte, das der Siemens-Konzern wieder in Deutschland in Angriff nimmt. 1000 Menschen sollen hier in Zukunft im Dreischichtbetrieb arbeiten, allerdings nicht alle unter dem Siemens-Logo, sondern auch in Zuliefererbetrieben, wie Projektleiter Granzow berichtet. Die D-7 soll hier entstehen. Gemeint ist die neue Windturbinengeneration mit sieben Megawatt, wie der Siemens-Mann erläutert. Die Turbinen sollen von hier an die Küsten Großbritanniens und anderer Länder verschifft werden. Das Cuxhaven-Projekt ist eng vernetzt mit anderen Standorten, wo andere Teile der Windenergieanlagen produziert werden. „Dort an der Kai-Kante entsteht eine Roro-Rampe“, sagt Cuxhavens Oberbürgermeister Ulrich Getsch. Über sie können Fahrzeuge mit den Turbinen direkt an Bord der Schiffe fahren. Getsch macht sich im Augenblick mehr Sorgen über den drohenden Austritt Großbritanniens aus der EU als über die Frage, ob die Reform des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes die Wirtschaftlichkeit der Mega-Investition gefährden könnte.

Er weiß jedenfalls, was er an Siemens hat. Das Unternehmen wird zum größten Arbeitgeber in der 52.000-Einwohner-Stadt, die bis Mitte der Siebzigerjahre eine Domäne der Fischbarone war und jetzt vor allem als Touristenort bekannt ist. Doch als die Fischbarone abzogen beziehungsweise pleitegingen, gab es kaum noch industrielle Arbeitgeber. Die Verwaltungen von Stadt und Landkreis sowie die Klinik waren da plötzlich die größten Brötchengeber, bis vor ein paar Jahren die kräftig subventionierte Windkraft einen Boom erlebte und ein paar Windkraftunternehmen in Cuxhaven heimisch wurden. Doch auch hier drehte sich der Wind, gab es Rückschläge. Im Frühjahr 2013 streckte das Unternehmen Ward unweit der geplanten Siemens-Halle die Flügel. 200 Menschen verloren ihren Job in der Stadt an der Elbmündung, die eine Arbeitslosenquote von 5,7 Prozent hat. „Eine der Befürchtungen hier war, dass wir als großer Konzern jetzt die Arbeitskräfte absaugen“, sagt Siemens-Manager Granzow. Doch diese Befürchtung habe man entkräften können, sagt der Projektleiter, der sein „Baby“ auch vor Landfrauen, Naturschützern oder kritischen Anrainern vorstellte.

„Das Siemens-Projekt ist ein echter Lichtstreif am Horizont“, meint Wirtschaftsförderer Hans-Joachim Stietzel zu der gelungenen Ansiedelung, die bis kurz vor der Vertragsunterzeichnung noch hart umkämpft gewesen sei, auch im Siemens-Konzern. Und wenn Stietzel von einem „Lichtstreif“ spricht, hat das etwas zu bedeuten. Der Mann, Cuxhavener durch und durch, neigt sonst nicht zu großen Worten.

Als Seebad seit 200 Jahren bekannt

Schöne Strände, viele Schulden: Als Seebad ist Cuxhaven, das einst zu Hamburg gehörte, bald 200 Jahre alt. Mit Ausstellungen und einem Jubiläumsfest an der Alten Liebe feiert die Kommune am 24. Juni ihr 200-jähriges Bestehen. Hervorgegangen ist die Stadt aus dem Amt Ritzebüttel, aus dem die Hamburger die Gebiete an der Elbmündung regierten. Die 52.000-Einwohner-Stadt wird im Sommer zur 70.000-Einwohner-Stadt, wenn die Bade- und Kurgäste da sind. Neben kilometerlangen Stränden und Ausflügen ins Watt bietet Cuxhaven seinen Gästen mit den Museen Sturmstärke 10 und dem kleinen Ringelnatz-Museum in Ritzebüttel auch ein paar Anlaufpunkte für „Schietwetter“. Im Ortsteil Duhnen gibt es auch ein Meerwasserbrandungsbad.

Cuxhaven ist aber auch eine der ärmsten Kommunen Niedersachsens, die seit 1993 strukturelle Defizite hat. Deshalb hat das Land für dieses Jahr eine Entschuldungshilfe von 187,5 Millionen Euro zugesagt, die aber nur unter der Bedingung fließt, dass die Stadt jährlich 7 Millionen Euro spart oder an Mehreinnahmen verbucht, wie Oberbürgermeister Getsch und Kämmerin Pospich erklären.

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