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Die Geheimnisse der frühen Christen

Skelettfunde Die Geheimnisse der frühen Christen

Archäologen haben bei Hildesheim 111 Skelette gefunden. Nun wollen die Experten mehr über die Menschen und ihr Leben herausfinden. Fest steht bisher, dass die Menschen etwa vor 1200 Jahren starben und zu den ersten Christen in der Gegend gehörten.

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Die Skelette lagen in erstaunlich geringer Tiefe: Eine Mitarbeiterin der Grabungsfirma an der Fundstelle bei Groß Förste im Landkreis Hildesheim. Fotos: Ajamieh

Groß Förste/Hasede. War sie eine schöne Frau? Vielleicht sogar die Gattin eines Häuptlings oder eines Anführers im Dorf? Zumindest hatte sie eine sehr schöne Perlenkette, die sich über mehr als ein Jahrtausend lang in hervorragendem Zustand erhalten hat: Das filigran gearbeitete Schmuckstück in der Mille-Fiori-Technik ist vielleicht der schönste Fund aus dem Gräberfeld an der Bundesstraße 6 bei Groß Förste und Hasede (Landkreis Hildesheim).

Kampf gegen Heiden

Ob die Wissenschaftler etwas über die soziale Stellung der Besitzerin der Kette herausfinden können, ist noch unklar. Ihre Verwandtschaftsverhältnisse wollen sie hingegen rund 1200 Jahre nach ihrem Tod sehr wohl erkunden. Sicher ist: Die Frau zählte mit vielen ihrer Mitbürger zu den allerersten Christen, die in der Region lebten. Darauf weist die Ost-West-Ausrichtung der Gräber ebenso hin wie eine Gewandnadel in Kreuzform, die die Grabungsfirma zutage förderte.

Friedrich-Wilhelm Wulf, Archäologe vom Landesamt für Denkmalpflege, datiert die Kette auf das Ende des achten Jahrhunderts, vielleicht Anfang des neunten. Und damit genau in jene Zeit, in der Karl der Große die heidnischen Sachsen niederrang und sie unter Drohungen, aber auch mithilfe vieler Missionare zum Christentum bekehrte.

Das Gräberfeld östlich der Bundesstraße, das bei den Vorarbeiten zum Bau eines neuen Rewe-Markts ans Tageslicht kam, ist für die Forscher ein wahrer Schatz. Nachdem Wulf die Grabung noch einmal ausweitete, haben Mitarbeiter der Firma Archaeofirm insgesamt 111 Skelette freigelegt. Die sind zumeist sehr gut erhalten und lagen rund 1200 Jahre lang in erstaunlich geringer Tiefe im Ackerboden - während mehrere Dutzend Generationen von Landwirten oft wohl nur wenige Zentimeter höher über die Knochen hinwegpflügten.

Handelsstraße der Römerzeit

In dieser Woche hat Wulf die Skelette nach Göttingen bringen lassen, um sie am Institut für historische Anthropologie und Humanökologie der dortigen Universität genauer unter die Lupe nehmen zu lassen. Unter der Leitung von Birgit Großkopf sollen Wissenschaftler und Studenten die Skelette reinigen und untersuchen. Es geht um die Frage, wie alt die Toten wurden, aber auch um Hinweise auf Krankheiten oder Verletzungen, denen die Menschen einst erlagen - oder die sie überlebten.

Zudem soll eine Prüfung der Alt-DNA klären, ob und wie die Menschen miteinander verwandt waren. Theoretisch ließen sich dann sogar heutige Nachkommen ausfindig machen - im Harz ist dies in einem Fall über einen Zeitraum von 3000 Jahren gelungen.

„Sollte es weitere Bauvorhaben geben, könnte noch mehr ans Tageslicht kommen“, sagt Archäologe Wulf. Das gelte entlang der Bundesstraße 6 sowieso. Die ist an sich zwar ein Produkt der Neuzeit, eine Handelsstraße verlief hier aber wohl schon zur Zeit der Römer. „Grob entlang des Leinetals, in den garantiert hochwasserfreien Bereichen“, wie Wulf sagt.

Kein Wunder also, dass Bauarbeiter hier immer wieder Reste von Siedlungen freilegen. Wie den sogenannten Heidenkirchhof am Sarstedter Gewerbegebiet Am Nullpunkt, wo vor 15 Jahren zahlreiche Gräber sächsischer Krieger freigelegt wurden - mit Waffen und teilweise auch Pferden als Grabbeigabe. Die Männer waren vermutlich im Kampf gegen die Truppen Karls des Großen gefallen. „Und sie waren wohl Zeitgenossen zumindest einiger der Menschen, deren Skelette wir jetzt bei Groß Förste entdeckt haben“, sagt Wulf.

Auf jeden Fall erwarten die Wissenschaftler neue Erkenntnisse darüber, wie genau sich die Christianisierung in der Region rund um Hildesheim abgespielt hat, welche Menschen in jener Zeit hier lebten und vielleicht auch, welche Handelsbeziehungen sie unterhielten. Denn Perlenketten wie das Mille-Fiori-Exemplar waren hohe Handwerkskunst, die längst nicht in jedem Dorf beherrscht wurde. Ein Chemiker soll deshalb das Schmuckstück untersuchen und ergründen, woher das Material stammt.

Spuren noch älterer Siedlung entdeckt

Die 111 Skelette früher Christen, die die Archäologen bei Groß Förste freilegten, sind rund 1200 Jahre alt – doch bei der Ausweitung der Suche Anfang dieses Jahres stieß die Grabungsfirma auf Spuren einer noch weit älteren Siedlung.

Hinter einem Graben entlang der B 6 fand sie Reste von Holzpfosten und Keramikstücke, die auf eine Siedlung aus der Zeit um 500 vor Christus hinweisen – einer Phase der „vorrömischen Eisenzeit“ also, aus der auch eine im Sorsumer Neubaugebiet entdeckte Siedlung stammt.
Archäologe Friedrich-Wilhelm Wulf vermutet, dass sich ein Großteil unter der Bundesstraße und unter bebauten Grundstücken befindet – es dürfte schwer sein, da heranzukommen.

abu

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