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Der Norden Dieser Mann arbeitet undercover für den Tierschutz
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16:08 15.01.2019
Manchmal führt kein Weg am Fleischessen vorbei: Tierrechtler Friedrich Mülln, Gründer der „Soko Tierschutz“. Quelle: Moritz Frankenberg
Hannover

Er könnte auch ein später Student sein, wie er da in dem vegetarischen Restaurant in Hannover sitzt. Kapuzen-Sweatshirt, gestutzter Bart, hohe Stirn und ein paar widerspenstige rötliche Haarbüschel. Ein offenes Gesicht. Er hat das Menü gegessen, vegan, jetzt trinkt er Rhabarberschorle. So also sieht jemand aus, den die Agrarindustrie als Feind betrachtet. Als Kriminellen gar. Friedrich Mülln ist Tierrechtsaktivist. Er ist der Kopf eines bayerischen Vereins, der sich den Namen „Soko Tierschutz“ gegeben hat. Soko wie Sonderkommission – als seien die Tierschützer offizielle Ermittler. Das sind sie nicht. Und doch sorgen ihre Recherchen regelmäßig für Wirbel. Unlängst haben sie den Skandal um den Schlachthof in Bad Iburg (Kreis Osnabrück) aufgedeckt.

Das war im Oktober. In früheren Jahren bereits hatten sich Friedrich Mülln und sein Team in Niedersachsen mit dem Geflügelkonzern Wiesenhof angelegt, hatten Videos von der Ausstallung von Puten in einer Mastfarm bei Garrel gefilmt. Nun also Bad Iburg. Der Schlachthof dort war Mülln aufgefallen, weil aus einem Milchviehbetrieb in Sachsen-Anhalt kranke und tote Tiere Richtung Iburg abtransportiert wurden. Mülln bekam Hilfe von jemandem aus dem Umfeld des Schlachthofs. Sein Team installierte verdeckte Kameras; die Aufnahmen zeigen, wie Rinder Elektroschocks bekommen, wie sie mit einer Art Seilwinde vom Hänger gezerrt werden. Die Geschichte schlug hohe Wellen. Heute ist der Betrieb geschlossen.

Undercover unterwegs: Friedrich Mülln bei einem Einsatz auf einer polnischen Pelzfarm im Jahr 2013. Quelle: privat

Wie wird man Tierrechtler? Friedrich Mülln, 39, war sechs, als seine Eltern mit ihm von Lörrach in Baden-Württemberg nach Laufen in Oberbayern umgezogen sind. Er sprach keinen Dialekt, er hatte rote Haare, „Pumuckel“ haben sie ihn in der Schule genannt und jahrelang gehänselt. Damals entwickelte er ein feines Gespür für das Thema Gerechtigkeit. Was seine Integration in der Schule aber nicht beförderte: Später, als die anderen am Wochenende nach München in die Disco fuhren, fuhr er in die Slowakei, um eine Fuchsfarm und ihre tierquälerischen Praktiken auszuspionieren.

Müllns Vater arbeitete für den internationalen Fleischgroßhandel. Der Sohn ist seit 26 Jahren Veganer. Er mochte die Natur, war viel mit dem Opa draußen, tauchte gern in den Ferien, hatte ein Meerwasseraquarium. Dann lernte er, dass Seetiere nicht hinter Glas gehörten. Vor einem Geschäft in Kroatien, das Muscheln an Touristen verscherbelte, verteilte er sein erstes, handgetipptes Flugblatt: „Bitte, kaufen Sie keine Tierpräparate!

Nachtsichtgerät vom Vater

Bald darauf sah er eine Fernsehreportage über Ferkelkastration. Massentierhaltung, Massentierbehandlung – er war erschüttert. Mülln wollte das mit eigenen Augen sehen, setzte sich aufs Fahrrad und fuhr nach Schönau, wo es eine Truthahnfarm gab. Er spähte hinein. In einer Ecke kranke Tiere, blutende Tiere. Neben dem Stall eine Tonne, in der es raschelte. Er öffnete den Deckel: tote Truthähne und lauter Maden. An dem Abend bat Friedrich Mülln seinen Vater um seine erste Videokamera. Und er bekam sie. Und später bezahlte ihm der Vater auch ein Nachtsichtgerät. „Er fand das cool, was ich gemacht habe“, sagt Mülln und gießt Rhabarberschorle nach. „Er wusste ja, was die Fleischindustrie für eine Branche ist.“ Die Mutter hatte eher Sorge: Vegan, war das nicht ungesund? Sie kochte für den Sohn seine frühere Leibspeise, Kalbsbries. Mülln hat es gegessen. Dann nicht mehr.

Manchmal muss er aber heute doch Fleisch essen. Zum Beispiel, wenn er undercover als angeblicher Pelzhändler in China unterwegs ist, wo sie die Marderhunde für die Kapuzenfelle der Westler mit dem Knüppel erschlagen. „Wenn ich da nur Gemüse essen würde, würden die misstrauisch werden.“

Mülln erzählt, er sei gar kein „Tierfreak“. Wenn er in einem Stall mit zusammengepferchtem Geflügel steht, dann kocht bei ihm nicht die Wut über, dann macht er professionell seine Arbeit: dokumentieren, was passiert. Es geht ihm um so etwas wie Rechtschaffenheit. Dass die Spezies Mensch Tieren so etwas nicht antun darf. Er will sich für Lebewesen engagieren, die sich nicht selbst verteidigen können. 2012 hat er dafür seine eigene Organisation gegründet, die „Soko Tierschutz“. 20 Leute, die systematisch Tierleid aufdecken wollen.

Brüllende Rinder

Mülln erzählt Beispiele: Brüllende Rinder, die vor ihrer Zerlegung betäubt worden waren, aber dann doch wieder wach wurden. Schweine, bei denen bei der Schlachtung etwas schiefging und die lebendig ins Brühbad geworfen wurden. Und was ist mit Bioschlachthöfen? Sind die nicht besser? Mülln lacht fast, er hat da keine Illusionen mehr. Ein Schlachthof, erzählt er, wirke oft unwirklich. Als könne das Gehirn so eine Tötungsmaschinerie nicht recht verarbeiten.

Mülln berichtet von einem Labor in Münster, das mit schwangeren Affen und mit Babyaffen gearbeitet hat, Reprotoxikologie nennt sich das, Versuche zur Sicherheit von Produkten, die ungeborene Kinder schädigen könnten. Mülln hatte dort als Helfer angeheuert und heimlich gefilmt. Er berichtet nicht von den Dingen, die mit den Affen angestellt wurden. Er berichtet von einer Affenmutter, die mit aller Gewalt verhindern wollte, dass ihr das Junge weggenommen wurde, mit vier Mann haben sie es versucht, schließlich hat sie es selbst blutig gebissen, so verzweifelt war sie. Und natürlich hat sie am Ende verloren. Das Labor hat nach Müllns Veröffentlichungen lange gegen ihn prozessiert. Ohne Erfolg. Darauf ist Mülln stolz. Dass er nie verurteilt wurde.

„Eine vegane Welt wird es nicht geben“

Doch manchmal, wie nach einer Veröffentlichung über Tierversuche an Affen an einem Tübinger Max-Planck-Institut 2014, ist der „Soko“ auch schon reißerische Berichterstattung vorgeworfen worden. Die Mitarbeiter des Instituts wurden bedroht und beleidigt, am Ende machte es zu. Friedrich Mülln entschuldigt sich nicht dafür, aber er sagt mehrfach, dass es ihm im Prinzip darum geht, Leute nicht zu manipulieren, sondern zu überzeugen. Er will der Gesellschaft nicht, wie manche seiner Tierrechtler-Kollegen, in stalinistischer Manier den Verzicht auf die Nutzung von Tieren aufzwingen. Und er ist realistisch: „Eine vegane Welt wird es nicht geben.“

Heimliche Videoaufnahmen, die findet er okay, aber regelrechte Rechtsbrüche und Gewalt lehnt Mülln strikt ab. Er hat nur einmal das Schloss eines Müllcontainers geknackt, in dem lebendige Küken piepten. „Das war kein Verstoß, das war eine Notrettung“, sagt er.

Und den Glauben an das Gute hat er noch nicht verloren. Das liegt auch daran, dass er immer wieder Hinweise auf Missstände direkt von Beschäftigten etwa aus Tierversuchslaboren oder Schlachthöfen bekommt. „Das sind alles Menschen. Sie können noch so abgestumpft sein durch ihre Arbeit, sie haben ein Herz. Irgendwann reicht es. Dann rufen sie uns an.“

Manche Tierrechtler begehen auch Straftaten

Tierrechtsbewegungen gab es schon im 19. Jahrhundert, vor allem in England. In den Sechzigerjahren erlebten sie in Europa und den USA eine Neuauflage, in Großbritannien vor allem mit Aktionen gegen die Jagd. Bekannt wurden dann in erster Linie Gruppen, die sich auch in Deutschland mit einem radikalen Ansatz gegen Tierversuche und Massentierhaltung engagierten. Dazu gehörten etwa die Animal Liberation Front und heute vor allem die Organisation Peta (People for the Ethical Treatment of Animals).

Problematisch an Tierbefreiungsgruppen ist, dass ihre Aktivisten teilweise offen Rechtsbrüche begehen und diese mit ihren angeblich höheren Zielen begründen. In einem Zeitraum von zehn Jahren zählte das Bundeskriminalamt mehr als 2000 Straftaten im Rahmen von Aktionen der Tierrechtsbewegung. Organisationen wie Peta treten aggressiv auf und erheben den Anspruch zu wissen, was richtig und was falsch ist. Die „Soko Tierschutz“ distanziert sich von solchen Ansätzen. Keiner seiner Aktivisten, teilt der Verein mit, begehe Straftaten oder habe Vorstrafen.

Von Bert Strebe

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