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Spurensuche eines Verbrechens

Ausstellung zu von Nazis getöteten Kindern Spurensuche eines Verbrechens

Eine neue Sonderausstellung erzählt von zwölf Kindern, die während der NS-Zeit in der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg getötet wurden. Die Historikerin Carola Rudnick machte sich auf Spurensuche nach ihren Familien und Lebensgeschichten.

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In der Ausstellung werden die Schicksale von zwölf in der NS-Zeit in der Psychiatrie ermordeten Kindern erzählt.

Quelle: dpa

Lüneburg. „Er war ein lieber Junge", erinnert sich Rolf Schäfer an seinen Bruder Heinz. Ein altes Foto zeigt, wie er den sieben Jahre Jüngeren im Arm trägt. Heinz, gerade drei, lacht ihn an. Nur wenige Monate später sah der heute 84-Jährige den Bruder zum letzten Mal. Das Gesundheitsamt in Göttingen hatte den Eltern nahegelegt, den Jungen in die damalige „Kinderfachabteilung" nach Lüneburg zu geben. Heinz, der in der Entwicklung zurücklag und nicht laufen konnte, „sollte dort ganz fit werden", erinnert sich sein Bruder an das Versprechen. „Aber so ist es nicht gewesen."

Jetzt hat sich Rolf Schäfer zum zweiten Mal auf den Spuren seines Bruders nach Lüneburg begeben. Dort ermordeten Ärzte in der NS-Zeit getrieben von einer menschenverachtenden Ideologie mindestens 300 bis 350 Kinder mit Behinderung oder Entwicklungsstörungen, darunter am 23. Februar 1942 auch Heinz. Die Psychiatrische Klinik erinnert mit einer Gedenkstätte an die Verbrechen in der damaligen Heil- und Pflegeanstalt auf ihrem Gelände. Am Sonntag wurde dort eine Sonderausstellung eröffnet. Sie erzählt das Schicksal von Heinz Schäfer und elf anderen Kindern und hat ihren Ausgangspunkt in einer ungewöhnlichen Spurensuche.

2011 entdeckte ein Mediziner in der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf Präparate mit Gehirnschnitten - nach den Sektionsunterlagen auch von den zwölf in Lüneburg ermordeten Kindern. Schon über die Kleinsten von nicht einmal einem Jahr wird darin pauschal das Urteil „keine geistige Entwicklung" gefällt. Sonst sagten sie über die Kinder so gut wie nichts, berichtet die Historikerin Carola Rudnick.

Die Leiterin des Lüneburger Projektes trat deshalb an Zeitungen in den früheren Wohnorten der Kinder heran, um Angehörige zu finden. Holger Sievers aus Northeim erfuhr erstmals von diesem Teil seiner Familiengeschichte, weil seine Mutter ein Fernsehinterview mit der Historikerin sah. Heinrich Herold ist eines der ermordeten Kinder, der Cousin, den sein Vater als Kind oft in den Sommerferien besuchte. Von ihm war in Lüneburg so gut wie nichts mehr bekannt, nicht mal eine Krankenakte existiert.

Sievers Vater ist bereits vor einigen Jahren verstorben. Doch seine Mutter hat Erinnerungen und Fotos gehütet und für die Ausstellung zur Verfügung gestellt. „Sie hat zunächst Bauchschmerzen gehabt, alte Wunden aufzureißen, die nicht einmal ihre sind", erzählt der Sohn. „Doch sie wollte, dass Heinrich ein Gesicht bekommt." Auch Rolf Schäfer las einen Zeitungsartikel und dachte: „Das kann nur der Heinz sein." Für den 84-Jährigen beantwortete sich im Gespräch mit Rudnick die Frage, die schon seinem Vater keine Ruhe gelassen hatte. Warum trägt ein Junge, der angeblich an Lungenentzündung gestorben ist, einen Verband um den Kopf?

Der Vater hatte darauf bestanden, den Sarg noch einmal öffnen zu lassen, weil er den plötzlichen Tod des Sohnes nicht glauben konnte. „Er war schockiert", sagt Schäfer. Sehr wahrscheinlich wurde Heinz mit dem Wirkstoff Luminal vergiftet, bevor man ihm zu Forschungszwecken das Gehirn entnahm. Vor einem Jahr wurden die sterblichen Überreste der Kinder in Lüneburg auf einem Friedhof nahe der Klinik begraben und eine Gedenkanlage eröffnet.

Damals waren gleich drei Generationen der Schäfers dabei. Am Sonntag wurde dort zusätzlich eine Tafel mit den zwölf Namen eingeweiht. Pflegeschüler, die in ihrer Ausbildung die Geschichte aufgearbeitet haben, haben an der Ausstellung mitgearbeitet und die Tafel gemeinsam mit Rudnick erstellt. Zu der Gedenkfeier reisten die Schäfers wieder an, ebenso wie Holger Sievers mit Mutter, Frau und Tochter. Sievers sagt: „Uns ist ein würdiges Gedenken wichtig. Es ist ein Familienereignis."

epd

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