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Der Norden „Es bleibt ein mulmiges Gefühl“
Nachrichten Der Norden „Es bleibt ein mulmiges Gefühl“
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16:39 26.03.2016
Von Michael B. Berger
„Erdoganisierung“ an den Schulen: Lehrerinnen befürchten, dass der geplante Vertrag der Muslime mit dem Land eher die konservativen Kräfte stärkt. Quelle: dpa
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Mit einer so deutlichen Reaktion hatte Silke Tödter dann doch nicht gerechnet. Kaum waren die Einwände und Besorgnisse von Frauenbeauftragten und -verbänden gegen den geplanten Vertrag des Landes mit den islamischen Verbänden veröffentlicht, piepte bei der Frauenbeauftragten aus Peine das Telefon. „Die Menge der Rückmeldungen war schon beachtlich“, sagt Tödter. Und die meisten der Anruferinnen und Anrufer warnten – vor einem Rückfall in alte, überwunden geglaubte Zeiten, in denen die Frau dem Mann keineswegs Paroli bieten konnte.

Eine merkwürdige Form von Angst geht derzeit um – auch in eher linken, zuweilen grün angehauchten Kreisen, wie nicht nur Tödter berichtet. „Es geht bei der Diskussion um mehr als nur um einen Vertragsabschluss mit muslimischen Verbänden. Es geht auch um die Sorge, dass hier über die Hintertür ein ganz anderes Frauenbild eingeführt wird.“

Lauert die Scharia hinter der Tür? Wer mit einigen der Anruferinnen spricht, die sich mit ihren Sorgen an Silke Tödter gewandt haben, könnte diesen Eindruck gewinnen. Auch wenn er wohl maßlos übertrieben ist. Aber die meisten Anruferinnen, die fast alle anonym bleiben wollen, äußern ein „mulmiges“ Gefühl, wenn sie über die Diskussion im Freundeskreis über die Ausbreitung des Islam in Schule und Gesellschaft berichten. „Das Thema ist heikel“, sagt eine von ihnen, Lehrerin von Beruf. „Wir wollen auch, dass Integration vorangeht, aber wenn man von konkreten Erfahrungen berichtet und Einwände vorträgt, geschieht es sehr schnell, dass man in die rechte Ecke gestellt wird.“ Das gehe schon bei Diskussionen um das Tragen von Kopftüchern los, das das Bundesverfassungsgericht inzwischen auch Lehrerinnen freigestellt hat. „Da passiert gerade etwas an unseren Schulen.“

Dass Schülerinnen Kopftuch tragen, berichtet eine andere Lehrerin, die auch ungenannt bleiben will, nehme zu. Ebenso wie der Wunsch vieler Mulima, nicht schwimmen lernen zu wollen, auch nicht, wenn man sie auf den Burkini hinweise. „Aber es geht doch nicht, dass Frauen nicht schwimmen können“, entrüstet sich die Lehrerin, die selbst sehr viele Kontakte zu Moslems hat und deren Schüler meist Muslime sind. Sie befürchtet, dass der geplante Islamvertrag ausgerechnet die konservativen Verbände stärken werde und die außen vorlasse, die sich von der strikten Religionsausübung emanzipiert hätten. „Aber wenn man die Probleme benennt, auch an unserer Schule, wird man ruckzuck in die rechte Ecke gestellt.“ So sei es etwa einer Kollegin geschehen, die es nicht hinnehmen wollte, dass Mädchen nicht am Sportunterricht teilnehmen wollten. „Sie wurde von den Eltern der Muslima als Ausländerfeindin hingestellt.“

An den Schulen, so eine andere Lehrerin, habe sich in den vergangenen zwei oder drei Jahrzehnten viel verändert. Eine „Erdoganisierung“ habe stattgefunden. Die religiösen, sehr konservativen Kräfte würden bei den Moslems den Ton vorgeben – im Tragen von Kopftüchern etwa oder in der rigiden Einhaltung von Fastenzeiten. Diese führten mitunter dazu, dass die Kinder manchmal unterzuckert in den Unterricht kämen. „Es ist beeindruckend, aber auch erschreckend, mit welcher Disziplin die Kleinen fasten. Da entwickelt sich der Wille, für die Religion zu leiden“, sagt die Lehrerin. Sie sei frustriert, wie wenig sie mit grünen Freunden über solche Fragen sprechen könne. Dabei wolle sie die Muslime in Deutschland auch unterstützen – „aber die Liberalen und nicht die konservativen Kräfte“.

Von einer mulmigen Stimmung, gerade auch unter den Frauen, weiß auch Oberlandeskirchenrätin Kerstin Gäfgen-Track zu berichten: „Da hat sich seit Köln etwas verändert“, sagt sie mit Blick auf die massenhaften Übergriffe am Silvesterabend. Auch Gäfgen-Track haben zahlreiche Anrufe erreicht, nachdem die evangelischen Kirchen einige kritische Anmerkungen zu den Moslemverträgen gemacht haben, die sie aber unterm Strich gutheißen. „Es ist eine ganz schwierige Gemengelage: Man will bei der Integration nichts kaputtmachen, man will nichts unterstellen, weil man vieles auch nicht kennt, und man weiß, dass die Gleichberechtigung in Deutschland auch nicht vom Himmel gefallen ist, sondern mühsam erkämpft.“ Aber da könne es kein Zurück geben, sagt Gäfgen-Track. „Gerade darum müssen sich die Muslimverbände zu diesem Punkt klar äußern.“

Der Vertrag werde auch Standards setzen, ist Gäfgen-Track überzeugt. Wenn dort stehe, „am Unterricht wird teilgenommen“, dann müssten sich auch die Moslemverbände als Vertragspartner darauf einlassen. Als konkrete Unterrichtsverpflichtung steht dies allerdings noch nicht in dem Vertrag. Und die Gleichberechtigung von Mann und Frau steht derzeit in der Präambel.

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