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Studentenverbindungen sind Ziel von Attacken

Übergriffe in Göttingen Studentenverbindungen sind Ziel von Attacken

Studentenverbindungen in Göttingen sind zunehmend das Ziel von Attacken – die Stimmung in der Universitätsstadt ist aufgeheizt. In den vergangenen zwei Jahren hat es 14 körperliche Übergriffe auf Burschenschaftler und 26 Sachbeschädigungen an Verbindungshäusern gegeben.

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Die Aufzüge der Burschenschaftler mit Fahnen und Fackeln, wie hier auf einer Verbandstagung in Jena, sind der linken Szene ein Dorn im Auge.

Quelle: dpa

Göttingen . Schon seit vielen Jahren kommt es in der südniedersächsischen Universitätsstadt Göttingen zu Auseinandersetzungen zwischen Angehörigen der linken und der rechten Szene. Das jüngste Feindbild der Linken sind die Burschenschaften, von denen wiederum ein Teil sich zunehmend zu radikalisieren scheint. In den vergangenen zwei Jahren habe es 14 körperliche Übergriffe auf Burschenschaftler und 26 Sachbeschädigungen an Verbindungshäusern gegeben, sagt der Leiter des Zentralen Kriminaldienstes der Polizei Göttingen, Volker Warnecke. In jüngster Zeit seien die Konflikte heftiger geworden.

Farbbeutel und Pflastersteine: Das Haus der Burschenschaft Hannovera Göttingen ist immer wieder Ziel von Attacken. 

Quelle: pid

Die aufgeheizte Stimmung hängt unter anderem mit zwei Vorfällen im Sommer dieses Jahres zusammen. Im Juli sollen zwei Verbindungsstudenten auf offener Straße einen Studenten attackiert und erheblich verletzt haben, der sich als Sprecher der sogenannten Wohnrauminitiative engagiert.

Vier Tage später schoss ein 21-Jähriger aus dem Gebäude der Burschenschaft Germania mit einer Druckluftwaffe in ein offen stehendes Fenster eines gegenüberliegenden Studentenwohnheims, wo gerade eine Band probte. Die Universität Göttingen hatte nach dem Vorfall sämtliche Verlinkungen auf ihrer Internetseite zu Studentenverbindungen gekappt. Es sei jedoch falsch und zu kurz gegriffen, wegen des Vorfalls pauschal alle Verbindungen zu verurteilen, erklärte damals ein Sprecher.

Schlagende Verbindung ist Linksaktivisten Dorn im Auge

In den vergangenen Wochen häuften sich dann die Angriffe auf Burschenschaftler. Allein am vorvergangenen Wochenende meldete die Polizei drei Übergriffe. Erst sollen mehrere vermummte Personen vor einem Verbindungshaus zwei Studenten aus Nordrhein-Westfalen beschimpft, geschlagen und ihnen die Schärpe entrissen haben. Später sollen Unbekannte einen Verbindungsstudenten in der Innenstadt als „Scheiß Burschi“ beschimpft und verletzt haben. Am vergangenen Sonntag bewarfen dann Unbekannte das Gebäude der Burschenschaft Hannovera in der Herzberger Landstraße mit Pflastersteinen.

Vor allem diese schlagende Verbindung ist Linksaktivisten ein Dorn im Auge. Vor drei Jahren geriet die Hannovera bundesweit in die Schlagzeilen, weil sich eines ihrer Mitglieder als Administrator einer rechtsextremen Internetseite des österreichischen Neonazis und Holocaustleugners Gottfried Küssel betätigt hatte. Der Göttinger Student hatte zudem in Internetforen unverhohlen seine nationalsozialistische Gesinnung zum Ausdruck gebracht. Nachdem Medien über diese Umtriebe berichtet hatten, wurde er aus der Burschenschaft ausgeschlossen.

Große Netzwerke - aber kaum noch Einfluss an Unis

Bundesweit gibt es etwa 1000 Studentenverbindungen. Viele fühlen sich dem Brauchtum und alten studentischen Traditionen verpflichtet. Vor allem aber bilden sie weit verzweigte und einflussreiche Netzwerke: Junge Studenten werden von „Ehemaligen“ unterstützt und gefördert – bis hin zum Einstieg in das Berufsleben.

Göttingen ist niedersachsenweit der Hochschulstandort mit den meisten Studentenverbindungen, insgesamt sollen in der traditionsreichen Uni-Stadt 42 Korporationen aktiv sein. Es ist aber schwer, einen genauen Überblick zu bekommen. Bis zu diesem Sommer waren auf der Internetseite der Universität Göttingen Links zu 28 Verbindungen zu finden. Innerhalb der Hochschulgremien und der Studentenschaft spielen die Verbindungen kaum eine Rolle. Die von dem Hannovera-Mitglied Lars Steinke gegründete Hochschulgruppe „Junge Alternative“ konnte bei den jüngsten Wahlen zum Studierendenparlament keinen Sitz ergattern.

Nach Einschätzung des niedersächsischen Innenministeriums ist das burschenschaftliche Denken „häufig durch ein völkisches Selbstverständnis geprägt und weist insoweit eine Nähe zu rechtsextremistischen Ideologieelementen auf“. Das geht aus einer kürzlich veröffentlichten Antwort des Ministeriums auf eine kleine Anfrage von SPD-Abgeordneten hervor. Einige Burschenschaften hätten eine „Scharnierfunktion zwischen dem Rechtsextremismus und dem nichtextremistischen Konservatismus“. Aus diesem Grund nutzten Rechtsextremisten gelegentlich Veranstaltungen oder Publikationen von Burschenschaften als Plattform für die Verbreitung ihres Gedankenguts.

Auch NPD-Mitglieder und Neonazis sind den Erkenntnissen des Ministeriums zufolge in Burschenschaften aktiv. Eine strukturierte Zusammenarbeit oder Vernetzung zwischen rechtsextremistischen Organisationen und Burschenschaften sei allerdings nicht erkennbar. Derzeit beobachte der niedersächsische Verfassungsschutz keine Burschenschaft.

 pid

Im Verbindungshaus der Hannovera wohnt eine weitere Reizfigur der Linken. Lars Steinke war 2013 zunächst stellvertretender Vorsitzender des Göttinger Kreisverbandes der Alternative für Deutschland (AfD), trat dann aber aus „persönlichen Gründen“ zurück – ebenso ein anderer AfD-Funktionär, der auf seiner Facebook-Seite mit dem Hitlergruß zu sehen war. Vor einem Jahr gründete der Burschenschaftler die Göttinger Hochschulgruppe „Junge Alternative“, seit Kurzem ist Steinke Vorsitzender des neu gegründeten Bezirksverbandes Braunschweig.

Der 22-jährige Student gibt an, mehrfach von Vermummten angegriffen worden zu sein. Nachprüfen lässt sich dies kaum, da keine Zeugen bekannt sind. Zwar haben sich AfD-Verlautbarungen über angebliche Angriffe in Göttingen auch schon als Räuberpistolen entpuppt,  aber offensichtlich ist doch, dass beide Seiten sich nicht gerade zimperlich im Umgang miteinander zeigen.

Aktuell macht Lars Steinke mit einer Reihe von Kundgebungen auf sich aufmerksam, die jeweils sonntagnachmittags am Ehrenmal für die Weltkriegsopfer in Duderstadt stattfinden. Am zweiten Adventssonntag versammelten sich dort etwa 65 Personen. Lautstark gestört wurden sie von einer Gegendemonstration mit rund 160 Teilnehmern. Auch das deutet darauf hin, dass sich das linke und das rechte Lager gerade mal wieder richtig warmlaufen.

Von Heidi Niemann

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