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Lehrer sollen auf Radikalisierung achten

Tagung in Hannover Lehrer sollen auf Radikalisierung achten

Wie kann man erkennen, ob ein muslimischer Schüler sich radikalisiert? Wie kann man gegen die Ideologie anargumentieren? Das Kultusministerium will Lehrer und Sozialpädagogen in Niedersachsen auf diese Fragen vorbereiten und damit auch ein Frühwarnsystem etablieren.

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Neo-Salafisten – wie der Prediger Pierre Vogel – üben auf anfällige Jugendliche eine große Anziehung aus.

Quelle: dpa/Archiv

Hannover. Denn Eltern und Lehrer sind in der Regel diejenigen, die als erster mitbekommen, wenn ein Jugendlicher abzugleiten droht.

Derzeit gebe es keine Hinweise, dass Jugendliche sich an niedersächsischen Schulen radikalisiert hätten, betonte Kultusministerin Frauke Heiligenstadt noch vor Beginn einer ersten Lehrer-Tagung in Hannover am Donnerstag. „Das bedeutet aber nicht, dass wir die Hände in den Schoß legen können.“ Denn wenn es an einer Schule zu Radikalisierungstendenzen erst gekommen sei, werde es schwer gegenzusteuern.

„Die Frage ist da“, bestätigt Dirk Becker. Er ist Sozialpädagogen in der Grafschaft Bentheim und für die Tagung nach Hannover gereist. Bislang gebe es nicht viele Muslime in den Jugendgruppen, aber durch die Flüchtlinge würden es mehr. Den Sozialpädagogen fehle es an Wissen, wie man mit der möglichen Radikalisierung umgehen könnte und an Ansprechpartnern. „Ich will vorbereitet sein“, meint auch Maren Hasselhop, die aus dem Landkreis Verden angereist ist, wo sie sich mit einem Team um minderjährige unbegleitete Flüchtlinge kümmert.

Doch warum schließen sich Jugendliche, die meistenteils in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, überhaupt dem Salafismus oder gar dem Islamischen Staat in Syrien an? „Der Neo-Salafismus sei eine krude Form des Islamismus, aber er ist attraktiv“, warnt Michael Kiefer, Wissenschaftler am Institut für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück. 700 junge Männer seien bekannt („das Dunkelfeld ist vermutlich noch höher“), die aus Deutschland in den Krieg gezogen sind. Zunehmend würden auch Frauen sich dem IS anschließen. Ein wichtiger Punkt sei das Gemeinschaftsgefühl: „Man wird aufgenommen und geachtet, ja sogar erhöht“, sagt Kiefer. Schließlich gehöre man jetzt zu einer Avantgarde, einer Elite-Truppe in der „Schlacht aller Schlachten“ zwischen Gläubigen und Ungläubigen. „Man muss einfach sehen, dass einige unter uns überzogene Macht- und Gewaltphantasien haben“, sagt Kiefer: Wer eben noch Fünfen in Mathe geschrieben hat, ist jetzt Herr über Leben und Tod.

Zudem werde den meistens strauchelnden Jugendlichen – 40 Prozent der Syrienreisenden sind vor ihrem Kontakt mit Islamisten straffällig geworden – ein festes Wertesystem geboten: die gesamte Welt wird eingeteilt in haram (verboten) und halal (geboten), der Alltag ist bis ins kleinste geregelt. Und wer sich nicht an diese Gebote hält, dem droht die Hölle.

Daneben feiert die IS-Propaganda einen überzogenen Männlichkeitskult: „Schwarze Kampfanzüge, wallendes Haar, auch nach harten Kämpfen lächeln – das ist attraktiv für Männer, aber auch für Frauen, die sich sagen: Lass uns nach Syrien gehen und einen dieser Löwen heiraten“, sagt Kiefer. Das mag für die meisten Deutschen seltsam wirken, aber es sei nunmal attraktiv für Heranwachsende: „Es ist ein Adoleszenzproblem.“

Ein wichtiger Punkt sei die Mediennutzung, denn die Propaganda des IS laufe über soziale Netzwerke. „Ein enorm wichtiger Punkt“, so Kiefer. Beschlagnahmen oder kontrollieren könne man die Smartphones seiner Kinder und Schüler nicht, aber thematisieren müsse man diese Propaganda.

In Niedersachsen gebe es bereits verschiedene Maßnahmen gegen diese Tendenzen, unter anderem die „Schule gegen Rassismus“, ein Netzwerk, dem sich 230 Schulen landesweit angeschlossen haben, betonte Heiligenstadt. Das Land setzt aber auch große Hoffnungen in den islamischen Religionsunterricht, in dem ein reflektierter und kein dogmatischer Islam vermittelt wird. Da die Ausbildung aber erst 2012 gestartet ist, gibt es bislang nur 30 Religionslehrerinnen. Letztlich könne aber auch dieser Unterricht nicht alle Probleme lösen, mahnt Tünay Aygün, Islam-Lehrerin aus Hannover: Es sei Aufgabe auch der Familie und der gesamten Gesellschaft.

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