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Tausend Flüchtlinge in Hundert-Einwohner-Dorf

Ein Dorf in Sorge Tausend Flüchtlinge in Hundert-Einwohner-Dorf

"Keine Infrastruktur, am Arsch der Welt:" In Sumte bei Lüneburg leben 100 Menschen, es gibt keinen Bäcker, der Bus fährt nur einmal pro Woche. Doch jetzt soll das Dorf 1000 Flüchtlinge aufnehmen. Die Bürger fragen sich: Wie soll das funktionieren? HAZ-Reporter Heiko Randermann hat sich vor Ort umgehört.

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"Am Arsch der Welt": Sumtes Ortsvorsteher Christian Fabel.

Quelle: Wallmüller

Sumte. Wenn Christian Fabel sein Heimatdorf Sumte inmitten der flachen Elbtalaue, mit seinen gewundenen Obstbaumalleen, den schwarzbunten Kühen und Haflingern auf den Weiden beschreibt, bringt er die Dinge schnell auf den Punkt: „Dorfbevölkerung: 100. Keine Infrastruktur, am Arsch der Welt.“ Als Ortsvorsteher kennt Fabel jeden Einwohner, wenn er einen auf der Straße trifft, dann duzt man sich. Und Fabel weiß, welche Sorge seinen Ort derzeit umtreibt: „1000 Leute sind zu viel für Sumte. Mit 200 bis 300 wären wir hier zurechtgekommen. Aber 1000?“

100 Menschen, kein Bäcker, der Bus fährt einmal pro Woche: Dennoch soll Sumte jetzt 1000 Flüchtlinge aufnehmen. Die Bürger fragen sich: Wie soll das funktionieren?

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So viele Flüchtlinge will das Land Niedersachsen noch im Oktober in Sumte in einem leer stehenden Bürogebäude unterbringen. Eine Inkassofirma hatte hier bis 2012 ihren Hauptsitz, seither stehen die Bürobungalows leer. Fabel wurde vom Land über die Neunutzung per Mail informiert, letzte Woche Dienstag, um 14 Uhr. "Ich muss sagen, dass mich schon diese Information überfordert hatte", so Fabel. Zehn Flüchtlinge auf einen Dorfbewohner? Wie sollen die versorgt werden? Und mit wem durfte er jetzt schon darüber reden?

"Die Sicherheit muss gewährleistet werden."

Fabel schwieg, doch die Nachricht sickerte trotzdem innerhalb weniger Tage durch. Seither ist das ganze Dorf in Aufruhr. "Man geht da mit gemischten Gefühlen ran", sagt Christian Schreiber. Der 29-Jährige ist vor wenigen Jahren nach Sumte gezogen, mit seiner Frau und dem zehn Monate alten Baby wohnt er direkt neben der Flüchtlingsunterkunft. "Wir sind hergezogen, um unsere Ruhe zu haben", sagt er. Doch wenn nebenan plötzlich 1000 Leute wohnen, wäre es damit wohl vorbei. Sein wichtigster Wunsch: Die Sicherheit müsse gewährleistet werden.

Bei einer Bürgerversammlung macht sich der Unmut Lust. Mit  250 Personen hatte Neuhaus' Bürgermeisterin Grit Richter gerechnet, am Ende sind es wohl mehr als 500, die sich in den Hotelsaal drängeln. "Das sind vor allem Männer, die da kommen, die haben Bedürfnisse. Können wir als Frauen oder Mädchen noch sicher sein?" ruft eine Frau wütend in den Raum. "Ich möchte, dass der Tourismus so bleibt, wie er ist", ruft ein Mann.

Die Angst vor der Überforderung, vor den vielen Fremden wird immer wieder betont - den meisten Applaus aber gibt es, wenn jemand die Benachteiligung des Amt Neuhaus auch während der DDR-Zeit anspricht und den Bogen in die heutige Situation schlägt. "Die Menschen hier sind immer wieder enteignet worden, durften ihr eigenen Boden nicht betreten. Jetzt werden sie wieder enteignet", beschwert sich ein Unternehmer.

Polizei, Malteser-Samariter-Bund und Alexander Götz vom Innenministerium, versuchen die Wogen zu glätten. Götz zeigt viel Verständnis, spricht von seinen eigenen Kindern, sagt, dass er die Sorgen nachvollziehen könne, sagt aber auch "aber das Land ist auch gezwungen, unfreundliche Entscheidungen zu treffen". Man müsse die Menschen unterbringen und könne sie nicht in Obdachlosigkeit entlassen. "Die eine Gemeinde  hat eine Einrichtung, die wir nutzen  können, die andere nicht."

 „Die Information ist nicht besser als zu DDR-Zeiten.“

Ein Sicherheitsdienst müsse in die Einrichtung, auch eine ständige Polizeipräsenz, fordert der CDU-Politiker. Die Nachrichten von Krawallen in Aufnahmelagern in Braunschweig und Friedland haben die Menschen aufgeschreckt. Doch woher die Beamten kommen sollen, ist unklar: Im gesamten Amt Neuhaus mit seinen 4700 Einwohnern gibt es nur vier Polizisten.

Mehr Polizisten werde es nicht geben, sagt Polizeidirektor Hans-Jürgen Felgentreu. Aber es werde mehr Streifen geben und eine enge Zusammenarbeit mit der Hilfsorganisation. "Die Anfangswege sind für die Polizei viel zu weit. Das klappt nie", ruft einer dazwischen. "Das werden wir sehen", meint Felgentreu. Es gebe derzeit keine Hinweise auf zunehmende Kriminalität im Umfeld von Notunterkünften.

"Wir können die Sorgen verstehen, die so ein Plan in einer so kleinen Gemeinde auslösen kann", sagte ein Sprecher des Innenministeriums. Angesichts der weiter hohen Zuzugszahlen gebe es keine Alternative zu der vorübergehenden Einrichtung der Notunterkunft in Sumte: "Wir müssen nach jedem Strohhalm greifen."

Reinhold Schlemmer gehört ebenfalls zu den unmittelbaren Nachbarn der neuen Flüchtlingsunterkunft in Sumte. Er hatte sogar maßgeblichen Anteil daran, dass das Bürogebäude dort überhaupt steht. "Ich war der letzte DDR-Bürgermeister", sagt Schlemmer, nach der Wende konnte er die Firma zu der Ansiedlung überzeugen. Er begrüßt, dass nun wieder Leben in die Büroräume kommt. "Die vielen Frauen und Kinder, die müssen doch ein Dach über den Kopf kriegen." Und auch Sumte könne profitieren, rechnet der erfahrene Kommunalbeamte vor: "Wenn welche hierbleiben, dann ist das gut für die Mittelzuweisung an die Gemeinde." Eines allerdings ärgert Schlemmer: Dass alle im Dorf so spät von den Plänen des  Landes erfahren hätten. "Die Information ist nicht besser als zu DDR-Zeiten."

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