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So fährt es sich im neuen Gigaliner

Lang-Lkw So fährt es sich im neuen Gigaliner

Seit Jahresbeginn sind Lang-Lkw, sogenannte" Gigaliner" offiziell auf ausgewählten Strecken offiziell erlaubt. Die 25 Meter langen Fahrzeuge waren lange umstritten. Doch sind sie wirklich eine Gefahr für den Verkehr? Wir haben einen Fahrer begleitet.

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Der Gigaliner von Alexander Sauer auf einer Landstraße.

Quelle: Tim Schaarschmidt

Bramsche. Das Lächeln von Alexander Sauer reicht vom Kinn bis zum Haaransatz. „Es ist schon etwas Außergewöhnliches“, sagt er stolz. Bereits mit 28 Jahren dürfe er den längsten in Niedersachsen zugelassenen Lastkraftwagen steuern. 25,25 Meter misst sein Gefährt und ist damit 6,5 Meter länger als ein herkömmlicher Lkw. Diese zusätzlichen Meter haben ihm die Namen „Gigaliner“, „Riesen-Lkw“ oder „Monstertruck“ eingebracht.

Dabei wirkt das Fahrzeug nicht wie ein Monstrum. Lediglich der hintere Anhänger ist etwas länger als beim normalen Sattelzug. Sauer ist trotzdem stolz. „Nicht jeder fährt so ein großes Gerät“, sagt er und lenkt den Lang-Lkw über die Bundesstraße 68 von der Spedition Hellmann in Osnabrück zu einem Kunden nach Bramsche.

Seit Beginn des Jahres sind die Lang-Lkws offizell auf deutschen Straßen erlaubt. Wir sind mitgefahren.

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Seit dem 1. Januar darf Sauer das: Nach fünf Jahren im Testbetrieb hat Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) den Regelbetrieb erlaubt - auch in Niedersachsen rollen die Lang-Lkw nun regulär über ausgewählte Bundesstraßen und Autobahnen. Ihr Einsatz ist dennoch umstritten. So warnt die Allianz Pro Schiene: „Riesen-Lkw sind eine Gefahr für die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer.“ Sie schadeten der Umwelt, weil sie zu mehr Lkw-Fahrten führten und Milliardenkosten für Steuerzahler verursachten, weil die Straßen für die langen Fahrzeuge nicht geeignet seien. „Kurz: Riesen-Lkw sind gefährlich, umweltschädlich, teuer“, so das Fazit der Interessensgemeinschaft für den Schienenverkehr.

Diese Einschätzung teilt Sauer naturgemäß nicht. Klar, mit einem großen Fahrzeug trage er auch eine große Verantwortung. Auch brauche man neben einer eintägigen Fortbildung das nötige Gespür für das massige Fahrzeug - und die entsprechende Erfahrung. In den vergangenen vier Jahren habe er allerdings genügend Fahrpraxis gesammelt. „Man muss schon die Fahrlinie beibehalten“, erklärt er.

Im Rückspiegel wird deutlich warum. Der hintere Auflieger schwenkt merklich aus, als er eine Kurve durchfährt, und bewegt sich dabei ein gutes Stück in Richtung der Gegenfahrbahn. „Wenn der zu weit rauskommt, könnte es schon mal sein, dass vom entgegenkommenden Lkw der Seitenspiegel ab ist“, sagt Sauer und fährt im ernsten Ton fort: „Bei der Länge des Lkw ist das Maximum sicherlich ausgereizt.“ Kurz vor der Ankunft beim Kunden muss Sauer einen Kreisverkehr passieren. „Sehen Sie, kein Problem“, sagt er, durchfährt den Engpass mit mäßiger Geschwindigkeit und nimmt ohne Probleme die dritte Ausfahrt.

Mithilfe einer Kamera manövriert der 28-Jährige seinen Lang-Lkw rückwärts an die Lagerhalle, aus der er mit allerhand Papierwaren wie Tischdecken, Servietten und Bechern befüllt wird. Die Ladung ist leicht und braucht viel Platz, ist also ideal für einen Gigaliner. Denn trotz des größeren Ladevolumens darf ein Lang-Lkw nicht schwerer beladen werden als ein normaler Lastwagen: Bei 44 Tonnen ist Schluss. „Insofern geht es nicht um die zusätzliche Belastung unserer Straßen und Brücken, sondern eher sogar um eine Entlastung, da das Gewicht besser auf mehrere Achsen verteilt ist“, hatte Landesverkehrsminister Olaf Lies (SPD) zu den Befürchtungen gesagt, Gigaliner könnten für größeren Verschleiß der Straßen sorgen.

Zudem, meint Lkw-Fahrer Sauer, seien mit Gigalinern weniger Fahrten beim Transport leichter Waren nötig. „Und das bedeutet weniger Umweltbelastung.“ Die Annahme von Kritikern, dass künftig bis zu 6000 Lang-Lkw auf deutschen Straßen fahren könnten, kann Sauer nicht nachvollziehen. Wenn man die Fahrzeuge richtig einsetze, sei eher von weniger auszugehen.

Technik soll Sicherheit bringen

Bisher können Speditionen die Lang-Lkw aber nur begrenzt einsetzen: Lediglich ein Teil der Bundesstraßen und Autobahnen in Niedersachsen sind für die Gigaliner freigegeben. Auf dem Weg von Osnabrück in Richtung Ost gibt es für Sauer ein weiteres Problem: In Nordrhein-Westfalen sind die langen Fahrzeuge noch verboten. So muss er die Strecke über die A 30 und durch Bad Oeynhausen bisher meiden. „Dabei würden wir gerne besser unseren Standort in Lehrte anfahren können“, sagt er.

Um Unfällen vorzubeugen, ist sein Fahrzeug zudem mit verschiedenen Assistenzsystemen versehen: Abstandsmesser, Tempomat, Spuren- und Bremsassistent gehören zur vorgeschriebenen Ausstattung. Letzterer sei besonders wichtig und ebenso effektiv. „Das fühlt sich an, als wenn man einen Anker schmeißt“, sagt Sauer. Der Bremsweg eines Lang-Lkw sei sogar kürzer als bei einem herkömmlichen, da er über mehr Räder verfüge, die die Bremswirkung verstärkte.

Zurück in Osnabrück zeigt Sauer auf den Kilometerstand - 703 000 steht dort. „Beim Stand von 180 000 Kilometern haben wir ihn bekommen“, sagt er. Gut 500 000 Kilometer Erfahrung also. „Da sehen Sie, warum ich so locker bin.“

Nach fünfjähriger Testphase ist die Diskussion noch nicht beendet

Mit 25,25 Metern ist der Lang-Lkw nicht der längste seiner Art: In Australien etwa bringen sogenannte „Road Trains“ mit einer Fahrzeuglänge von bis zu 53,50 Metern Ladungen von maximal 125 Tonnen durch weitestgehend unbesiedelte Gebiete. Wenn auch nur halb so lang, sind die Lang-Lkw in Deutschland umstritten. Daher waren nur sieben Bundesländer seit 2012 am Feldversuch beteiligt. Die Lang-Lkw dürfen bisher nur ausgewählte Straßen befahren, die im sogenannten Positivnetz zusammenfasst sind. Dieses hat eine Länge von etwa 11.600 Kilometern, wobei Autobahnen dabei mit 70 Prozent den größten Anteil haben. Von allen Gemeindestraßen in Deutschland sei lediglich ein Promillebereich freigegeben, heißt es im Abschlussbericht der Bundesanstalt für Straßenwesen zum Feldversuch. In Niedersachsen dürfen derzeit rund 30 Orte angefahren werden, die meisten davon liegen nahe der Autobahn, wie etwa der Flughafen Hannover. Neben der Allianz Pro Schiene sieht auch das Bundesumweltministerium die Freigabe der Lang-Lkw kritisch. Umwelt-Staatssekretär Jochen Flasbarth sprach von unklaren Auswirkungen auf Umwelt und Schienenverkehr und rechnete mit 80.000 zusätzlichen Fahrzeugen auf den Straßen. Bisher sind etwa 160 Lang-Lkw in Deutschland angemeldet.

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Niedersachsen in Zahlen
  • Landeshauptstadt : Hannover
  • Ministerpräsident: Stephan Weil
  • Fläche : 47.634,90 km²
  • Einwohner : 7,791 Mio
  • Bevölkerungsdichte : 135 Einwohner je km²
  • Letzte Landtagswahl : 20. Januar 2013 
  • Nächste Wahl : 15. Oktober 2017
  • Wirtschaft : Firmendatenbank
  • Geographie : Niedersachsen hat im Norden eine natürliche Begrenzung durch die Nordsee, die Unterelbe sowie den unteren Mittellauf der Elbe. Als Enklave vom Landesgebiet umgeben ist das Land Bremen.
  • Berühmte Niedersachsen : Gerhard Schröder, Diane Kruger, Lena Meyer-Landrut, Sigmar Gabriel, Christian Wulff, Otto Waalkes, Mousse T., Klaus Meine
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