Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Urteil gegen IS-Rückkehrer steht bevor

Syrien-Rückkehrer Urteil gegen IS-Rückkehrer steht bevor

Sie stehen ganz im Fokus der Terrorfahnder: Syrien-Rückkehrer, die hierzulande zu Attentätern mutieren können. Über zwei dieser radikalisierten jungen Männer wird das Gericht in Celle bald urteilen. Was kann die Prävention aus ihrem Schicksal lernen?

Voriger Artikel
Verletzte nach Schlägerei in Aufnahmeeinrichtung
Nächster Artikel
Zwei Tote bei Feuer in Einfamilienhaus

Der Angeklagte Ayoub B. (l) steht am 15.09.2015 im Oberlandesgericht in Celle vor dem Vorsitzenden Richter Henning Meier.

Quelle: dpa

Wolfsburg. Begeistert zogen sie aus Niedersachsens Provinz auf das Schlachtfeld der Terrormiliz Islamischer Staat. Es sind junge Männer wie die beiden in Celle angeklagten Syrien-Rückkehrer, die nach den Anschlägen von Paris mehr denn je im Fokus der Terrorfahnder stehen. Auch wenn die zwei Deutsch-Tunesier auf das Oberlandesgericht nicht den Eindruck tickender Zeitbomben gemacht haben, gibt es viel Anlass zur Sorge, wie leicht die Männer sich von einem IS-Prediger in Wolfsburg einlullen ließen und wie wenig die Behörden trotz Hinweisen von Angehörigen tun konnten, um die Ausreise der zwei zu stoppen. An diesem Montag will die Bundesanwaltschaft ihr Plädoyer in dem Terrorprozess halten. Maximal drohen zehn Jahre Haft.

So viel steht fest: Schon bald nach ihrer Ankunft in Syrien 2014 wollten die beiden 26 und 27 Jahre alten Angeklagten eigentlich schon wieder zurück nach Hause. Ein für Muslime paradiesisches neues Land hatte ein Prediger den zweien in Wolfsburg versprochen, einmal vor Ort aber wurden sie vor die ultimative Wahl gestellt: Willst Du Kämpfer werden oder Selbstmordattentäter? Mit dem erhofften Koranstudium hatte das nichts zu tun. Der eine landete dann nach eigener Schilderung als Krankenwagenfahrer auf dem Schlachtfeld, der andere sollte ein Selbstmordattentat verüben. Beiden gelang unter einem Vorwand der Weg zurück.

Das Oberlandesgericht hatte im Laufe des Prozesses durchblicken lassen, dass es die beiden Dschihad-Touristen für geläutert hält. Die zwei hätten das Tatgeschehen weitgehend gestanden und sich davon auch durch ihre Flucht aus Syrien zurück nach Deutschland distanziert, erklärte der Vorsitzende Richter. Es gebe keine Gefahr mehr, dass sie ihre Aktivitäten für den sogenannten Islamischen Staat fortsetzten. Das beruhigt kaum, den spätestens nach dem Terroralarm in Hannover rund um die abgesagte Fußballpartie Deutschland-Holland ist klar, das es für eine Bedrohung im norddeutschen Flachland nicht unbedingt örtlicher Drahtzieher bedarf.

Wie aber - und das ist für die künftige Prävention entscheidend - konnten die zwei und mit ihnen dutzende andere Wolfsburger überhaupt in die Fänge der Terrormiliz gelangen? Es sei ein charismatischer Prediger gekommen, der gezielt labile Männer ins Visier genommen habe, sagten die Angeklagten im Prozess. Blindlings liefen die zwei dem «wissenden Bruder» nicht hinterher. Eltern und der Moscheevorstand warnten, in dem tunesischen Gotteshaus hatte der Mann sogar Hausverbot. Angehörige von einem der Männer wandten sich sogar an das Landeskriminalamt (LKA), um seine drohende Ausreise Richtung Syrien zu verhindern - die Behörde sah dazu rechtlich aber keine Möglichkeit.

Auch die von dem späteren IS-Anwerber ausgehende Gefahr hatten die Behörden - der Eindruck zumindest entstand im Prozess - nicht durchgängig im Blick. Dabei hatten die Fahnder bereits 2011 von einer Moscheegemeinde erste Hinweise auf den radikalen Islamisten, der erst einer Untergruppierung von Al Kaida angehörte. Nicht beantwortet wurde vom Ermittlungsleiter des LKA, inwiefern der Verfassungsschutz frühzeitig schon vor der Ausreisewelle die Radikalisierung junger Männer in der türkischen Moschee in Wolfsburg im Blick hatte. Eine Genehmigung, über diese Hintergründe auszusagen, erhielt er nicht.

Klar geworden ist in dem Prozess allerdings, dass radikalisierte junge Männer aus dem Westen beim IS nicht ausschließlich als Kanonenfutter dienen. Vor drei Wochen sagte ein IS-Rückkehrer aus dem Ruhrgebiet als Zeuge aus, der im Geheimdienst der Terrormiliz tätig war und dabei auch deutsche Neuankömmlinge auf ihre Verlässlichkeit hin durchleuchtete. Und wer den Islamisten den Rücken kehrt - das zeigte sich im Fall eines der Angeklagten - der kann auch in Deutschland Repressalien fürchten. Den Namen des Rückkehrers fand die Polizei auf einer Todesliste des IS. Vorerst dürfte er sich hinter Gittern sicher fühlen können.

Michael Evers

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Prozess gegen IS-Rückkehrer
Foto: Der angeklagte Ayoub B. ist wegen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung angeklagt.

Der Verteidiger des IS-Rückkehrers Ayoub B. hat im Prozess vor dem Oberlandesgericht Celle die Einstellung des Verfahrens gefordert und Vorwürfe gegen die Polizei erhoben. Diese habe den Angeklagten trotz Hinweisen auf IS-Anwerber in Wolfsburg nicht an der Ausreise gehindert. Dazu soll ein Polizist im Zeugenstand gelogen haben.

mehr
Mehr aus Der Norden

Finden Sie, dass es momentan zu viele schlechte Nachrichten gibt? Das möchten wir gerne ändern, und zwar mit Ihrer Hilfe. Gemeinsam mit dem NDR, den Kieler Nachrichten, der Ostsee-Zeitung in Rostock und dem Hamburger Abendblatt sammeln wir die guten Nachrichten der Leser und Hörer. Teilnehmer können einen exklusiven Besuch der Elbphilharmonie in Hamburg gewinnen.  mehr

So schön ist Niedersachsen aus der Luft

Von Harz über Heide bis zur Nordsee: Die schönsten Luftaufnahmen von Niedersachsen.

Niedersachsen in Zahlen
  • Landeshauptstadt : Hannover
  • Ministerpräsident: Stephan Weil
  • Fläche : 47.634,90 km²
  • Einwohner : 7,791 Mio
  • Bevölkerungsdichte : 135 Einwohner je km²
  • Letzte Landtagswahl : 20. Januar 2013 
  • Nächste Wahl : 2018
  • Wirtschaft : Firmendatenbank
  • Geographie : Niedersachsen hat im Norden eine natürliche Begrenzung durch die Nordsee, die Unterelbe sowie den unteren Mittellauf der Elbe. Als Enklave vom Landesgebiet umgeben ist das Land Bremen.
  • Berühmte Niedersachsen : Gerhard Schröder, Diane Kruger, Lena Meyer-Landrut, Sigmar Gabriel, Christian Wulff, Otto Waalkes, Mousse T., Klaus Meine
Ein Haus voller Weihnachtsbäume

110 Weihnachtsbäume, 130 Lichterketten und 16 000 Christbaumkugeln: Das Haus von Familie Jeromin in Rinteln im Landkreis Schaumburg erstrahlt in der Adventszeit als kunterbunte Weihnachtswelt.