Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -8 ° wolkig

Navigation:
Vater fordert neuen Prozess im Fall Frederike

DNA-Technik liefert neue Beweise Vater fordert neuen Prozess im Fall Frederike

Es gibt dank neuer DNA-Technik kaum noch Zweifel, wer die Schülerin Frederike vor 34 Jahren ermordet hat. Ihr Vater fordert einen neuen Prozess. Aber das Recht kann unerbittlich sein. Hat die Justiz jemanden einmal freigesprochen, dann gilt das praktisch für immer.

Voriger Artikel
Anklage wegen Untreue gegen Ex-Polizeichef
Nächster Artikel
Katze verletzt Ehepaar schwer im Gesicht

„Unerträglich“ ist für Hans von Möhlmann nicht nur der Verlust seiner Tochter Frederike, sondern auch der Verlust des Vertrauens in das Rechtssystem. 

Quelle: dpa / Fuchs

Lüneburg. Es gibt diesen Moment im Gerichtssaal, da hebt Hans von Möhlmann den Kopf und schaut stumm nach oben, als könne nur von dort noch Hilfe kommen.

Aufrecht, den Rücken durchgedrückt, so sitzt er auf seinem Stuhl, um Haltung bemüht. Die Hände übereinandergelegt, als sollten sie einander kontrollieren. Aber dann bricht es eben doch aus ihm heraus, Unverständnis, Wut.

„An wen hätte ich mich denn wenden sollen?“, fragt er. An wen, wenn nicht an ein Gericht? An wen, wenn nicht an die Justiz?

Es ist Mittwoch, kurz vor zwölf im Saal 142 des Landgerichts Lüneburg. Es ist der letzte Versuch des 72-jährigen Hans von Möhlmann, Gerechtigkeit zu finden. Und es sieht alles danach aus, als würde auch dieser Versucht scheitern.

Die Geschichte Hans von Möhlmanns ist die Geschichte eines verzweifelten Vaters, dessen Tochter vergewaltigt und ermordet wurde. Hans von Möhlmann hat es geschafft, dass die ganze Welt den Mann kennt, der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Täter ist. Und doch ist dieser Mann frei - und wird es wohl immer bleiben. Denn dies ist auch die Geschichte einer Justiz, die in Extremfällen lieber ein gewaltiges Unrecht akzeptiert als sich selbst zu korrigieren. Es ist ein Fall, in dem Recht und gefühlte Gerechtigkeit unfassbar weit auseinanderliegen.

Das junge Leben der Frederike von Möhlmann endete am 4. November 1981, in einem Waldstück bei Hambühren, nicht weit von Celle. An diesem Tag hat sich die 17-jährige Gymnasiastin in ihrem Wohnort Oldau aufgemacht nach Celle, zur Chorprobe der Stadtkantorei, wie jeden Mittwoch. Und wie jeden Mittwoch fuhr kein Bus mehr nach Oldau, als die Probe vorbei war. Frederike stellte sich dann oft als Anhalterin an die Straße, obwohl sie es nicht gern tat. Sie hat sich selbst zur Vorsicht einige Regeln auferlegt: Nur einsteigen bei Celler Kennzeichen, nie in Autos mit mehreren Männern. Die Regeln haben sie nicht geschützt.

Am 8. November wurde Frederikes Leiche gefunden, das Waldstück liegt auf halber Strecke zwischen Celle und Oldau. Elfmal hatte der Täter auf Frederike eingestochen. Zum Schluss hat er ihr die Kehle durchgeschnitten. Sie hatte wohl versucht zu fliehen, ohne Schuhe. An ihren Strümpfen klebte Walderde.

Reifenspuren bringen die Ermittler auf Ismet H., einen heute 56-Jährigen aus dem Osten der Türkei, der drei Jahre zuvor nach Deutschland gekommen war. Er fuhr einen BMW, zu dem die Spuren passten. An Frederikes Kleidung hatte die Polizei Fasern gefunden, die zweifelsfrei von jenen Teppichen und Kissen stammten, die Ismet H. in seinem Wagen ausgelegt hatte. Für das Landgericht Lüneburg war dies am 1. Juni 1982 der Hauptgrund, H. wegen Mordes zu verurteilen.

Doch seine Verteidiger fechten den Schuldspruch an, der Bundesgerichtshof verweist den Fall an das Landgericht Stade - und das spricht H. 1983 frei. Ein Sachverständiger hatte erklärt, dass die Reifenspuren nicht von H.s BMW stammen könnten. Zwar blieben die Faserspuren, ein sehr starkes Indiz. Aber die Richter folgten den Zweifeln.

„Ich nahm das damals einfach so hin“, sagt Hans von Möhlmann. Er vertraute darauf, dass die Justiz richtig liegt. Er hat sich geirrt.

Den Sozialarbeiter, der heute in der Nähe von Hannover lebt, hatte das Verbrechen an seiner Tochter aus der Bahn geworfen. Er verlor seine Arbeit, kam vier Monate in eine Klinik, verpasste den ersten Prozess.

Hans von Möhlmanns Zweifel erwachen erst in den Neunzigerjahren, als er immer häufiger von lange zurückliegenden Verbrechen liest, die mithilfe von DNA-Analysen endlich aufgeklärt werden. Er schreibt an die Polizei, an Politiker - und hat 2011 beim damaligen niedersächsischen Innenminister Uwe Schünemann endlich Glück. Der lässt die Kleidung noch einmal untersuchen. Tatsächlich finden Beamte des Landeskriminalamts Hannover an einer Binde Frederikes Spuren, die von Ismet H. stammen. Es gibt nun keinen vernünftigen Zweifel mehr, wer Frederike ermordet hat.

Aber das Recht kann unerbittlich sein. Hat die Justiz jemanden einmal freigesprochen, dann gilt das praktisch für immer. Niemand darf wegen eines Verbrechens zweimal bestraft oder auch nur angeklagt werden. Das ist gut, wenn das Urteil korrekt war. Es ist sehr schlecht, wenn das Urteil falsch war.

Ismet H., der an einem geheimen Ort in Niedersachsen lebt, müsste ein Geständnis ablegen, damit es einen neuen Prozess geben könnte. Aber es gibt für ihn, zurückhaltend ausgedrückt, nicht besonders viele Gründe, dies zu tun.

„Unerträglich“, so nennt Hans von Möhlmann seine Situation. Er kennt den mutmaßlichen Mörder seiner Tochter. Aber er kann nichts tun. Er ist ohnmächtig. Oder doch nicht so ganz?

Es ist der Wiesbadener Anwalt Wolfram Schädler, ein ehemaliger Bundesanwalt, der 2014 eine Idee hat: eine Schadenersatzklage gegen Ismet H., ein Zivilprozess. Es ist ein Versuch, den Fall wieder öffentlich zu machen, H. unter Druck zu setzen, ihn vielleicht doch zum Reden zu bringen. Das Problem: Solche Ansprüche verjähren nach 30 Jahren, in diesem Fall also 2011. Aber was ist, wenn neue Beweise auftauchen?

„Herr von Möhlmann hatte ja gar keine Chance, seine Ansprüche vor der Verjährung zu stellen“, sagt Schädler. Er will erreichen, dass die Frist in diesem Fall aufgehoben wird.

Und so sitzen er und sein Mandant an diesem Mittwoch im Saal 142 des Landgerichts Lüneburg. Aber es ist rasch klar, dass Frederike und ihr Vater auch an diesem Tag der Gerechtigkeit nicht näherkommen werden. Die Richterin hält die Ansprüche für verjährt. „Man mag diese Frist für politisch verfehlt halten“, sagt Christa Dopatka. „Aber wir sind an das Gesetz gehalten.“ Im Übrigen solle er sich doch fragen, ob er für den weiteren Rechtsweg wirklich genug Geld habe, fordert sie Hans von Möhlmann auf.

Das ist der Moment, in dem die Verzweiflung doch zu groß wird. Da stellt er seine Frage. Das Einzige, was er in der Verhandlung sagt. „An wen hätte ich mich denn wenden sollen?“ Aber das ist der Richterin dann doch schon zu viel. Sie will nicht darauf eingehen. „Das wäre jetzt eine Rechtsberatung“, sagt sie. Sie ist am Morgen in einem Brief bedroht worden, sie solle Ismet H. verurteilen, „sonst bist du tot“, vielleicht wirkt das nach. Es sind jedenfalls keine einfühlsamen Worte, die Hans von Möhlmann an diesem Tag hört.

Das Gericht will seine Entscheidung in drei Wochen verkünden. Aber es lässt kaum Zweifel, dass es die Klage abweisen wird. Hans von Möhlmanns Anwalt Schädler will erreichen, dass sich das Bundesverfassungsgericht und der Bundesjustizminister mit dem Fall befassen. Aber bis dahin ist es weit. Ismet H. ist zu der Verhandlung gestern nicht erschienen. Sein Mandant sei freigesprochen, und so werde es bleiben, betont sein Anwalt Matthias Waldraff aus Hannover. „Das muss man respektieren, so schwer es fallen mag.“

Für Hans von Möhlmann ist es unmöglich. „Schlecht“, sagt er nach der Verhandlung, gehe es ihm. Weil er der Gerechtigkeit in dieser halben Stunde, die das Gericht ihm gegönnt hat, wieder nicht nähergekommen ist. Und jetzt? „Neuer Start“, sagt er nur. Aufgeben, so viel ist jedenfalls klar, wird Hans von Möhlmann nicht. Es geht längts nicht mehr um Frederike allein. Er will eine Änderung der Strafprozessordnung erreichen. Damit Verfahren wieder aufgenommen werden, wenn neue DNA-Beweise vorliegen.

Der schwere Weg zur Wiederaufnahme

Auch die Justiz kann gewaltig irren. Dass sie sich so selten korrigiert, liegt am Grundsatz „ne bis in idem“, „nicht zweimal in derselben Sache“: Niemand darf wegen derselben Tat doppelt bestraft werden, so ist es im Grundgesetz in Artikel 103 geregelt. Die meisten Juristen legen dies noch weiter aus – nämlich auch als Verbot, ein zweites Mal angeklagt zu werden. Die Wiederaufnahme von Prozessen ist deshalb extrem schwierig. Wenn sie zugunsten des Angeklagten erfolgen soll, ist sie an sehr enge Bedingungen geknüpft, zum Beispiel an die erwiesenermaßen falsche Aussage eines Zeugen. Wenn sie zulasten des Angeklagten gehen soll, ist sie fast nicht möglich.

Der Anwalt Jan Bockemühl verteidigt die Regelung: „So schwer das für Opfer zu ertragen ist: Es darf kein Strafverfahren um jeden Preis geben“, erklärt das Mitglied im Strafrechtsausschuss der Bundesanwaltskammer. Dass an einem Urteil nicht gerüttelt wird, sichere die Verlässlichkeit und das Vertrauen in die Justiz: „Letztlich drückt sich damit eine pragmatische Haltung der Justiz aus: Irgendwann muss es gut sein.“ Fraglich ist, ob dies haltbar ist, wenn neuere Kriminaltechnik hilft, immer mehr ältere Fälle doch noch aufzuklären. Norwegen, Finnland, Schweden und England erlauben inzwischen die Wiederaufnahme, wenn neue Beweise vorliegen.

von Thorsten Fuchs

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Der Norden

Finden Sie, dass es momentan zu viele schlechte Nachrichten gibt? Das möchten wir gerne ändern, und zwar mit Ihrer Hilfe. Gemeinsam mit dem NDR, den Kieler Nachrichten, der Ostsee-Zeitung in Rostock und dem Hamburger Abendblatt sammeln wir die guten Nachrichten der Leser und Hörer. Teilnehmer können einen exklusiven Besuch der Elbphilharmonie in Hamburg gewinnen.  mehr

So schön ist Niedersachsen aus der Luft

Von Harz über Heide bis zur Nordsee: Die schönsten Luftaufnahmen von Niedersachsen.

Niedersachsen in Zahlen
  • Landeshauptstadt : Hannover
  • Ministerpräsident: Stephan Weil
  • Fläche : 47.634,90 km²
  • Einwohner : 7,791 Mio
  • Bevölkerungsdichte : 135 Einwohner je km²
  • Letzte Landtagswahl : 20. Januar 2013 
  • Nächste Wahl : 2018
  • Wirtschaft : Firmendatenbank
  • Geographie : Niedersachsen hat im Norden eine natürliche Begrenzung durch die Nordsee, die Unterelbe sowie den unteren Mittellauf der Elbe. Als Enklave vom Landesgebiet umgeben ist das Land Bremen.
  • Berühmte Niedersachsen : Gerhard Schröder, Diane Kruger, Lena Meyer-Landrut, Sigmar Gabriel, Christian Wulff, Otto Waalkes, Mousse T., Klaus Meine
Eislandschaften in Niedersachsen

Mit der Kamera festgehalten: Frostiges Niedersachsen bei Minusgraden.