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14 Verletzte bei Krawallen nach Todessturz

Tumulte in Hameln 14 Verletzte bei Krawallen nach Todessturz

Nach dem Tod eines mutmaßlichen Tankstellenräubers in Hameln ist es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Angehörigen und der Polizei gekommen. 14 Beamte wurden bei den Krawallen verletzt. Der Mann war aus dem 7. Stock des Gerichts gestürzt und seinen Verletzungen erlegen.

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Der Mann war aus dem 7. Stock des Gerichts gestürzt und seinen Verletzungen erlegen.

Quelle: Ulrich Behmann/DWZ/dpa

Hameln/Hannover. Vor dem Amtsgericht in Hameln hat jemand Blumen abgelegt, genau an der Stelle, an der am Mittwoch ein 26-jähriger mutmaßlicher Tankstellenräuber sieben Stockwerke tief in den Tod gestürzt war. Sein Tod hatte Tumulte vor dem Sana-Klinikum ausgelöst, als aufgebrachte Angehörige versuchten, das Krankenhaus zu stürmen – Scheiben gingen zu Bruch, 14 Polizeibeamte wurden verletzt. Gestern versuchte die Polizei aufzuklären, und viele in der Stadt versuchten zu verstehen, wie es so weit kommen konnte.

Nach dem Tod eines mutmaßlichen Tankstellenräubers in Hameln ist es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Angehörigen und der Polizei gekommen. 14 Beamte wurden bei den Krawallen verletzt. Der Mann war aus dem 7. Stock des Gerichts gestürzt und seinen Verletzungen erlegen.

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.Stadtsprecher Thomas Wahmes sagte, Hameln befinde sich nach den Gewalttaten „in einem schockähnlichen Zustand“. „Wir haben eine Tragödie und eine schreckliche Gewalteskalation erlebt“, sagte Hamelns Landrat Tjark Bartels. Er zeigte sich entsetzt über die Gewalt gegen Polizisten und Sanitäter, betonte aber, die Polizei habe sehr besonnen reagiert und damit noch größere Schäden und Verletzungen verhindern können. Die Polizeikräfte wurden verstärkt, um weitere Ausschreitungen zu unterbinden, überall in der Stadt waren gestern Einsatzwagen zu sehen.

Ihren Anfang nahm die Tragödie im siebten Stock des Hamelner Amtsgerichts. Die Richterin schickte den 26-Jährigen zusammen mit einer Referendarin und vier Polizeibeamten auf den Flur, um in Ruhe einen Haftbefehl gegen den mutmaßlichen Tankstellenräuber ausstellen zu können. Ein Schritt, der ihn offenbar überrascht hatte – er schien fest damit gerechnet zu haben, gegen Kaution auf freien Fuß zu kommen. Auf dem Flur bat er um ein vertrauliches Gespräch mit seinem Anwalt. Die Referendarin und die vier Polizisten hätten daraufhin zehn Meter Abstand gehalten, sagte Staatsanwalt Oliver Eisenhauer.

Während des Gesprächs sei es dem 26-Jährigen gelungen, sich aus seiner Handfessel zu winden. Er habe blitzschnell ein Fenster geöffnet und sei hinausgeklettert. Zwischen Hausmauer und Treppenhaus war eine ein Meter breite Nische, in der wollte sich der 26-Jährige langsam herablassen. „Dabei ist er abgerutscht und in die Tiefe gefallen“, sagt Eisenhauer. 

Angehörige des Mannes, die zu einer Familie der Mhallamiye-Kurden (siehe Kasten) aus dem Libanon gehören, hatten vor dem Gericht gewartet und den Absturz gesehen. Einige erhoben prompt Anschuldigungen, dass der 26-Jährige gestoßen worden sei. Die Polizei musste das Notarztteam vor den aufgebrachten Familienmitgliedern schützen. Ein Rettungsassistent war während der Behandlung des Schwerstverletzten vor dem Gerichtsgebäude von einem Stein getroffen worden.

Die Mhallamiye-Kurden

Gefährliche Clans: Immer wieder geraten Mitglieder der Mhallamiye-Kurden, im Polizeijargon M-Kurden genannt, mit dem Gesetz in Konflikt. Sie gelten als extrem gewaltbereit.
Im November griffen mehrere Mitglieder einer M-Kurden-Familie eine Polizeiwache in Peine an und bedrohten die dortigen Beamten. Im September kam es vor einer Klinik in Lüneburg zwischen zwei verfeindeten Clans zu einer Schießerei, drei Männer wurden verletzt. Beim sogenannten Ampel-Mord in Sarstedt erschoss ein M-Kurde den Liebhaber seiner Frau. Als er verurteilt wurde, erhielt der Hildesheimer Richter Morddrohungen von Familienmitgliedern des Angeklagten.
Das Landeskriminalamt geht von 2000 M-Kurden in Niedersachsen aus. Laut Bundeskriminalamt bilden die Clans ihre „heimatlichen Dorfstrukturen“ nach. Sie kapseln sich ab, viele von ihnen sind noch immer An­alphabeten.

ran/doe

Doch trotz aller Bemühungen der Ärzte starb der Mann später im Krankenhaus. Die Situation dort eskalierte, als die Klinik den etwa 30 Angehörigen, die vor dem Gebäude warteten, den Zugang zur Leiche verweigerte. „Die Mitglieder der Großfamilie schleuderten Steine, die sie zuvor aus dem Pflaster gerissen hatten, auf die zum Schutz der Klinik eingesetzten Beamten und griffen diese auch mit Pfefferspray an“, sagte Petersen. Am Klinikum gingen mehrere Scheiben und die Glastür zu Bruch.

Einer kleinen Gruppe von Angreifern sei es gelungen, das Klinikum durch einen Hintereingang zu stürmen, sagte Polizeisprecher Petersen. „Sie konnten aber von den Beamten zurückgedrängt werden.“ Eineinhalb Stunden dauerten die Krawalle, bevor sich die Lage beruhigte. Die Bilanz: 12 Polizeibeamte waren durch Reizgas verletzt, einer hatte einen Faustschlag ins Gesicht bekommen und einer war durch einen Steinwurf verletzt worden.

Nun bemühen sich die Beamten, zur Normalität zurückzufinden. „Es laufen Ermittlungen gegen unbekannt wegen Körperverletzung, Sachbeschädigung und Landfriedensbruch“, sagt Polizeisprecher Petersen. Daneben werde man auch das Gespräch mit den Clan-Ältesten suchen, „um Missverständnisse auszuräumen“. Die Polizeiinspektion Hildesheim untersucht die Todesursache.

Von Heiko Randermann und Ulrich Behmann

„Sie akzeptieren unseren Staat nicht“

Interview mit Professor Christian Pfeiffer, Kriminologe und ehemaliger Justizminister

Die Tumulte vor dem Hamelner Krankenhaus sind nicht der erste Vorfall, bei dem Mhallamiye-Kurden in dieser Art auffallen. Woran liegt das?

Den konkreten Fall kenne ich nur aus der  Zeitung. Grundsätzlich ist es aber so, dass diese Gruppe unserer Gesellschaft mit Ablehnung und großem Misstrauen gegenübersteht. Sie sondern sich ab und stabilisieren sich gegenseitig in ihrer Identität als Fremde. Sie akzeptieren unseren Rechtsstaat nicht, sondern leben nach den Gesetzen ihrer eigenen Paralleljustiz mit selbst ernannten Richtern. Das muss uns schon Sorge machen.

Viele der Mhallamiye-Kurden sind vor 30 Jahren als Kriegsflüchtlinge nach Deutschland gekommen. Kann man sich so lange Zeit so stark abkapseln?

Leider ja. Es ist allerdings Gott sei Dank nicht die Regel. Fast alle Migrantengruppen machen eine ganz andere Entwicklung. Wir haben vor acht Jahren bundesweit 45 000 Jugendliche mit Migrationshintergrund befragt und 2013 nochmal 10 000 Jugendliche in Niedersachsen. Das Ergebnis ist, dass in allen Gruppen die Deutschkenntnisse besser geworden sind, sie haben mehr deutsche Freunde, Gewalttaten sind zurückgegangen und die Schulbildung ist deutlich besser geworden. In Hannover streben 85 Prozent der türkischstämmigen Jugendlichen einen Realschulabschluss oder das Abitur an – das ist der höchste Wert in Deutschland. Die Mhallamiye verschließen sich dieser Integrationsentwicklung. Da müssen wir Geduld haben und hoffen, dass folgende Generationen sich emanzipieren und die soziale Abkapselung ihrer Väter aufgeben.

Wie muss der Staat auf eine Gruppe reagieren, die ihn so offen ablehnt?

Er muss reden, um Vorurteile ab- und Vertrauen aufzubauen. Deshalb ist es so wichtig, dass es Polizeibeamte gibt, die die Muttersprache der Gruppenmitglieder sprechen. Und der Staat muss da, wo Gewalt befürchtet wird, mit großer Übermacht auftauchen, um zu signalisieren, dass man sich das nicht bieten lässt.

Interview: Heiko Randermann

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Niedersachsen in Zahlen
  • Landeshauptstadt : Hannover
  • Ministerpräsident: Stephan Weil
  • Fläche : 47.634,90 km²
  • Einwohner : 7,791 Mio
  • Bevölkerungsdichte : 135 Einwohner je km²
  • Letzte Landtagswahl : 20. Januar 2013 
  • Nächste Wahl : 2018
  • Wirtschaft : Firmendatenbank
  • Geographie : Niedersachsen hat im Norden eine natürliche Begrenzung durch die Nordsee, die Unterelbe sowie den unteren Mittellauf der Elbe. Als Enklave vom Landesgebiet umgeben ist das Land Bremen.
  • Berühmte Niedersachsen : Gerhard Schröder, Diane Kruger, Lena Meyer-Landrut, Sigmar Gabriel, Christian Wulff, Otto Waalkes, Mousse T., Klaus Meine
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