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Verein sucht verschollene Obstsorten

Amt Neuhaus Verein sucht verschollene Obstsorten

Für den Verein "Konau 11 - Natur" ist Birne nicht gleich Birne. Deswegen machen sich die Mitglieder aus dem niedersächsischen Amt Neuhaus auf die Suche nach alten und für die Region typischen Obstsorten. Dabei setzen sie auf die Hilfe der Bevölkerung.

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Für die Mitglieder des Vereins "Konau 11" ist Birne nicht gleich Birne.

Quelle: dpa

Amt Neuhaus. Flache Elbmarsch, viel Landschaft, wenig Menschen - das ist die Gemeinde Amt Neuhaus am nordöstlichen Ufer der Elbe. Konau liegt gleich hinterm Deich, zu DDR-Zeiten lag es im Sperrgebiet. Fachwerkhäuser mit der Vorderseite zum Fluss, ein Marschhufendorf wie aus dem Bilderbuch. Hier kümmern sie sich um die Rettung und Pflege seltener Obstsorten, der Verein "Konau 11 - Natur" hat seinen Sitz in einem der reetgedeckten Schmuckstücke. "Mich fasziniert die Sortenvielfalt, die immer noch da ist", sagt Hermann Stolberg. Der 59-Jährige ist Pomologe, Obstkundler also, und berät den Verein.

"Wir brauchen den Genpool für die Zukunft", betont er. Die alten Sorten seien viel anpassungsfähiger als industrielle Äpfel, auch mit Blick auf den Klimawandel. Ganz in der Nähe hat der Verein unlängst in Darchau einen seltenen Fund gemacht, die Bardowicker Speckbirne, auch Sommerbürgermeisterbirne genannt. Nun wird nach weiteren Bäumen der Sorte geforscht, die Öffentlichkeit ist um Mithilfe gebeten. "Gesucht wird außerdem die sogenannte Lenzener Burgbirne, sie gilt derzeit unter Experten als verschollen", sagt Umweltwissenschaftlerin Cornelia Bretz, Schatzmeisterin des Vereins.

Apfel war 100 Jahre lang verschollen

Zu einer der vom Verein betreuten Streuobstwiesen geht die Fahrt durch Alleen mit liebevoll gepflegten Obstbäumen. Die meisten sind voller Äpfel, aber auch Birnen und Pflaumen gedeihen links und rechts der Landstraße. "Wir pflegen die Bäume in Absprache mit dem Landkreis und dürfen dafür ernten", erklärt Vereinsmitglied Julia Gerdsen. "Aus den Früchten machen wir Saft und Dörrfrüchte. Langfristig wollen wir auch Tafelobst anbieten." Mehr als 20 Freiwillige aus der Region unterstützen den Verein als sogenannte Obstbaumwarte. Auf der Wiese in Wilkenstorf stehen große Apfelbäume voller Früchte, dunkelrote Äpfel liegen im sattgrünen Gras. "Roter Brasil", sagt Stolberg und hebt eines der Prachtexemplare auf. "Er galt über 100 Jahre als verschollen. Wir haben ihn nach der Wiedervereinigung entdeckt und dann vermehrt."

Die Begeisterung ist dem Pomologen anzusehen. "Er trotzt gar kurzzeitigen Überschwemmungen, wie sie hier an der Elbe immer wieder vorkommen." "Es scheint eine ganz enge Beziehung zwischen Mensch und Apfel zu geben, da kommt nicht einmal die Rose heran", schwärmt Stolberg, schon in der Bibel gehe es bei Adam und Eva um einen Apfel. Oft seien auch die Kindheitserinnerungen an einen Geschmack von einst im Spiel. "Wir haben noch mindestens 1500 alte Apfelsorten in Deutschland. Und es werden immer wieder neue Sorten entdeckt", sagt Stolberg. "Dafür ist dann die Pomologische Kommission zuständig, die sich der Sache annimmt."

5000 Apfelsorten in Deutschland

Die "PomKom" wird vom Pomologen-Verein gebildet, der sich bundesweit um das Wiederfinden und Erhalten alter Obstsorten kümmert. Jan Bade ist Mitglied der PomKom. Er ist Experte für die Bestimmung von Äpfeln und Birnen, derzeit ist er fast jeden Tag im Einsatz. "Historisch beschrieben sind etwa 1500 Apfelsorten und eine ähnlich hohe Zahl an Birnensorten", sagt Bade. Wahrscheinlich gebe es aber 5000 Apfelsorten in Deutschland und auch 5000 Birnensorten. "Der Erwerbsobstbau in Deutschland bringt nur etwa 20 Sorten Äpfel und nur etwa fünf oder sechs Birnensorten in den Handel", sagt Bade.

Sie seien besonders beliebt und und könnten leicht geerntet werden. Die Sortenvereinheitlichung habe während des Zweiten Weltkrieges begonnen. "Da ging es darum, möglichst viele Menschen möglichst billig mit Obst zu versorgen." Die geschmackliche Vielfalt sei bei den alten Obstsorten aber oft viel größer, bedauert Bade. Auch seien die modernen Sorten oft viel anfälliger für Krankheiten. "Die in Darchau entdeckte Birne ist ein Glücksfall, weil es ein alter Baum ist und der Besitzer ihn seit Jahrzehnten kennt", sagt Bade zu dem Fund des Vereins. "Bei jungen Bäumen stimmt die Bezeichnung oft nicht, auch weil Baumschulen sich manchmal irren." "Wir haben uns hier 2013 als Verein gegründet", sagt Julia Gerdsen in Konau. Gefördert werden sie von einer Sparkassenstiftung in Lüneburg, ihr gehört auch der Hof. Später kommen die freiwilligen Obstwarte nach Konau. Eine Flasche Apfel-Birnensaft steht auf dem Tisch, der Inhalt schmeckt dem Laien schlicht köstlich - auch ohne die gesuchte Lenzener Burgbirne.

dpa

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