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Der Norden Niels H. soll weitere 84 Menschen umgebracht haben
Nachrichten Der Norden Niels H. soll weitere 84 Menschen umgebracht haben
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15:09 28.08.2017
Krankenpfleger Niels H. – hier ein Archivfoto von der Urteilsverkündung im Februar 2015 – soll noch mehr Menschen umgebracht haben als bisher angenommen. Quelle: dpa/Archiv
Oldenburg

Der heute 40-jährige ehemalige Krankenpfleger musste sich vor Gericht bereits für sechs Taten auf der Delmenhorster Intensivstation verantworten und sitzt derzeit in Haft. Er war wegen zweifachen Mordes und zweifachen Mordversuchs im Februar 2015 am Landgericht Oldenburg zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Würde er auch für die 84 weiteren Taten für schuldig befunden, wäre es eine der größten Mordserien in der deutschen Kriminalgeschichte.

Wegen der Mordermittlungen gegen den früheren Krankenpfleger aus Niedersachsen hat die Polizei mit den Ausgrabungen der ersten Leichen in Ganderkesee begonnen.

Allerdings war schon während der Verhandlung klar, dass Niels H. für weitaus mehr Todesfälle verantwortlich ist: 30 gestand er vor Gericht. 200 Fälle hatten die Ermittler überprüft. Wie viele Menschen er tatsächlich auf dem Gewissen hat, versuchte über drei Jahre eine Sonderkommission der Polizei zu klären. Die Ermittler werteten Hunderte Patientenakten aus und ließen mehr als 100 Leichen ausgraben, um diese auf Rückstände von Medikamenten zu testen.

„Die Erkenntnisse, die wir dabei gewinnen konnten, erschrecken noch immer - ja, sie sprengen jegliche Vorstellungskraft“, sagte Oldenburgs Polizeipräsident Johann Kühme. Bei 48 Patienten in Delmenhorst und 36 in Oldenburg wurden die Ermittler fündig. Bei 41 Toten stehen die Ergebnisse der toxikologischen Untersuchung noch aus.

Die tatsächliche Zahl der Verbrechen von Niels H. liege aber um ein Vielfaches höher, sagte Soko-Leiter Arne Schmidt. „Die Morde, die wir belegen können, sind nur die Spitze des Eisberges.“ Allein am Klinikum Delmenhorst seien mehr als 130 Patienten, die während einer Schicht von Niels H. starben, eingeäschert worden.

So ging Niels H. vor

Sein Vorgehen war immer gleich: Er spritzte seinen Opfern Herzmedikamente, die ein Kammerflimmern auslösten. Er wollte die Patienten anschließend mit wiederbeleben, um dafür Anerkennung bei Kollegen und Angehörigen zu ernten. Das gelang jedoch nicht immer. Auch an seiner früheren Arbeitstelle am Klinikum Oldenburg soll er Patienten getötet haben.

In Verhören im Gefängnis hat Niels H. die Taten in Delmenhorst und Oldenburg eingeräumt. Offen bleibe, ob er im vollen Umfang geständig sei und ob er sich überhaupt an alle Taten erinnern könne, sagte Schmidt. So bestreite Niels H., dass er auch Patienten an anderen Arbeitsstätten - als Rettungssanitäter und als Pfleger in Altenheimen - eine Überdosis Medikamente gespritzt habe. Diesen Verdacht würden aber Zeugenaussagen nahelegen. Die Patienten starben in diesen Fällen aber nicht.

Konsequenzen hatte die Mordserie in Delmenhorst auch für zwei Oberärzte und ein Stationsleiter: Gegen sie wurde Ende 2016 Anklage wegen wegen Totschlags durch Unterlassen erhoben, weil sie nach Ansicht der Staatsanwaltschaft mehrere Morde hätten verhindern können.

"Man wusste um die Auffälligkeiten"

Schon am Klinikum Oldenburg gab es eine Statistik, die zeigte, dass während der Schicht von Niels H. die Sterberate und die Zahl der Reanimationen stieg. Diese Statistik sei auch der damaligen Geschäftsführung bekannt gewesen, sagte Schmidt. Wären die Verantwortlichen damals schon zur Polizei gegangen, wäre es zu den Morden an der späteren Arbeitsstelle in Delmenhorst nicht gekommen, betonte Schmidt. Auch am Klinikum Delmenhorst gab es bald Gerüchte, weil auffällig viele Patienten während der Schicht von Niels H. starben.

Die damals Verantwortlichen hätten aus Sicht der Ermittler schneller handeln und Unterstützung suchen sollen. „Im Klinikum Oldenburg wusste man um die Auffälligkeiten“, sagte Kühme.

Auch Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) äußerte sich zu den Ermittlungen: "Umso wichtiger ist es jetzt, vorzubeugen. In den falschen Händen werden lebensrettende Medikamente zu tödlichen Giften. Deshalb muss der Gebrauch und Verbrauch von Arzneimitteln in Kliniken besser dokumentiert werden."

Von einem großen Versagen sprach die Deutsche Stiftung Patientenschutz. Tätern würde es in Krankenhäusern und Pflegeheimen immer noch zu leicht gemacht, teilte Vorstand Eugen Brysch mit. „In vielen der bundesweit 2000 Krankenhäusern wurden die Kontrollmechanismen nicht verschärft. So fehlt für die meisten Kliniken weiterhin ein anonymes Meldesystem.“

lni/sbü

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