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Vor 30 Jahren begann die Barschel-Affäre

"Waterkantgate" Vor 30 Jahren begann die Barschel-Affäre

Die Barschel-Affäre vor 30 Jahren war ein politischer Albtraum – nicht nur für Schleswig-Holstein. Und sie bleibt auch im Rückblick nach drei Jahrzehnten noch rätselhaft.

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„Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind“: Eine Woche nach diesem Schwur auf einer Pressekonferenz in Kiel am 18. September 1987 musste Uwe Barschel zurücktreten.

Quelle: Werner Baum/dpa

Kiel. Heute vor 30 Jahren enthüllte der „Spiegel“ die unglaubliche Affäre um den damaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel (CDU) - ein Beben ging durch die Republik. Die Geschichte über den denkwürdigen Landtagswahlkampf von 1987 vergiftete das politische Klima in Kiel auf Dauer. In groben Zügen ging die große Intrige so: Reiner Pfeiffer, ein Mitarbeiter der Staatskanzlei in Kiel, lässt den SPD-Spitzenkandidaten Björn Engholm bespitzeln und lanciert gegen den beliebten Politiker eine anonyme Steueranzeige. Außerdem quält Pfeiffer Engholm am Telefon mit einem Aids-Verdacht. Auch drei Jahrzehnte danach ist der Fall noch immer nicht endgültig aufgeklärt. Der Versuch einer Annäherung an die tragischen Ereignisse, die im rätselhaften Tod Barschels endeten:

Die Hauptfiguren

CDU-Ministerpräsident Uwe Barschel bangt um seine Wiederwahl. Die SPD mit Spitzenkandidat Björn Engholm hofft nach Jahrzehnten der CDU-Dominanz auf einen Machtwechsel. Reiner Pfeiffer ist seit Anfang 1987 Referent in der Staatskanzlei. Er macht sich daran, Engholm zu diskreditieren - angeblich auf konkrete Weisung Barschels.

Der Skandal

Am 6. September 1987, eine Woche vor der Wahl, schreibt der „Spiegel“, Detektive hätten im Auftrag unbekannter Hintermänner Engholm bespitzelt. Gefälschte Unterlagen über ihn seien anonym zur Steuerfahndung gelangt. Die SPD wittert eine Schmutzkampagne der CDU. Eine Woche später zitiert der „Spiegel“ aus einer eidesstattlichen Versicherung Pfeiffers: Ministerpräsident Barschel habe Steueranzeige und Bespitzelung angeordnet. Letzteres, um den Verdacht zu erhärten, Engholm sei homosexuell und führe trotzdem „ein ausschweifendes Leben mit dem weiblichen Geschlecht“. Barschel weist alles als „erstunken und erlogen“ zurück.

Die Wahl

Die SPD wird stärkste Kraft im Kieler Landtag, hat aber keine Mehrheit, weil die FDP sich an die CDU kettet und die Grünen scheitern. Barschel bleibt Regierungschef. Doch der Druck ist riesig, er steht als Lügner und Drahtzieher da. Am 18. September gibt Barschel sein Ehrenwort, „dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind“. Eine Woche darauf verkündet er seinen Rücktritt zum 2. Oktober. Die Neuwahl am 8. Mai 1988 gewinnt die SPD haushoch; Engholm wird Ministerpräsident.

Die SPD

Sie stellt sich als ahnungsloses Opfer dar. 1993 platzt eine neue Bombe. Pfeiffers Ex-Geliebte plaudert im „Stern“. So kommt heraus, dass Ex-SPD-Landeschef Günther Jansen Pfeiffer 1988 und 1989 jeweils umgerechnet mindestens 10 000 Euro zustecken ließ. Angeblich aus Mitleid, da Pfeiffer nach 1987 ohne Chance blieb. Da Jansen das Geld zu Hause gesammelt haben will, wird daraus die „Schubladen-Affäre“. Nach Sozialminister Jansen tritt auch Engholm zurück. Er muss zugeben, dass er schon vor der Wahl 1987, früher als immer behauptet, von Pfeiffers Treiben wusste. Die SPD stürzt in eine Glaubwürdigkeitskrise, verliert mit Engholm auch Parteichef und designierten Kanzlerkandidaten. Die These, das Geld für Pfeiffer sei von der SPD gekommen statt von Jansen privat, ist unbewiesen.

Die Analyse

Für eine Urheberschaft Barschels an Pfeiffers Intrigen findet der 1993 im Landtag eingesetzte Untersuchungsausschuss keine Beweise. Es bleibt aber, dass Barschel von der Steueranzeige gegen Engholm wusste und er Mitarbeiter zu Falschaussagen drängte.

Der Beobachter

„Was der ,Spiegel‘ damals schrieb, war für mich und andere Journalisten im ersten Augenblick unglaublich“, sagt Peter Höver, vor 30 Jahren Landespolitik-Korrespondent der „Kieler Nachrichten“. Das Blatt hatte 1986 die illegale Lieferung von U-Boot-Plänen der Werft HDW an Südafrikas Apartheid-Regime enthüllt. „Bei einem Essen am 31. Juli 1987 fragte mich Vize-Regierungssprecher Herwig Ahrendsen: ,Habt ihr noch einmal so eine Sauerei vor wie mit der U-Boot-Affäre?‘. Erst nach dem ,Spiegel‘-Artikel vom 12. September erschloss sich mir der Sinn der Frage.“ Für Höver wirkte der Skandal wie ein reinigendes Gewitter für Landespolitik und Medien, die gegenüber der damaligen CDU-Regierung in großen Teilen lammfromm gewesen seien. „Die Presselandschaft ist heute weit regierungskritischer - egal, welche Parteien am Ruder sind“, sagt der heutige Regierungssprecher.

Der Zeitzeuge

„Ich habe den ,Spiegel‘-Leuten zum ersten Artikel gesagt, das ist nur Spekulation und die Quellen sind etwas dubios“, sagt FDP-Politiker Wolfgang Kubicki. „Barschel hätte für politische Erfolge sprichwörtlich seine Großmutter verkauft, aber dass er kriminelle Akte begehen oder veranlassen würde, habe ich ausgeschlossen.“ Kubicki sollte in einem CDU/FDP-Kabinett Umweltminister werden, hätte selbst aber lieber mit den Sozialdemokraten regiert. Zur SPD-Landesspitze hatte er als Anwalt gute Kontakte. „Als Barschel sein berühmtes Ehrenwort gab, wusste ich, dass es falsch war, und als Engholm erklärte, er habe von Pfeiffer erst später erfahren, wusste ich auch, dass es falsch war.“

Der Tod Barschels

Ein „Stern“-Reporter findet am 11. Oktober 1987 im Genfer Hotel Beau Rivage Barschels bekleidete Leiche in einer Badewanne. Ob der 43-Jährige ermordet wurde, ist bis heute unklar. Mordspekulationen ranken sich um Geheimdienste und unbewiesene Verwicklungen in illegalen Waffenhandel. Ex-Chefermittler Heinrich Wille und Barschels Familie sind von Mord überzeugt. Der Politiker starb an einem Medikamentencocktail. Die Frage, ob er noch selbst die letzte Dosis einnehmen konnte, spaltet die Rechtsmedizin. „Es handelt sich weder um einen klassischen Mord noch um einen klassischen Selbstmord“, bilanzierte Generalstaatsanwalt Erhard Rex 2007.

Der Skandal prägt die
 Politik in Kiel bis heute

Die Barschel-Affäre von 1987 hat lange das politische Klima in Schleswig-Holstein schwer belastet. Der aktuelle Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Daniel Günther (Foto), war 14 Jahre alt, als der Skandal heute vor 30 Jahren aufgedeckt wurde. Aus Sicht des CDU-Politikers hat die damalige Krise eher dazu geführt, dass das Verhältnis der Parteien untereinander entspannter ist als in anderen Bundesländern. „Das war schon eine Lehre aus der damaligen Zeit, dass Politik Auseinandersetzung bedeutet, aber man bestimmte Grenzen auch im Umgang miteinander nicht überschreiten darf. Das prägt auch die Arbeit im Landtag seit mindestens einem Jahrzehnt.“

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