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War Kurti ein Wolf, ein Hund – oder beides?

Theorie über Hybriden War Kurti ein Wolf, ein Hund – oder beides?

Weil er sich nicht wolfstypisch verhielt, ließ das Land Wolf Kurti schießen. Aber warum wurden Kurti und andere Wölfe verhaltensauffällig? Es könnten keine reinen Wölfe sein, sondern Wolf-Hund-Mischlinge, sagt eine Theorie, die derzeit für Diskussionen sorgt.

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Untypisch? Wolf Kurti war viel in der Heide unterwegs.

Quelle: Konstantin Knorr

Hannover. Unter Tierfreunden ist die Trauer um Wolf Kurti, der in der vergangenen Woche auf Anweisung des Landes erschossen wurde, immer noch groß: Seine Neugier habe ihn das Leben gekostet, heißt es in vielen Einträgen bei Facebook und Twitter. Doch warum war Kurti, der im Amtsdeutsch MT6 hieß und ein zweijähriger Rüde aus dem Munsteraner Rudel war, so neugierig?

War er tatsächlich in seiner Jugend angefüttert worden, sodass er seine Scheu vor dem Menschen ein für allemal verloren hatte, wie Umweltminister Stefan Wenzel vermutet? Oder liegt die Ursache tiefer? In der Diskussion sorgt derzeit eine andere These für Aufmerksamkeit: Es könnte sich bei Kurti und seinen ebenfalls auffälligen Geschwistern sowie bei weiteren Wölfen in Niedersachsen um Hybriden handeln, also Mischlinge aus Wolf und Hund. Und damit verbunden ist die Frage: Wären diese Hybriden auch durch den Artenschutz gedeckt?

Keine Wölfe: Mischlinge

Andreas Wilkens sammelt seit Langem Hinweise darauf, dass in Niedersachsen nicht alles Wolf ist, was auf den ersten Blick wie ein Wolf aussieht. Auch bei Kurti fand er zahlreiche Merkmale, die eher auf Hund hindeuten: Fellfärbung, Skelett, Schwanzlänge, Beinstellung - wenn man genau hinschaut, entdeckt man viele Unterschiede. Für Wilkens gibt es nur eine logische Erklärung: Kurti und zahlreiche andere Heidewölfe, die die gleichen auffälligen Abweichungen in der äußeren Gestalt zum Europäischen Grauwolf aufweisen, sind keine Wölfe, sondern Mischlinge. Zumindest, sagt Wilkens, müsse man diesem Verdacht endlich mal systematisch nachgehen, für den es so viele Hinweise gebe. Denn es gebe weitere Wölfe in Niedersachsen, die hundeähnliche Merkmale und hundeähnliche Verhaltensweisen an den Tag legten.

Mit seiner Botschaft tourt Wilkens seit Monaten von Kongress zu Kongress und versucht, Gehör zu finden. Ein zäher Kampf, denn Wilkens hat nicht den passenden Stallgeruch: Der ehemalige Offizier ist Autodidakt. Oder wie er selber es sagt: „Ich bin ein Niemand.“ Er hat kein DNA-Labor und analysiert daher umso genauer, was er sieht: Fellfarben, Verhalten, Fährten. Doch Wilkens’ Kampf um mehr Aufmerksamkeit trägt Früchte: Er steht mit internationalen Wolfsexperten wie Valerius Geist in Kanada und Eirik Granqvist in Finnland in Kontakt, die er von seiner Sicht überzeugt hat. Und er bekommt auch auf Wolfskongressen in Deutschland immer häufiger das Mikrofon, um seine Theorie zu erklären.

Oder doch Europäische Grauwölfe?

Doch es gibt auch Gegenstimmen: „Davon ist gar nichts zu halten“, sagt der Bayer Ulrich Wotschikowsky, als Wolfsexperte ebenfalls ein Autodidakt, der sich durch sein Wissen Respekt in der Fachwelt erkämpft hat. In Deutschland gebe es keine Hybriden, bei jedem Tier seien Vater und Mutter eindeutig bekannt. Die Wölfe des Munsteraner Rudels seien „eindeutig Europäische Grauwölfe“. Dass die Tiere teilweise sehr unterschiedliche Erscheinungsbilder hätten, sei nichts ungewöhnliches. „In Amerika kannte ich ein Rudel, das hatte vier verschiedene Farbschläge“, sagt Wotschikowsky.

Auch das niedersächsische Umweltministerium glaubt nicht an Mischlinge: Als Kurti 2015 ein Sendehalsband umgehängt wurde, habe man auch eine Blutprobe genommen und die DNA untersucht. Ergebnis: „MT6 war ein Wolf“, sagt ein Sprecher des Umweltministeriums. Doch das beruhigt die Skeptiker nicht. Viele zweifeln die Verlässlichkeit der DNA-Analysen des zuständigen Senckenberg-Instituts an: Das Institut müsse eine Datengrundlage offenlegen um ausschließen zu können, dass dort ebenfalls Hybriden-Gene gespeichert seien.

Laut Landesregierung gibt es in Niedersachsen keine freilebenden Hybriden. Allerdings räumt das Ministerium ein, dass „eine Vermischung mit Hunden ein ernsthaftes Problem“ darstellen würde. Erfahrungen aus anderen Ländern hätten gezeigt, „dass Hybride Menschen gegenüber oft weniger Scheu zeigen und tendenziell auch eher zu aggressivem Verhalten neigen können“.

Eine Gefahr für den Menschen?

Aus diesem Grund will die Opposition im Landtag hier nachhaken. „Es bedarf einer grundsätzlichen Klärung“, sagt Ernst-Ingolf Angermann (CDU). Es sei schon auffallend, dass die Körpermerkmale bei einigen Wölfen näher an denen eines Hundes lägen. Die CDU-Fraktion will daher über ihren Landesvorsitzenden, den Europa-Abgeordneten David McAllister, eine Anfrage an die EU-Kommission stellen, um herauszufinden, wie es eigentlich um den Schutzstatus von Hybriden in der EU steht. Denn es ist eine EU-Richtlinie, die die Länder darauf verpflichtet, die Wiederansiedlung der Europäischen Grauwölfe zu fördern.

„Man müsste sich fragen, ob ein Hybrid denselben Schutzstatus hat wie ein reinrassiger Wolf“, meint auch der Umweltexperte der FDP-Fraktion, Gero Hocker. Diese Mischlinge könnten zu einer Gefahr für den Menschen werden, aber ebenso den Bestand des reinrassigen Wolfs in Niedersachsen gefährden, weil sie die Population immer weiter verwässerten. Sollte es Mischlingswölfe in Niedersachsen geben, müssten diese entfernt werden. Die Liberalen wollen dazu eine Anfrage an die Landesregierung stellen.

Das sind die äußerlichen Merkmale

Ohren und Fell:  Es gibt einige Merkmale, die Hinweise liefern, ob es sich um einen reinrassigen Wolf handelt. Zum Beispiel die Ohren, sagt Wolfsexperte Andreas Wilkens. Und die findet er bei Kurti, dem kürzlich erschossenen Tier, aufschlussreich. „Die sind lang, die sind spitz, und die haben einen schwarzen Rand. Das sind Hundeohren.“ Der Europäische Grauwolf, lateinisch canis lupus lupus genannt, habe kürzere, abgerundete Ohren, die seitlich am Kopf säßen. Einem Wolf fehle auch der sogenannte Aalstrich, ein dunkler, senkrecht über die Stirn verlaufender Fellstrich. Kurti hatte diese Fellzeichnung, wie mehrere Aufnahmen belegen.

Kopf:  Auch die Kopfhaltung gebe einen Anhaltspunkt. Kurtis Kopfhaltung etwa passe nicht zu einem Wolf, sagt Experte Andreas Wilkens. Wölfe hielten Hals und Kopf tief, auf Schulterhöhe in einer Linie mit der Rückenwirbelsäule. Jedes Hochrecken des Kopfes, etwa beim Heulen, sei ein Überstrecken. Kurti hingegen hielt den Kopf oben, auch wenn er entspannt in der Landschaft herumstand. „Das deutet auf eine Skelettveränderung hin“, sagt Wilkens. Er schließt aus, dass diese in nur 16 Jahren durch Mutationen geschehen sind. „Selbst bei den Tschernobyl-Wölfen hat es in kurzer Zeit nicht solche Veränderungen gegeben.“

Bauch:  Ein Blick auf den Bauch könne ebenfalls bei der Bestimmung helfen, sagt Wolfsexperte Andreas Wilkens. Kurtis Bauch hing tief herunter und war nach hinten hochgezogen wie bei einem Hund. Beim Wolf hingegen bildeten Bauch- und Rückenlinie eine Parallele, erläutert Wilkens. Und noch ein weiteres Merkmal deute darauf hin, dass Kurti kein reiner Wolf gewesen sei: Von der Seite aus betrachtet war Kurtis Körperbau mit Rumpf und Beinen eher quadratisch. Der Körperumriss eines Wolfes aber gleiche eher einem liegenden Rechteck, sagt Wilkens. Ihr Gang sei leichter und federnder als bei einem Hund.

Rute:  Letztlich liefere auch der Schwanz einen Hinweis zur Einordnung, sagt Wolfsexperte Andreas Wilkens. Kurti hatte einen langen Schwanz, der fast bis auf den Boden reichte, sich aber am Ende nach oben wölbte – eine sogenannte Ringelrute, wie sie auch bei Schäferhunden vorkommt. Die Ruten von Wölfen seien dagegen um ein Drittel kürzer, gerade gewachsen und würden schräg nach unten getragen, sagt Wilkens. Weitere Unterschiede in der Fellfärbung und den Bewegungen, aber auch die fehlende Scheu, sind für Wilkens Anlass genug, zu hinterfragen, ob es sich bei Kurti und seinen Verwandten um reinrassige Wölfe handelt.

Das kurze Leben des Sorgenwolfs Kurti

Zwei Jahre alt wurde der Wolf MT6 aus dem Munsteraner Rudel, der in der vergangenen Woche bei Bad Fallingbostel von einem Polizisten zur Strecke gebracht wurde. Dort waren er und zwei seiner Geschwister bereits mehrfach auffällig geworden.

Im Jahr 2015 hatten sich die Meldungen über wenig scheue Wölfe aus dem Munsteraner Rudel gehäuft: Zwei Tiere des Rudels, der Rüde MT6 und die Fähe FT10, wurden daraufhin mit Sendern versehen.

FT10 blieb unauffällig, MT6 wiederum näherte sich immer wieder Menschen ohne Scheu. Anfang März 2016 wurde ein Experte aus Schweden eingeladen, der dem Wolf mit Lärm und Gummischrot Respekt beibringen sollte. Nach drei Tagen war die Vergrämung zu Ende und der Wolf wieder scheu. In der Zeit startete eine Online-Petition mit der Aufforderung, MT6 am Leben zu lassen. In dieser Petition, die 7000 Unterschriften sammelte, wurde möglicherweise der Name „Kurti“ das erste Mal verwendet.

Doch Kurti ließ sich nicht dauerhaft verschrecken. Weil er vor zehn Tagen im Raum Celle einen Hund angriff, beschloss das Land, ihn einzufangen. Da das nicht gelang, wurde am Mittwoch vergangener Woche schließlich sein Abschuss angeordnet.

ran     

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Nach "Kurti"-Abschuss: Anzeige gegen Stefan Wenzel.

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Niedersachsen in Zahlen
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  • Letzte Landtagswahl : 20. Januar 2013 
  • Nächste Wahl : 2018
  • Wirtschaft : Firmendatenbank
  • Geographie : Niedersachsen hat im Norden eine natürliche Begrenzung durch die Nordsee, die Unterelbe sowie den unteren Mittellauf der Elbe. Als Enklave vom Landesgebiet umgeben ist das Land Bremen.
  • Berühmte Niedersachsen : Gerhard Schröder, Diane Kruger, Lena Meyer-Landrut, Sigmar Gabriel, Christian Wulff, Otto Waalkes, Mousse T., Klaus Meine
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