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Was wird aus Mittelalter-Stadt unter Altencelle?

Geld für Forschung fehlt Was wird aus Mittelalter-Stadt unter Altencelle?

Tsellis ist die unter Altencelle verborgene mittelalterliche Stadt, aus der die nahe Kreisstadt Celle hervorging. Sie wurde vor Kurzem in Teilen ausgegraben. Doch weil zum Weiterbuddeln das Geld fehlt, droht sie erneut zu versinken.

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Mit Schaufeln und Schubkarren: Im Jahr 2008 wurde nach Tsellis gegraben - inzwischen ist aber schon wieder Gras über die Fundstelle in Altencelle gewachsen. 

Quelle: Holger Hollemann/dpa (Archiv)

Altencelle. Dem Pfahl sieht man sein Alter nicht an. Erst recht nicht seine frühere Bestimmung. Für Klaus-Dieter Scharf aber wird beim Blick auf das Stück Eiche, das hinter seinem Gartenhaus in Altencelle trocknet, das Mittelalter lebendig. „Eine Burgpalisade aus dem 13. Jahrhundert“, erzählt der Vorsitzende der Fördergemeinschaft Historisches Altencelle stolz. „Sie gehörte zur Brunonenburg hier in Tsellis.“ Tsellis ist die unter Altencelle verborgene mittelalterliche Stadt, aus der die nahe Kreisstadt Celle hervorging. Sie wurde vor Kurzem in Teilen ausgegraben. Doch weil zum Weiterbuddeln das Geld fehlt, droht sie erneut zu versinken.

Das bekümmert nicht nur die Fördergemeinschaft, sondern viele Menschen in Altencelle, erzählt Ortsbürgermeister Hans-Werner Schmidtmann. Sie seien stolz darauf, dass ihr vier Kilometer südöstlich vom Celler Zentrum gelegener Ortsteil unter sich die versunkene Ursprungssiedlung der Herzogsstadt birgt: das bereits 1024 urkundlich erwähnte und mutmaßlich 1292 einem Brand zum Opfer gefallene Tsellis. Viele Altenceller hatten schon beim Umgraben in ihren eigenen Gärten Bruchstücke von Geschirr aus dem Hochmittelalter gefunden, daraufhin war Tsellis zunächst in den 1930er-Jahren und dann wieder ab 2008 genauer erforscht worden.

B-3-Ostumgehung gefährdet Ausgrabungen

„Hier darf es nach Jahren ergiebiger archäologischer Arbeit nicht enden“, sagt der Ortsbürgermeister und zeigt auf einen riesigen Acker. „Die Zeit drängt - genau hier soll bald die neue B-3-Ostumgehung gebaut werden.“ Dann würde es kurz vorher zwar noch eine eilige „Notgrabung“ nach unterhalb der Trasse liegenden Überresten von Tsellis geben, doch das reiche nicht aus.

Bis vor Kurzem hat die Archäologin Cornelia Lohwasser von der Universität Göttingen über die Dauer von drei Jahren die Ausgrabungen in Altencelle betreut. Sie würde gern weitermachen, doch die vom Land zur Verfügung gestellten 200.000 Euro sind aufgebraucht. Während Lohwasser an der Uni noch die aus einem halben Meter Tiefe geborgenen Fundstücke aus Keramik und Bronze katalogisiert, beginnt über den Ausgrabungsflächen bereits Gras zu wachsen. Sie mussten zum Projektende zugeschüttet werden, wären aber bei einer Fortsetzung der Forschung schnell wieder zugänglich.

Bereits Nägel, Klingen und Meißel gefunden

Beim Rundgang durch Altencelle erläutert die Archäologin, warum sich das Weitersuchen aus ihrer Sicht lohnt. Direkt hinter der ebenfalls aus dem Mittelalter stammenden Gertrudenkirche hat sie mit Studenten und Ehrenamtlichen von der örtlichen Fördergemeinschaft Reste einer alten Hafenanlage entdeckt. „Dort verlief ein später versandeter Alt­arm der Aller“, vermutet Lohwasser. Die Versandung habe wohl dazu beigetragen, dass der damalige Braunschweiger Herzog Ende des 13. Jahrhunderts die ohnehin teilweise abgebrannte Siedlung um vier Kilometer an die schiffbare Aller verlegte.

Auch Überbleibsel einer mittelalterlichen Marktstraße hat man gefunden und am vermuteten Ortsrand von Tsellis Reste einer Schmiede aus jener Zeit - insgesamt fünf Kilogramm kleiner Bronzeklumpen, die beim Röntgen die daraufhin freigelegten Nägel, Messerklingen und Meißel erkennen ließen. Am Ackerrand in Altencelle ließen die Forscher zur Erinnerung zumindest drei Findlinge stehen. „Die gehörten zur Herdstelle des Schmiedes“, sagt Lohwasser. Eine eisenzeitliche Siedlung aus vorchristlicher Zeit hat sie nebenbei nachgewiesen.

OB Mende: Stadt habe kein Geld

Die CDU im Rat will nicht hinnehmen, dass alles nun vorbei sein soll. Die Fachwerkstadt Celle sollte die Hinweise auf ihre Keimzelle in ihr Tourismuskonzept einbinden, meint Stadtverbandsvorsitzender Alexander Wille. Er hat über den Landtagsabgeordneten Thomas Adasch bei Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajic auf eine Fortsetzung gedrängt. Die Ministerin teilte aber mit, die Höchstgrenze aus dem Forschungsförderprogramm „Pro Niedersachsen“ sei ausgeschöpft. „Vor dem Hintergrund, dass Tsellis nicht akut gefährdet ist“, könne ein Verbleib der Funde im Boden verantwortet werden.

Celles Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende (SPD) betont, die Stadt habe kein Geld für Ausgrabungen, sei aber an weiterer Forschung interessiert. „Ich warte händeringend auf den Abschlussbericht des Projekts“, sagt er. „Erst dann kann ich dem Rat Weiteres vorschlagen.“ Mende bezweifelt, dass die Funde zum Touristenmagneten werden könnten. „Aber im Bomann-Museum könnten wir einige schöne Stücke zeigen.“

Das könnte etwa auf eine sternförmige Brosche aus dem 13. Jahrhundert zutreffen. Der Eichenpfahl hinter dem Gartenhaus in Altencelle wird wohl nicht dazugehören. Grabungshelfer Scharf erzählt, das Palisadenstück sei „glatt wie ein Babypopo“ gewesen, als er es aus der Erde holte. Da das Holz dann aber nicht fachgerecht konserviert werden konnte, ist es nun rissig. Und die anfangs deutlich erkennbaren Beilspuren aus dem Mittelalter sind schon nicht mehr zu sehen.

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