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Was wird aus den Krankenhaus-Bunkern?

Nachnutzung von Hilfskliniken Was wird aus den Krankenhaus-Bunkern?

Sie sind ein Relikt aus Zeiten des Kalten Krieges: Neun unterirdische Hilfskliniken in Niedersachsen verschlingen Tausende Euro – und lassen sich kaum nutzen. Was also tun mit den Räumen? Einige Kommunen versuchen, die Bunker als Lagerräume zu vermieten. Denn ein Abriss kommt für die wenigsten infrage.

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Schilder ins Nirgendwo: Die Klinikräume wurden nie genutzt.

Quelle: Rainer Surrey

Dissen. Zwei Wochen hätten sie hier unten überleben können. Vollkommen abgeschnitten von der Außenwelt hätten sich 204 Ärzte, Pfleger und Techniker nach einem Atomangriff im Notkrankenhaus unter dem Schulzentrum von Dissen um bis zu 628 Verletzte kümmern können. Solange, bis das Öl verheizt und die Luft verbraucht wäre. Der Bau im Kreis Osnabrück ist eine von neun unterirdischen Hilfskliniken, die während des Kalten Krieges in Niedersachsen errichtet wurden. Sie sollten der Bevölkerung im Notfall Hilfe bieten - mittlerweile aber sind sie selbst zum Problem geworden. Der Unterhalt kostet viel Geld, und viele Gemeinden wissen nicht, was sie mit den riesigen Anlagen machen sollen.

Sie sind ein Relikt des Kalten Krieges: In Niedersachsen gibt es neun unterirdische Hilfskliniken.

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Zwischen 1965 und 1990 ließ die Regierung in der damaligen Bundesrepublik die sogenannten Hilfskrankenhäuser einrichten - oberirdisch und unterirdisch. Sie sollten im Falles eines Angriffs mit Atom-, Bio- oder Chemiewaffen zum Einsatz kommen oder wenn die normalen Krankenhäuser im Katastrophenfall überlastet wären. Von etwa 160 Behelfskliniken bundesweit entstanden 22 komplett unter der Erde, in Niedersachsen neben Dissen in Syke, Lüneburg, Bad Bederkesa, Zeven, Bad Bentheim, Walsrode, Stade und Oldenburg. Keine der Kliniken im Untergrund war jemals im Einsatz.

Das Dissener Hilfskrankenhaus bildet das Fundament einer Schule. Die meisten Schüler glauben, die Rampe hinter dem efeuberankten Gitter führe in den Keller. „Nur ein paar wissen, was wirklich da unten ist“, sagt Hausmeister Michael Wojak. Einmal in der Woche geht er für ein paar Stunden hinunter, um nach dem Rechten zu sehen. Dann stellt zwei Luftentfeuchter auf. Sie saugen leise brummend die Feuchtigkeit auf, die ständig durch den dicken Beton dringt. Modrig riecht es deshalb kaum in den verwinkelten Gängen, in denen Streifen mit Leuchtfarbe auch im Dunkeln noch den Weg von der Ambulanz über den OP zum Bettentrakt weisen.

Die Einrichtung ist nun in Tschetschenien

Vor einigen Jahren, als die Bundeszuschüsse zur Pflege des Bauwerks eingestellt wurden, bekam die Stadt am Teutoburger Wald ein Schreiben vom Landesinnenministerium: Das Hilfskrankenhaus werde nicht mehr gebraucht, man solle es mit einer Betonplatte verschließen und die laufenden Kosten einstellen. „Das kommt aber nicht infrage, solange die Schule auf dem Fundament steht“, sagt Stadtsprecher Christof Kombrink. Denn eine Betonplatte könne nicht verhindern, dass sich Schimmel ausbreiten und irgendwann den Weg ins Schulgebäude finden würde. „Dann haben wir ein großes Problem.“ Auch ein Zuschütten der 14.500 Kubikmeter großen Anlage ist keine Option. „Die Kosten dafür wären astronomisch.“

Also muss der zwischen 1973 und 1988 errichtete Bunker weiterhin gepflegt werden. Damals entstand am Stadtrand für 7,8 Millionen Mark ein eigenständiges unterirdisches Behelfsklinikum - bezahlt aus dem Bundeshaushalt und theoretisch zuständig für rund 200.000 Menschen aus den Kreisen Osnabrück, Melle und Wittlage. 1998 wurde der Großteil der Einrichtung als humanitäre Hilfe nach Tschetschenien geschickt, medizinisches Gerät holte das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe ab.

Ein Magazin für das Museum

Jetzt verursacht der leer stehende Bunker Kosten von mehreren Tausend Euro pro Jahr: Ohne Abschreibungen und Zuschüsse zahlte die Stadt zuletzt 3600 Euro jährlich für die Pflege der Anlage. Um die Kosten zu decken, werden jetzt Krankenzimmer als Lagerräume vermietet. 22 von 150 Räumen werden derzeit genutzt, seit Anfang des Jahres bringt die Stadt auch ihr Hauptarchiv hier unter. „Wir hoffen, dass bald noch mehr Vereine und Unternehmen einen Lagerraum mieten, damit wir die Kosten langfristig decken können“, sagt Stadtsprecher Kombrink. Obwohl dann, wie Hausmeister Wojak anmerkt, durch den höheren Stromverbrauch auch die Kosten wieder steigen würden.

Einen ähnlichen Ansatz gibt es in Lüneburg. Der dort unter einer Turnhalle gelegene Bunker dient als Magazin für Museen: Hier lagern ausgestopfte Tiere, archäologische Funde und andere historische Gegenstände. In Walsrode dagegen soll die Bunkerklinik tatsächlich bald Geschichte sein: Der Heidekreis plant den Abriss des darüber liegenden Schulgebäudes. „Die Oberschule ist nicht sanierungswürdig. Ich denke, dass in diesem Zuge auch das Hilfskrankenhaus abgerissen werden kann“, sagt ein Sprecher.

In Bad Bentheim allerdings modert der Behelfsbunker seit Jahren unter der Kurklinik vor sich hin. Ein Abriss kommt nicht infrage, eine Nachnutzung vermutlich aber auch nicht. Denn direkt nebenan sind Schwefelquellen, und deren Dünste wabern durch die unterirdischen Räume. „Da kann man noch nicht mal ein Archiv unterbringen“, meint Klinikchef Klaus Kinast.

Der Bund gibt keine finanzielle Hilfe mehr

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs entschied die Bundesregierung, dass die unterirdischen Hilfskrankenhäuser nicht mehr gebraucht würden. Sie wurden deshalb in zivile Schutzräume umgewandelt und mithilfe von Zuschüssen aus Bundesmitteln weiter unterhalten. 2004 entschied das Parlament schließlich, die Wartung der Hilfskrankenhäuser einzustellen – 2007 wurde auch das Schutzraumkonzept aufgegeben und die finanzielle Unterstützung gekappt. Seitdem sind die Kommunen, der Landkreis oder private Träger für die Reliquien des Kalten Kriegs zuständig. Da der Bund den Bau der Kliniken mit mehreren Millionen Mark komplett bezahlt hat, können die neuen Eigentümer bei der als Rückabwicklung bezeichneten Weiterverwendung oder dem Abriss der Bunker keine Ansprüche auf finanzielle Unterstützung geltend machen, heißt es in einer Drucksache aus dem Bundestag von 2010.

isc

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