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Der Norden Wie Wiesenhof-Mitarbeiter um ihre Jobs kämpfen
Nachrichten Der Norden Wie Wiesenhof-Mitarbeiter um ihre Jobs kämpfen
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02:15 04.04.2016
Wiesenhof in Lohne: „Frühestens Ende nächster Woche können wir sagen, wie viele Mitarbeiter weiterbeschäftigt werden können." Quelle: Franson
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Lohne

Das Handy von Zerfan Babacan gibt keine Ruhe. Es klingelt und klingelt. Der 36-Jährige versucht, die Anrufer am anderen Ende der Leitung zu beruhigen. „Ihr seid nicht gekündigt“, sagt er. Babacan ist Betriebsratsvorsitzender bei Wiesenhof in Lohne. Seit der Schlachthof im Kreis Vechta bei dem Brand am Ostermontag in weiten Teilen zerstört wurde, ist er der erste Ansprechpartner für viele der 1200 Mitarbeiter. Seine Kollegen haben Angst. Sie fragen sich, wie es weiter geht mit dem Betrieb, ob ihre Arbeitsplätze sicher sind. Sie haben Familien zu ernähren, Hauskredite abzubezahlen. In der Zeitung haben einige gelesen, dass die ersten Mitarbeiter die Kündigung bekommen haben.

Andere scheinen den Ernst der Lage noch gar nicht richtig begriffen zu haben. Einer kommt und fragt, wann er den Gutschein für das Gratisgeflügel bekommt, das die Mitarbeiter regelmäßig abholen können. Der Betriebsrat versucht, in dem Chaos Ruhe zu bewahren, so gut es geht. In einem leer stehenden Gebäude der Firma gegenüber der Brandruine hat er ein provisorisches Büro eingerichtet. Draußen auf dem Gehweg liegen noch die Löschschläuche.

Wie es weitergeht, das weiß auch Babacan nicht genau. Seit Montag sind die Mitarbeiter von Wiesenhof in Lohne beurlaubt. Der Familienvater ist trotzdem jeden Tag am Werk. Vor ihm steht ein Kollege, der wissen will, wie es mit dem Lohn aussieht. Er habe sich einen Teil als Abschlag vorab auszahlen lassen, doch noch sei nichts auf seinem Konto eingegangen. Babacan rät dem Mann, er solle sich noch etwas gedulden.

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Wiesenhof nach dem verheerenden Brand.

Die Gehälter werden nach Auskunft von Wiesenhof vorerst weiter gezahlt. „Frühestens Ende nächster Woche können wir sagen, wie viele Mitarbeiter weiterbeschäftigt werden können und wie viele vorerst leider nicht“, sagt eine Sprecherin des Unternehmens. Bisher sei kein Festangestellter gekündigt worden. „Die Geschäftsführung tut alles, um so viele Arbeitsplätze wie möglich zu retten“, beteuert sie.

Er habe immer gern bei Wiesenhof gearbeitet, sagt Babacan. Und er ist nicht der einzige. Wenn man die Belegschaft frage, so sagt er, dann hätten die Mitarbeiter eigentlich nur Positives über das Unternehmen zu berichten: faire Löhne, gutes Arbeitsklima, alle würden gut behandelt. Deshalb könnten sie nicht verstehen, warum Wiesenhof kurz nach dem Brand von Kündigungen gesprochen habe.

„Das Verhalten hat nichts mit Professionalität zu tun“

Auch Matthias Brümmer von der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) ist verwundert. „Das Verhalten hat nichts mit Professionalität zu tun, so wird nur Panik verbreitet.“ Denn bevor das Unternehmen nicht in Verhandlungen mit dem Betriebsrat und der Gewerkschaft getreten sei, könne nicht von Kündigungen gesprochen werden. Eigentlich hat Brümmer nur gute Erfahrungen mit Wiesenhof gemacht. „Das gilt aber nur für die Stammbelegschaft“, fügt er hinzu.

Wiesenhof hat nämlich gut 450 Leiharbeiter und Werkverträgler, die bei Subunternehmen angestellt sind. Viele von ihnen stammen aus Rumänien und Bulgarien. Mittlerweile machen unter ihnen Gerüchte die Runde, erste Kollegen seien bereits entlassen worden. Mariya Krumova versucht, sie zu beruhigen. Die gebürtige Bulgarin arbeitet bei der Beratungsstelle für mobile Beschäftigte. Sie hilft den Arbeitern, die meist kein Deutsch sprechen, wenn es etwa Probleme mit Verträgen gibt. „Sie sorgen sich sehr. Vor allem, weil sie keine Informationen haben, was mit ihnen geschieht.“

Krumova sitzt auf dem durchgesessenen Sofa in der Wohnung einer ihrer Klientinnen. Tiefe Augenringe zeichnen das Gesicht der Frau, die ihren Namen nicht nennen möchte – aus Angst, man könne sie rausschmeißen, wenn sie redet. Die Mittfünfzigerin stammt aus einem kleinen Ort im Norden Bulgariens. Dort gibt es kaum Arbeit, deshalb kam sie vor einigen Jahren nach Deutschland. 8,60 Euro hat sie verdient, das ist der Mindestlohn in der Fleischindustrie. „Ich möchte hier arbeiten und Geld verdienen“, sagt sie. Mit dem Job ist sie zufrieden, sie habe immer pünktlich ihr Geld bekommen. Ihr Traum sei es, irgendwann nach Hause zurückzukehren und sich ein kleines Häuschen zu kaufen.

Hoffen auf Unterstützung der Politik

Brümmer erwartet, dass Wiesenhof auch den Leiharbeitern hilft. „Sie reden immer davon, dass auch diese Mitarbeiter zu Wiesenhof gehören. Dann sollen sie ihren Worten jetzt auch Taten folgen lassen“, fordert er. Er vermutet, dass Wiesenhof den Leiharbeitsfirmen die Verträge gekündigt hat, obwohl es eine Versicherung gegen den Produktionsausfall gebe.

Betriebsratschef Babacan will sich ebenfalls für die Leih- und Werkvertragsarbeiter einsetzen, obwohl er sie nicht vertreten muss. Sie seien doch ein Teil des Unternehmens. Er wünscht sich, dass die Halle schnell wieder aufgebaut wird. Dass alle – auch die, die nicht zur Stammbelegschaft gehören – in Kurzarbeit geschickt werden, bis die Produktion wieder normal laufen kann. Und niemand seinen Job verliert. „Dafür brauchen wir die Unterstützung der Politik“, sagt der Lagerist. Die Zeit drängt: Nach Angaben der Arbeitsagentur in Vechta hat sich bereits „eine hohe zweistellige Zahl“ an Leiharbeitern arbeitssuchend gemeldet. Einige seien schon vermittelt worden.

Die Menschen in Lohne haben großes Mitgefühl für die Situation der Wiesenhof-Mitarbeiter. Auf dem Wochenmarkt ist der Brand auf dem Schlachthof das beherrschende Thema. Die dicken, schwarzen Rauchwolken und den Großeinsatz der Feuerwehr werden die Menschen hier so schnell nicht vergessen. „Es ist wirklich schrecklich, was passiert ist“, sagt Johannes Kathmann, der Geflügelspezialitäten verkauft. Ob es denn jetzt einen Engpass bei der Versorgung mit Fleisch bei ihm gebe, will eine Kundin wissen. „Nein“, kann Kathmann beruhigen, „mit Wiesenhof habe ich nichts zu tun.“

Von Isabell Rollenhagen

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