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Wie Bürger für den Ausbau der B 240 kämpfen

Landkreis Holzminden Wie Bürger für den Ausbau der B 240 kämpfen

Der Weg an die Weser ist weit und kurvig: Eine Bürgerinitiative aus Holzminden engagiert sich ganz sanft für den Ausbau der Bundesstraße 240 – vielleicht mit Erfolg.

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Abgefahrene Spiegel und Blechschäden: In Marienhagen (Landkreis Hildesheim) ist die Bundesstraße 240 besonders eng.

Quelle: Michael Wallmueller

Holzminden. „Protestaktionen?“ Eigentlich ist das für eine Bürgerinitiative keine Frage, sondern eine Selbstverständlichkeit: Demonstrationen und kreative Aktionen gehören zum Standardinstrumentarium für solche Gruppen. Doch Helmut Schneider wirkt ehrlich irritiert. Nein, sagt der Vorsitzende der Bürgerinitiative B 240 in Holzminden, an so etwas habe man noch nie gedacht. „Wir müssen nicht laut sein, wir haben die richtigen Argumente“, sekundiert ihm sein Vorstandskollege Dietrich Leisner.

Man kann sich die beiden korrekt gekleideten Herren auch nicht so recht bei einem Sit-in oder mit Trillerpfeifen vorstellen. Das passt auch nicht zum Stil der B-240-Initiative, die zu den wenigen Bürgergruppen in Niedersachsen gehört, die nicht gegen, sondern für eine Straße kämpfen: Seit über zehn Jahren fordert die Gruppe den Bau einer mehrspurigen Straße von Holzminden bis zur B 3 südlich von Hannover.

„Hier kracht es regelmäßig“

Jetzt wird sich zeigen, ob sich das Engagement gelohnt hat: In den kommenden Wochen will das Bundesverkehrsministerium seinen Referentenentwurf für den Bundesverkehrswegeplan veröffentlichen. Das Anliegen der B-240-Initiative ist dabei leicht zu verstehen, und sogar zu messen: Der Landkreis Holzminden gehört zu den am schlechtesten angebundenen in Deutschland. Wer von hier auf eine Autobahn oder in ein Ballungszentrum gelangen will, muss lange Fahrtzeiten einplanen. Die Bundesstraße 240 beginnt zwischen Hehlen und Bodenwerder an der Weser und führt bis kurz vor Gronau im Landkreis Hildesheim. Im Winter muss der Höhenzug Ith auf Serpentinenstrecken überquert werden, und alle paar Kilometer geht die Strecke mitten durch ein Dorf. In Marienhagen (Kreis Hildesheim) wird die Straße sogar an einem Punkt einspurig. „Hier kracht es regelmäßig“, sagt ein Anwohner schulterzuckend. Meist nichts Schlimmes: Ein abgefahrener Spiegel, Blechschäden - was halt so passiert, wenn die Straße so eng ist, dass ein Fahrzeug halb auf den Bürgersteig ausweichen muss.

Abgehängt vom Rest der Welt

Wann gilt eine Region als verkehrstechnisch schlecht angebunden? Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt-, und Raumforschung (BBSR) hat eine Reihe von Kriterien dafür festgelegt. Danach ist eine Region abgehängt, wenn...
... man mit dem Pkw 30 Minuten bis zur nächsten Autobahn fährt
... man mehr als 60 Minuten bis zum nächsten Verkehrsflughafen fährt
... die Pkw-Fahrzeit zum nächsten ICE-Bahnhof 45 Minuten übersteigt
... die  nächste Großstadt mit vielfältigen Einkaufsmöglichkeiten und größeren Behörden (Oberzentrum) mit dem Auto nicht in 45 Minuten zu erreichen ist
... man mehr als 120 Minuten zu einem der großen Ballungsgebiete in Deutschland (Ruhrgebiet, Hamburg, Berlin) braucht.
Holzminden erfüllt alle fünf Kriterien und wird daher zur „inneren Peripherie“ Deutschlands gezählt. Ähnlich abgehängt sind in Niedersachsen das Wendland, Teile Ostfrieslands und die Grafschaft Bentheim. Das strukturell schwache Südniedersachsen ist deutlich besser angebunden, hat allerdings mit ähnlich starken wirtschaftlichen und demografischen Problemen zu kämpfen wie der Landkreis Holzminden.

Für die Orte an der Bundesstraße ist die Enge eine Qual: Im Jahr 2010 wurden auf der Strecke täglich 300 Lkw gezählt, Tendenz steigend. Im Jahr 2004 beschlossen Schneider und seine Weggefährten, das Problem nicht weiter hinzunehmen. Sie gründeten ihre Bürgerinitiative, die aber von Anfang an wenig von einer typischen Bürgerinitiative hatte: Fast alles Männer, fast alle der örtlichen Wirtschaft verbunden, zu der namhafte Unternehmen wie der Aromaspezialist Symrise und der Heiztechniker Stiebel-Eltron gehören. Von Anfang an suchte man nicht den Streit, sondern das Gespräch mit den Behörden, lernte die politische Sprache - und wurde mehr zu einer Gruppe von Lobbyisten als Aktivisten.

Bund muss am Ende entscheiden

Politische Erfahrung hatte von den Gründern kaum einer. „Für uns war das größte Abenteuer zu erleben, wie die Planungsprozesse ablaufen“, sagt Leisner. Bald war ihnen klar, dass der Bundesverkehrswegeplan das Schlüsseldokument ist: Dort musste der Ausbau der B 240 in den „vordringlichen Bedarf“. Um die Verantwortlichen in Politik und Behörden zu überzeugen, gab die Initiative sogar ein Gutachten in Auftrag. „Was passiert, wenn die Verkehrsinfrastruktur nicht verbessert wird?“ heißt die 25 000 Euro teure Studie, die mithilfe von Spenden aus der Holzmindener Wirtschaft bezahlt werden konnte. Und sie hat das erwünschte Ergebnis: Die Straße ist für Holzminden nicht alles, aber ohne Straße ist alles nichts, lautet das Fazit. Ohne Straße werde aber weder die örtliche Wirtschaft auf Dauer florieren noch die schrumpfende Bevölkerungsentwicklung aufgehalten werden können.

In der Landespolitik haben die Bürger aus Holzminden große Resonanz gefunden. Nicht nur CDU und FDP, auch SPD und Grüne sind für einen besseren Ausbau der Straße: Nur beim von der Bürgerinitiative gewünschten Tunnel durch den Ith scheiden sich die Geister. Doch am Ende wird der Bund entscheiden.

Was aber macht die Initiative, wenn ihr Wunsch nicht in Erfüllung geht? „Weitermachen“, sagen die Beteiligten. „Geduld haben wir gelernt. Wenn es noch mal zehn Jahre dauert, bleiben wir noch mal zehn Jahre dran“, ist sich Thomas Beineke, Schatzmeister der Initiative, sicher. Diese Haltung zumindest haben sie mit anderen Bürgerinitiativen gemein.

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