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Der Norden Wie ein Unfall für ein Ehepaar zum Glücksfall wurde
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Von Gabriele Schulte
„Ich halte Ihre Hände, bis Sie nicht mehr zittern“: Ursula und Heinz-Joachim Wiebe strandeten nach einem Reifenplatzer auf dem Standstreifen. Quelle: Samantha Franson
Schloss Ricklingen

Das Gute kommt manchmal verspätet. Und nicht selten wirkt es nach Widrigkeiten viel intensiver. So war es vor Kurzem bei Ursula und Heinz-Joachim Wiebe aus Schloß Ricklingen bei Hannover. Aus einem geplatzten Reifen ist für die beiden eine Erinnerung an etwas Schönes erwachsen: die wärmenden Hände, Worte und Taten der Polizisten. „Sie sind wirklich unser Freund und Helfer“, hat Ursula Wiebe noch auf dem Standstreifen der Autobahn zu ihnen gesagt - und damit wiederum den Beamten, die sich bei ihren Einsätzen oft verunglimpft sehen, eine große Freude gemacht.

Gegenstand auf der Autobahn

Ein Sonnabend im Oktober, im dichten Ferienverkehr auf der Autobahn 1 trüben Dunst und Regen die Sicht. Ursula Wiebe und ihr Mann haben auf dem Rückweg von einem Kurzurlaub an der Ostsee vier Staus hinter sich gebracht, als es kurz vor Hamburg passiert. „Plötzlich scherte der Pkw vor mir nach links aus“, erinnert sich die 76-Jährige. „Gleich danach sah ich, warum: ein schwarzer Gegenstand auf der Fahrbahn.“ Zum Ausweichen ist es zu spät. Sie umklammert das Lenkrad und hält die Spur - so hat sie es erst wenige Wochen zuvor bei einem Senioren-Fahrtraining vermittelt bekommen. Es knallt, als an ihrem Ford C-Max der rechte Vorderreifen platzt. „Halt an!“, ruft ihr Mann vom Beifahrersitz aus, und kurz darauf kommt das Auto auf dem schmalen Seitenstreifen zum Stehen.

Hier wird das Ehepaar die nächsten zwei Stunden im strömenden Regen verbringen. Da die Fahrerin ihre Tür wegen des vorbeirauschenden Verkehrs nicht öffnen kann, muss zunächst ihr Mann aussteigen. Das dauert, denn der 82-Jährige kann wegen einer fortschreitenden Nervenkrankheit seine Beine nur noch sehr mühsam bewegen; Rollator und Elektro-Rollstuhl liegen im Kofferraum. Draußen lässt sich Heinz-Joachim Wiebe eine Warnweste geben, hält sich mangels Beinkraft an Auto und Leitplanke fest - und verharrt so, bis die Retter eintreffen. Die Zeit kommt ihm endlos vor.

Über ihr Handy erreicht seine Frau, mit einer Kapuzenjacke leidlich vor dem Regen geschützt, Polizei und Abschleppdienst. Sie müsse sich, heißt es jeweils, auf Warten einstellen. Ursula Wiebe äußert Verständnis. „An dem Tag war der Bär los“, sagt sie. Mehrere Polizeiautos sausen mit Blaulicht vorbei. Hinter der Leitplanke kann sich das Ehepaar nicht vor dem Verkehr in Sicherheit bringen, denn dort wächst hohes, nasses Schilfgras.

Wie die 76-Jährige später erfahren hat, hat die Polizei die Unfallstelle auf dem Standstreifen als gesichert eingestuft und andere Prioritäten gesetzt. Erst als Heinz-Joachim Wiebe, zunehmend entkräftet, die Geduld verliert, ein Hemd an seinen Stock bindet und damit den vorbeirauschenden Autofahrern winkt, kommt Bewegung in die Sache. Was das Ehepaar auch später hört: Bei der Polizei gingen mehrere Anrufe wegen eines vermeintlich „Irren“ auf dem Standstreifen ein. Es dämmert schon, als die Autobahnpolizei hinter dem Ford hält - eine junge Frau und ein Mann steigen aus.

„Es war einfach nur schön“

Das ist der Moment, der das Ehepaar, das sich bis dahin völlig verlassen fühlt, für die grässlichen vergangenen zwei Stunden entschädigt. Denn der Polizist nimmt die zitternden Hände des Mannes, reibt sie warm und versichert: „Die halte ich, bis Sie nicht mehr zittern.“ „Wie ein Geschenk“ hat Ursula Wiebe diesen Moment empfunden. „Es war einfach nur schön“, erinnert sie sich.

Als der Abschleppwagen schließlich kommt, aber Heinz-Joachim Wiebe nicht auf den Sitz hochklettern kann, nehmen ihn die Moorfleeter Polizisten in ihrem Auto bis zur nächsten Raststätte mit. Hier warten die Wiebes dann auf einen Wagen des Abschleppdienstes, der sie nach Hause fährt. Schon vorher hatte sich Ursula Wiebe überschwenglich bei den Polizeibeamten bedankt. Die Rentnerin freut sich noch immer, wenn sie an die Reaktion der Polizisten denkt: „Sie sagten: ,Das hören wir selten. Meistens werden wir nur beschimpft, weil alles so lange dauert. Vielen Dank, das tut uns gut.‘“

Erst im Gespräch mit den Beamten wurde Ursula Wiebe klar, wie viel Glück sie im Unglück gehabt hat. Gott habe sie beschützt, meint die agile Frau, die sich auf vielfältige Weise in ihrer Kirchengemeinde engagiert: „Als der Reifen platzte, hätte ich leicht ins Schleudern geraten können.“ Der schwarze Gegenstand, den sie überfuhr, stellte sich als Eisenstück heraus, das von einem Lastwagen gefallen war.

Ihr Mann kann dem Vorfall im Übrigen auch noch etwas Gutes abgewinnen. „Wie ruhig meine Frau alles bewältigt hat“, sagt er, „das hat mich beeindruckt.“