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Der Norden Wie eine Moorleiche Mittelalterforschern hilft
Nachrichten Der Norden Wie eine Moorleiche Mittelalterforschern hilft
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00:31 17.03.2018
„Man sieht einen Typen“: Die Restauratoren Jens Klocke und Katrin Kania stehen im Ostfriesischen Landesmuseum Emden an der Rekonstruktion der Moorleiche Bernie. Quelle: Foto: dpa
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Emden

Ganz ruhig steht Bernie da, einen Wanderstock in der einen Hand. Eine Tunika aus bunten Flicken schützt denn Mann vor Kälte. Wahrscheinlich liegt sein letztes Bad schon etwas länger zurück: Füße und Fingernägel sind schmutzig, im Gesicht wachsen Bartstoppeln. Sehr lebendig wirkt Bernie auf Besucher, dabei ist er schon 1200 Jahre tot.

Torfstecher fanden das Skelett

Torfstecher fanden seine Leiche 1907 zufällig im ostfriesischen Moor. Für Wissenschaftler ist der Mann von Bernuthsfeld – Spitzname Bernie – eine Sensation. „Es ist der einzige Fund in Nordeuropa aus dem frühen Mittelalter, der so gut erhalten ist“, sagt der Hildesheimer Restaurator Jens Klocke. Er beschäftigt sich seit Jahren mit der Moorleiche und hat gemeinsam mit seiner Erlanger Kollegin Katrin Kania jetzt die uralte Kleidung nachgebildet.

Wie in der Grube mitten im Moor, in der die Torfstecher das Skelett vor mehr als hundert Jahre fanden, liegt die Moorleiche in einer Vitrine im Ostfriesischen Landesmuseum in Emden da: auf der Seite, die Beine etwas angezogen. Die Knochen sind dunkel verfärbt. Im Schädel klafft ein großes Loch, der Rest ist mit blondem Haar bewachsen. Schulklassen jagte dieser Anblick lange Zeit Schauer über den Rücken. 2011 wurde Bernie dann zum begehrten Forschungsobjekt.

Fünf Jahre lang nahmen zahlreiche Wissenschaftler Knochen, Haare und Kleidung unter die Lupe. Bernie kam unter anderem in die Rechtsmedizin, zur DNA-Analyse und zum Röntgen. „Diese Moorleiche erzählt uns viel über eine schriftarme Zeit“, erläutert Museumsdirektor Wolfgang Jahn die Bedeutung. Besonders wertvoll für die Forscher ist, dass die Kleidung, eine Messerscheide und ein lederner Riemen im Moor viele Jahrhunderte überdauerten.

Die Fundstücke liefern wichtige Erkenntnisse darüber, wie sich die Menschen zur Zeit Karls des Großen kleideten, aus welchen Materialien die Anziehsachen waren und wie sie hergestellt wurden. Dafür haben Kania und Klocke die Originalkleidung noch einmal genau untersucht.

Die Tunika ist auffällig

Bernie trug bei seinem Tod eine Tunika, Wadenbinden um Füße und Unterschenkel, Mantel und Kapuze aus Schafswolle. Außerdem war er in ein großes Tuch gehüllt. Alles ist in verschiedenen Brauntönen in einer Vitrine im Museum ausgestellt. „Wenn man Wolle im Moor vergräbt, verfärbt sie sich durch die Moorsäure“, sagt Kania. Wissenschaftler haben bei Untersuchungen aber Rückstände von pflanzlichen Farbstoffen festgestellt. Daher wissen sie: Die Kleidung bestand aus gelben, grünen, braunen und blauen Stoffen.

Auffällig ist vor allem Bernies Tunika – auch für damalige Zeiten. „Sie ist aus ganz vielen Flicken zusammengesetzt“, sagt Kania. „Normalerweise hat man Tuniken aus großen Stoffstücken gefertigt.“ Über den Grund kann sie nur mutmaßen. „Vielleicht wollte er auffallen. Oder er konnte sich eine Tunika nicht leisten.“ Jeder einzelne Flicken erzählt eine eigene Geschichte, denn diese bestehen aus unterschiedlichem Gewebe und wurden mit unterschiedlichen Stichen vernäht.

Mit einer Folie pausten Kania und Klocke die Form und Lage der Flicken ab. Zwei Weberinnen fertigten die mehr als 20 verschiedenen Stoffe per Hand. Die beiden Restauratoren färbten diese, schnitten die Stücke zu und nähten daraus die Kleidung. Auch die Garne hat Kania teilweise per Hand gesponnen, weil diese heute so nicht mehr existieren. Etwa 100 Stunden haben die beiden gebraucht, bis Bernies Outfit komplett fertig war.

Eine Schaufensterpuppe trägt dieses nun in der Ausstellung – und lässt Bernie quasi lebendig werden. Kopf und Gesichtszüge haben Experten nach einer forensischen Analyse als 3-D-Modell nachgebildet. „Man bekommt ein anderes Bild“, meint Jahn. „Es ist eben nicht mehr nur das dunkle Mittelalter. Jetzt sieht man einen Typen, der heute Morgen sein Brot und seinen Apfel in Wachspapier gesteckt hat und auf Wanderschaft gegangen ist.“

Ein Rätsel bleibt

Zum Gruseln ist die Moorleiche also nicht mehr, ein Rätsel jedoch bleibt: Woran Bernie gestorben ist und wer ihn da draußen im Moor bestattet hat, wissen die Wissenschaftler trotz der vielen Untersuchungen nicht.

Von Irena Güttel

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