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Wer soll das bezahlen?

Wohnungsmarkt auf den Ostfriesischen Inseln Wer soll das bezahlen?

Horrende Mieten, leere Ferienappartments: Seit Jahren wird bezahlbarer Wohnraum auf den Ostfriesischen Inseln immer knapper. Die Inselbürgermeister wehren sich gegen Investoren. Auf Spiekeroog wurden bereits Wohnungen beschlagnahmt.

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„Weniger als null freie Wohnungen“: Investoren bauen Apartments zu Ferienwohnungen um, die Insulaner können sich die Mieten kaum noch leisten.

Quelle: Ingo Wagner/dpa

Hannover. Spiekeroogs Bürgermeister Matthias Piczczan wusste sich nicht mehr anders zu helfen. Weil drei Mitarbeiter eines Gastronomiebetriebs im Hafen keine bezahlbare Unterkunft fanden, beschlagnahmte die Verwaltung drei leerstehende Apartements im leerstehenden Künstlerhaus am Rande des Inseldorfes. „Wir mussten reagieren“, sagt Piszczan. „Wir haben weniger als null freie Wohnungen, und gleichzeitig stehen Apartements leer. Das ist Paradox.“

Er beruft sich dabei auf das niedersächsische Polizeigesetz, wonach Kommunen Gefahren abwehren müssen. „Die drohende Obdachlosigkeit der Mitarbeiter war eine solche Gefahr“, begründet der Bürgermeister den ungewöhnlichen Schritt. „So konnten wir zumindest für die nächsten sechs Monate eine Unterkunft finden.“

Ein Einkommen für die Miete

Seit Jahren wird bezahlbarer Wohnraum auf den Ostfriesischen Inseln immer knapper. Nicht nur auf Spiekeroog ist die Situation auf dem Wohnungsmarkt angespannt. Auch auf den anderen Inseln kaufen sich immer öfter Investoren vom Festland ein und bauen neue Unterkünfte für Feriengäste oder nutzen sie selbst als Zweitwohnung. Mietwohnungen für Insulaner sind für die Investoren dagegen nicht attraktiv genug, denn die Gewinne sind deutlich niedriger.

Stattdessen werden neue Luxuswohnungen errichtet, die die meiste Zeit des Jahres leer stehen. „Die Immobilienpreise steigen immer weiter an“, sagt Uwe Garrels, Bürgermeister auf Langeoog. „Häufig geht ein komplettes Einkommen nur für die Miete der Wohnung drauf.“ Der Bürgermeister weiß selbst, wie schwierig es ist, eine bezahlbare Wohnung zu finden. „Als ich vor 40 Jahren auf die Insel gezogen bin, habe ich zunächst in einer Malerwerkstatt gewohnt“, erzählt er.

Schon seit Jahren kämpfen die Bürgermeister der sieben Ostfriesischen Inseln gemeinsam mit der Landesregierung gegen sogenannte Rolladen-Siedlungen, in denen die Wohnungen außerhalb der Ferienzeit oft leer stehen. Ende März hatten sie endlich Erfolg: Der Bundesrat änderte das Baugesetzbuch. Die Bürgermeister können Wohnungen nun besser vor dem Zugriff von Investoren schützen. Noch in diesem Jahr will das Land zudem ein Gesetz gegen die Zweckentfremdung von Wohnraum auf den Weg bringen. „Die Immobilienspekulation droht die Insulaner auf das Festland zu verdrängen“, sagt Bauministerin Cornelia Rundt (SPD). „Dieser Entwicklung dürfen wir nicht tatenlos zusehen.“

Bekannt für seine immensen Immobilienpreise ist auch Sylt. Die Insel drohte eine reine Urlaubsinsel zu werden. Deshalb beschloss die Gemeinde im vergangenen Jahr, den Bau neuer Ferienwohnungen zu beschränken. So müssen in Neubauten ab 130 Quadratmetern mindestens 60 Quadratmeter für Einheimische bereitgestellt werden. Auch die fünf Gemeinden auf der Insel versuchen, mit öffentlichen Wohnbauprojekten neuen und bezahlbaren Wohnraum für Sylter zu schaffen.

Auf Langeoog musst wegen des engen Wohnungsmarkts sogar schon einmal ein Supermarkt schließen, weil die Mitarbeiter keine Wohnung fanden. Heiner Pott, Direktor beim Verband der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft in Niedersachsen und Bremen, spricht von einer „fatalen Situation“. In dieser angespannten Lage sei die Verhinderung von weiteren Zweitwohnungen zwar gut, entscheidend sei aber die Schaffung von neuem Bauland für Wohnungen, die von Insulanern bezogen werden können, so Pott.

"Kaum noch bezahlbare Wohnungen"

Nachgefragt bei Holger Heymann, Landrat von Wittmund

Gibt es auf den Ostfriesischen Inseln ein Problem?

Ja. Der bezahlbare Wohnraum für Insulaner und Mitarbeiter wird immer knapper. Durch das niedrige Zinsniveau kaufen sich immer mehr Investoren vom Festland eine Immobilie und nutzen sie als Geldanlage. Gleichzeitig verkaufen Einheimische gern ihre Immobilien, da sie große Gewinne erzielen können.

Wie hat sich die Situation in den vergangenen Jahren entwickelt?

Sie ist immer schlimmer geworden. Die touristische Auslastung von Langeoog und Spiekeroog ist in den Ferien bei 100 Prozent. Doch damit die Touristen kommen können, müssen Mitarbeiter von Bäckern und Supermärkten untergebracht werden können. Wir fordern deshalb schon lange, dass bei einem Quadratmeterpreis von 10 Euro Kaltmiete eine Grenze gezogen werden sollte, damit sich Insulaner eine Wohnung leisten können.

Wie lässt sich dieser Verdrängungsprozess noch aufhalten?

Das Problem ist, dass der Preis durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Das Angebot ist auf den Inseln allein schon durch die Lage begrenzt. Die Kommunen müssen die Initiative ergreifen und Alternativen erarbeiten. Dazu gehört auch, dass sie selbst neuen Dauerwohnraum schaffen. Der Prozess wird sich zudem entspannen, wenn die Zinsen wieder ansteigen.

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