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"Wir wollen rüber!"

Zerstörung der Friesenbrücke "Wir wollen rüber!"

Vor einem Jahr wurde die Friesenbrücke an der Ems bei Weener zerstört - und damit eine Rad-, Bahn- und Fußverbindung von Orten, die nur zwei Kilometer entfernt sind. Nun müssen die Anwohner den Fluss über die nächstgelegene Brücke überqueren - und die ist zwölf Kilometer entfernt. Was das bedeutet und wie sich das Leben verändert hat, hat Gabriele Schulte zusammengetragen.

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Am Flussufer ist Schluss: Seit mehr als einem Jahr ist die Friesenbrücke nicht mehr passierbar. Für die Anwohner hat das gravierende Folgen.

Quelle: Villegas

Weener . An den Tag, als die Friesenbrücke zerstört wurde, erinnert sich Gerald Sap sehr genau. „Ich war mit dem Zug zum Weihnachtsmarkt nach Leer gefahren“, erzählt der Bürgermeister von Bunde (Kreis Leer). „Zurück musste ich mich mit dem Auto abholen lassen.“ Die Unachtsamkeit eines Frachterkapitäns und eines Emslotsen hatten in der Zwischenzeit, am 3.  Dezember 2015 um 18.03 Uhr, eine Bahn-, Rad- und Fußwegverbindung gekappt, die den Menschen in Ostfriesland nun auf Jahre fehlen wird. Aus zehn Minuten mit dem Rad zum Einkauf oder zum Arzt, zur Arbeit oder zum Verwandtenbesuch ist eine fast halbstündige Tour mit dem Auto geworden – wenn man eins hat.

Alte Freundschaften leiden

Robert Hensmann gehört zu denen, für die der Weg über die Ems jahrzehntelang ein Katzensprung war, erst zur Schule nach Weener, später zur Arbeit in der Papierfabrik dort. „Jetzt mussten meine Frau und ich ein zweites Auto anschaffen“, sagt der Industriemeister. Der Arbeitsweg des 51-Jährigen hat sich mal eben von zwei auf 26 Kilometer verlängert. Egal in welche Richtung, ob über Leer im Norden oder Papenburg im Süden: Bis zur nächsten Flussquerung sind es jeweils zwölf Kilometer.

Ersatzverkehr: Statt mit dem Zug fahren die Einwohner jetzt mit dem Bus nach Leer.

Ersatzverkehr: Statt mit dem Zug fahren die Einwohner jetzt mit dem Bus nach Leer.

Quelle: Villegas

Hensmann hat den Fackelzug organisiert, bei dem 350 Anwohner am 3.  Dezember 2016, ein Jahr nach dem Schiffsunglück, auf sich aufmerksam machten. „Wir wollen rüber!“, skandierten sie auf den Deichen beidseits der Friesenbrücke. Sie sind keine Revoluzzer hier in Ostfriesland. Mit vielen Veränderungen haben sie sich arrangiert: mit der Emsvertiefung für die Meyer-Werft im nahen Emsland beispielsweise. Die langwierige Diskussion um den Wiederaufbau der Brücke aber strapaziert ihre Geduld.

Meistens ist es jetzt ruhig an der Friesenbrücke, wie an diesem nebelverhangenen Januartag. Nur ein paar Graugänse quäken am Himmel über der Ems zwischen der Kleinstadt Weener im Westen und der Gemeinde Westoverledingen im Osten, ein Baggerschiff tuckert leise dahin. Bis vor gut einem Jahr ratterten an dieser Stelle noch Züge zwischen den nahen Niederlanden und der Kreisstadt Leer über das Bauwerk; Scharen von Radfahrern und fröhliche Boßeltrupps mit Bollerwagen wechselten regelmäßig die Seite.

Die Sperrung wirkt sich auf jeden Einzelnen aus. Auf Einzelhändler wie Lars Klinkenborg, den Buchhändler aus der Kleinstadt Weener: „Wir haben in unserer Datei nur noch drei Kunden von der anderen Seite“, erzählt er. Auf die Rentnerin ohne Auto, die vor dem Bahnhof steht: „Seit der Zug nicht mehr nach Leer durchfährt, muss ich den Bus nehmen.“ Harm Meinders vom Fahrradclub ADFC klagt: „Die Busse nehmen keine Fahrräder mit. Ohne Brücke mussten wir etliche Touren aus dem Programm nehmen.“ Auch die Radtouristen von anderswo sind weniger geworden. „Manche stehen trotz unserer Schilder verwundert an der Brücke und wollen eigentlich rüber“, sagt Maren Baumann vom Fremdenverkehrsamt Weener.

Reparatur oder Neubau – noch ist nichts entschieden

Die Friesenbrücke im Kreis Leer zwischen Weener und Westoverledingen wird als eine der längsten Eisenbahnklappbrücken Deutschlands in Reiseführern als technische Sehenswürdigkeit hervorgehoben. Das Bauwerk aus Stahl wurde zwischen 1924 und 1926 errichtet, 1945 von der Wehrmacht zerstört und nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut. Es besteht aus sechs rund 50 Meter langen Abschnitten sowie einem Klappteil mit 29 Meter Spannweite.
Bei einer Kollision mit einem Schiff zerbarst im Dezember 2015 das klappbare Stück, Aufbauten wurden verschoben. Seitdem ist die Eisenbahnverbindung Groningen–Leer unterbrochen, auch Fußgänger und Radfahrer kommen hier nicht mehr über die Ems.
Eine Reparatur, wie von der Deutschen Bahn in Aussicht gestellt, würde sich nach Angaben des Verkehrsministeriums in Hannover bis mindestens 2022 hinziehen. Infrage komme auch ein Neubau, der den Interessen der zwölf Kilometer flussabwärts gelegenen Meyer-Werft entgegenkäme. Bis zum Unfall musste zwei- bis dreimal im Jahr bei Überführungen von Schiffen der Mittelteil der Brücke per Kran herausgehoben werden. Ein Neubau würde die Wiedereröffnung noch weiter verzögern.
Die Kosten der Reparatur werden auf 30 Millionen Euro veranschlagt und würden vorwiegend von der Bahn getragen. Ein Neubau würde wohl 15 Millionen Euro teurer sein. Die Versicherung der Reederei als Unfallverursacher haftet nur bis 4 Millionen Euro. Bei einem Runden Tisch vereinbarten die Verkehrsministerien von Bund und Land, Bahn, Werft und Anliegerkommunen vor wenigen Tagen, die Varianten bis zum 20.  März genauer zu prüfen. / Schulte     

Fitnesskaufmann Gert-Jan Miedeam hinter dem Weeneraner Deich sagt: „Von drüben haben sie zu uns riesige Umwege.“ Das trifft auch das kommunale Freibad gleich nebenan, wie Bürgermeister Ludwig Sonnenberg hervorhebt. Und auf beiden Seiten erzählen sie, dass alte Freundschaften leiden, weil man sich nicht mal eben auf einen Tee besuchen kann.

Wenigstens eine Fähre für Fußgänger und Radfahrer wollen sie haben, solange die Brücke kaputt ist – und die sollte Werft-Chef Bernhard Meyer bezahlen. Die Werft, die der Hälfte der Rheiderländer ihren Arbeitsplatz bietet, hat der Region mit der immer tieferen Ausbaggerung der Ems viel abverlangt. Das einst ruhige Badegewässer strömt jetzt rasant schnell Richtung Nordsee. Die veränderte Tide hat den Fluss so versalzen, dass die Bauern das Wasser nicht mehr für ihre Kühe nutzen können. Deiche mussten für Meyer verlegt und Strommasten erhöht werden.

„Trotzdem sind wir sogar für das Emssperrwerk in Gandersum auf die Straße gegangen“, sagt Evert Pastoor von der Werbegemeinschaft Weener. „Alle für Meyer.“ Das hat sich nach dem Unglück verändert. Erst ein Jahr danach machte der Werft-Chef den Vorschlag, eine modernere, ihm genehmere neue Brücke zu bauen – und damit eine „Lebensader“ der Anlieger noch einige Jahre länger durchtrennt zu lassen. Einen Tag zuvor hatte der damalige Bahn-Chef Rüdiger Grube in der Aula der Oberschule in Weener erklärt, dass das Bauwerk repariert werden kann. „Wir waren sehr erleichtert“, erinnert sich Pastoor. „Dann grätschte Meyer rein."

Die Werft profitiert vom Loch

Die Werft wollte sich dazu gegenüber der Presse nicht äußern. Sie profitiert von dem Loch in der Brücke. Jedes Aushängen des Mittelteils, wenn ein Kreuzfahrtschiff aus Papenburg in die Nordsee überführt wurde, hat sie früher 150 000 Euro gekostet. In Zukunft wäre ein solcher Kraftakt noch häufiger nötig – für sperrige Einzelteile aus Meyers neuer Außenstelle in Emden. Wenn Meyer den Brückenbau nun weiter verzögere, meinen die Anwohner, sollte er von dem Geld, das er jetzt spare, wenigstens die von ihnen geforderte Fußgängerfähre bezahlen. Vom Anleger neben der Friesenbrücke gab es schon mal, bis 1972, eine Bootsverbindung über die Ems. Damals konnten sogar Autos mit rüberfahren.

Von Gabriele Schulte    

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  • Berühmte Niedersachsen : Gerhard Schröder, Diane Kruger, Lena Meyer-Landrut, Sigmar Gabriel, Christian Wulff, Otto Waalkes, Mousse T., Klaus Meine
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