Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Der Norden Viel zu wenige Hebammen auf dem Land
Nachrichten Der Norden Viel zu wenige Hebammen auf dem Land
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 08.01.2018
Weite Wege, lange Wartezeiten: Auf dem Land gibt es nicht genug Hebammen. Quelle: Villegas
Anzeige
Rotenburg

 Manchmal ist es höchste Zeit, wenn die Hebamme kommt. Als Antje Jäger kürzlich von Rotenburg aus auf dem Hof einer Schwangeren bei Bremervörde eintraf, vergingen bis zur Entbindung nur 20  Minuten. Jäger hatte 60 Kilometer Landstraße hinter sich und war immer wieder von Treckern ausgebremst worden. „Ein echtes Landproblem“, sagt sie und lacht. Wenn es um den Hebammenmangel geht, wird die 57-Jährige dagegen ernst. Sie ist die Einzige, die im Landkreis Rotenburg noch Hausgeburten anbietet. Zu wenige Hebammen gibt es landesweit auch in den Kliniken und bei der ambulanten Vor- und Nachsorge. „Es fehlt der Nachwuchs“, sagt Antje Jäger. „Die Politik muss dringend handeln.“

Die Wege sind weit

Felizitas Pietzsch hat Glück gehabt. Als sie im Februar mit Noah im Bauch nach Bothel bei Rotenburg zog, war sie zunächst besorgt. „Ich hatte gehört, wie schwer es ist, eine Hebamme zu finden“, erzählt die 34-Jährige in der Rotenburger Hebammenpraxis, den inzwischen fünf Monate alten Sohn an der Brust.  Beim Grünkohlessen im Dorf steckte ihr eine Nachbarin einen Zettel mit dem Namen Antje Jäger zu. Dafür ist die frühere Berlinerin noch heute dankbar. 

Es gibt viel zu wenige Hebammen auf dem Land. Doch einige Praxen halten sich wacker. Ein Besuch bei Ruth Meyer.

Bei Antje Jäger und ihren vier Kolleginnen schaut Pietzsch gerne vorbei, wenn sie eine Frage zu Noahs Entwicklung hat. Nach dem Stillen spielt der Kleine dort vergnügt mit einer Holzrassel, er hat sich prächtig entwickelt. „So ein Kind ist für die Krankenkassen billig“, hebt Jäger hervor. Trotzdem werde bei  Hebammenhonoraren gespart, während Pränataldiagnostik und Gerätemedizin in Arztpraxen und Kliniken teuer vergütet würden. 

Schwangere und junge Mütter, die sich nicht frühzeitig angemeldet haben, müssen die freiberuflichen Hebammen oft aus Zeitmangel abweisen.  Damit sie nicht ohne Hilfe dastehen, bietet Jägers Kollegin Ruth Meyer seit diesem Monat einmal wöchentlich in der Praxis eine Notfallsprechstunde an. Ansonsten gehören Hebammen zu den wenigen Berufsgruppen im Gesundheitsbereich, die sich noch zu Hausbesuchen aufmachen. Auf den Dörfern seien viele Frauen darauf auch angewiesen, sagt Meyer. „Längst nicht alle haben ein eigenes Auto, und nicht überall gibt es eine Busverbindung.“ Von den Schwierigkeiten, sich mit einem kränkelnden Baby und vielleicht weiteren kleinen Kindern in die Kreisstadt aufzumachen, ganz zu schweigen. 

Christoph Dembowski, Kinderarzt in Rotenburg, weiß die aufsuchende Arbeit der Hebammen sehr zu schätzen. „In unserem Praxisalltag sind Hausbesuche eigentlich nicht mehr vorgesehen“, sagt der 61-Jährige. Auch bei den Kinderärzten sei es schwierig geworden, auf dem Land einen Nachfolger zu finden. Der jetzt schon gravierende Hebammenmangel könne dazu führen, dass in vielen Fällen Krankheiten, Schwierigkeiten bei der Säuglingsernährung, Vernachlässigung und manch anderes Problem nicht rechtzeitig erkannt werden. „Es gibt Leute, die dadurch zwischen alle Stühle fallen“, meint der Kinderarzt. 

Auch in den Geburtsabteilungen der Krankenhäuser fehlen Hebammen. Das gilt auch für Großstädte wie Hannover. Auf dem Land kommen die weiten Wege zur nächsten Klinik erschwerend hinzu. Die Mitarbeiterinnen der Rotenburger Hebammenpraxis berichten von werdenden Eltern, die sich von einer mit vielen gleichzeitigen Geburten überforderten Entbindungsstation zig Kilometer weiter zur nächsten aufmachen mussten.  Auch die Zahl der Geburtsabteilungen hat in den vergangenen Jahren aus Kostengründen abgenommen; so ist etwa beim Heidekreisklinikum die Abteilung in Soltau  geschlossen worden und nur eine in Walsrode übrig geblieben. 

Auch in den Kliniken macht sich der Hebammenmangel bemerkbar – und das Problem dürfte sich bald noch erheblich verschärfen. Das gilt vor allem für die sogenannten Belegkliniken, die in ihrem Schichtsystem keine festangestellten, sondern freiberufliche Hebammen einsetzen, in Niedersachsen rund jede fünfte Geburtsklinik. Eine Neuregelung der Krankenkassen sieht ab Januar vor, dass eine Hebamme dann nur noch zwei Frauen gleichzeitig betreuen soll  – und eine dritte, die vielleicht nur an einen Wehenschreiber angeschlossen werden muss, dann gar nicht mehr abrechnen können. 

Selten ist genug Zeit

„Hebammen sollen unentgeltlich arbeiten, gleichzeitig aber 30 Jahre lang für mögliche Fehler haften“, meint die Rotenburgerin Wiebke Brockmann, die zurzeit als Freiberufliche in solch einem Krankenhaus mit Belegsystem arbeitet. Sie hat gerade im 15. Jahr ihrer Hebammentätigkeit den Job in der Klinik gekündigt und will sich jetzt beruflich fortentwickeln. „Den Hebammenjob werde ich aber nicht an den Nagel hängen“, sagt die 35-Jährige, die nach einem Kliniknachtdienst bei den Kolleginnen in der Hebammenpraxis vorbeigeschaut hat. In der vergangenen Nacht etwa sei ausnahmsweise richtig viel Zeit gewesen, sich einer „wunderbaren Wassergeburt“ zu widmen, sagt Brockmann. „Das macht einfach Spaß.“

Der Markt ist leer gefegt

Häufig wüssten die Hebammen in der Klinik dagegen nicht, wo ihnen vor Arbeit der Kopf steht – zumal pro Schicht etwa eine Dreiviertelstunde mit dem Ausfüllen von bürokratischen Kassenformularen draufgehe.  Das Krankenhaus sei durchaus bemüht,  zusätzliche Hebammen zu beschäftigen. Doch der Markt sei leer gefegt. Wenn der überall im Land zu beobachtende Trend so weitergehe, mutmaßt Brockmann, werde die Kaiserschnittrate weiter in die Höhe schnellen, um die Geburten planbar zu machen.  Brockmann hat sich entschlossen, öffentlich auf die schlechten Arbeitsbedingungen von Hebammen hinzuweisen, um den Beruf wieder attraktiver zu machen. „Eigentlich stehen wir Hebammen immer am Anfang“, sagt sie. „Im Moment fühlt es sich an, als wären wir fast vor dem Aus.“

Von Gabriele Schulte

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Ministerpräsident Stephan Weil möchte möglichst schnell einen zusätzlichen Feiertag in Niedersachsen einführen. Sein Wunschtag ist der 31. Oktober, der Reformationstag. Doch jetzt formuliert sich Widerstand von religiöser Seite.

07.01.2018

Großer Auflauf am Wochenende in Goslar: Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu besucht dort seinen deutschen Amtskollegen Sigmar Gabriel.  Eine Polizeieskorte soll ihn begleiten.

04.01.2018

Mehr Bauern beantragen Prämie – aber der Nutzen ist weiterhin umstritten. Experten raten, lieber die Haltungsbedingungen von Schweinen zu verbessern. 

07.01.2018
Anzeige