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Der Norden Als es im Emsland eine polnische Besatzungszone gab
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00:18 13.09.2018
Polnische Pfadfinder in den Straßen: Anfangs dachten die Harener, so lange werde es schon nicht dauern. Quelle: Stadt Haren/Ems
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Haren

Jacek Nowak hatte ein Auto. Das war noch nicht allzu üblich damals, so kurz nach dem Krieg. Und Jacek Nowak hatte sich entschlossen, in Haren im Emsland zu bleiben. Also stellte er sein Auto vor dem Haus ab. Er dachte sich: Wenn keiner eine Beule reintritt oder den Lack verkratzt, dann ist alles in Ordnung. Dann kann ich hier unbehelligt leben.

Es sei damals nichts passiert, sagt Norbert Nowak, der am Küchentisch, vor einer Wand voll von Fotos mit prämierten Zuchtpferden, zusammen mit seiner Frau Ina die Geschichte seines Vaters erzählt. Jacek Nowak war einer der Polen, die von den Deutschen im Krieg ins Emsland verschleppt und dort in ein Lager gesteckt worden waren. Er war einer von denen, die nach 1945 in Haren an der Ems an einem historischen Kuriosum beteiligt waren: einer kleinen polnischen Besatzungszone im besiegten Deutschland, innerhalb der britischen Besatzungszone. Und er war keiner von denen, die vor jetzt 70 Jahren, Anfang September 1948, Haren wieder verließen. Jacek Nowak, der erste Pole, der in Haren eine deutsche Frau geheiratet hatte, ist damals im Emsland geblieben.

Im Zweiten Weltkrieg kämpften, unter Führung der polnischen Exilregierung in London, viele polnische Einheiten auf Seiten der Alliierten. Haren wurde auch von polnischen Soldaten befreit und gehörte dann zunächst zur britischen Zone. Seinerzeit gab es in der weiteren Umgebung 25.000 Polen, die auf der Suche nach Nahrung, Unterkunft und Zukunft waren. „Displaced persons“ nennt man sie heute: beschäftigungslose Soldaten, ehemalige Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Dazu gehörten auch rund 1700 Frauen, die im Warschauer Aufstand gegen die deutschen Besatzer gekämpft hatten und ins Lager Oberlangen verschleppt worden waren, eines von 15 Konzentrationslagern im Emsland.

541 Häuser wurden geräumt

Und auch Jacek Piotr Nowak, 1912 bei Lemberg geboren, Agraringenieur und Pferdenarr, gehörte dazu. Er war im besetzten Polen von deutschen Militärs kontrolliert worden, sie hatten bei ihm eine amerikanische Armbanduhr entdeckt und ihn für einen Spion gehalten. Er wurde verhaftet und irgendwann in einen Zug gesteckt, in Meppen stieg er wieder aus. Bis 1945 wurde er angewiesen, auf Bauernhöfen in der Umgebung zu schuften.

Der 20. Mai 1945 war der Pfingstsonntag. Von der Kanzel herab und über den städtischen Ausrufer wurde verkündet, das Städtchen Haren sei innerhalb von drei Tagen von der deutschen Bevölkerung zu räumen. Man brauche den Platz für 5000 polnische Bürger. Wertsachen, Kleidung und Wäsche durften mitgenommen werden, Möbel, Öfen und Küchengerätschaften hatten in den Häusern zu verbleiben. 1000 deutsche Familien zogen aus 541 Häusern aus. Wo sie blieben, war ihre Sache. Sie blieben in Scheunen und Ställen, auf Dachböden, in Kellern und auf Hausbooten.

Stefan Sibums Eltern hatten nur eine Stunde. Bei ihnen stand jemand von einem Brückenbaukommando, stationiert an der zerstörten Harener Emsbrücke, vor ihrem Eckhaus an der Hafenstraße, in dem Vater Gerd Sibum eine Schankwirtschaft betrieb. Sie konnten gerade noch einen Handwagen mit ein paar Habseligkeiten beladen.

Die Eltern kamen bei der Schwester der Mutter unter, im nahen Dorf Emmeln, und Sohn Stefan, Jahrgang 1924, verzog sich auf einen Hof in Wesuwe, wo er dem Bauern half. „Die ältere Generation“, sagt Stefan Sibum, der heute mit 94 selbst dazugehört, aber immer noch im Chor singt und jeden Sonntag Fußball gucken geht, „hat damals enorm gelitten“. Er meint nicht unbedingt die Unannehmlichkeiten, und seine Eltern haben auch nicht gehungert, auf dem Land war das nicht so arg. Er meint den Verlust des Heims, des Zuhausegefühls.

Anfangs dachten die Harener, so lange werde der Zustand schon nicht dauern. Es wurden drei Jahre. Kurz vor Schluss starb Gerd Sibum, ehe er in sein Haus zurückkehren konnte. Zwischendurch brachte der junge Stefan seinen Eltern einmal ein ganzes lebendiges Schwein, und er musste dafür quer durchs polnische Haren. Er grinst von einem Ohr zum anderen, als er von diesem Lausbubenstück erzählt: Sie haben das Tier beim Bauern in Wesuwe in eine Kiste gepackt und auf ein Pferdefuhrwerk verladen und das Fuhrwerk dann bis oben hin mit Torf vollgepackt. Beim Posten sagte er, er wolle seinen Eltern Brennstoff bringen. Man ließ ihn passieren.

Nur die Ems hieß noch Ems

Haren hieß damals nicht mal mehr Haren. Die Polen hatten es am 24. Juni 1945 in Maczków umgetauft, nach dem bei den Soldaten beliebten polnischen General Stanislaw Maczek. Auch die Straßen bekamen neue Namen: ulica Lwowska, ulica Jagiellonska, ulica Zygmontowska. Nur die Ems durfte weiter Ems heißen. Die Polen installierten eine voll funktionsfähige Kommune mit Bürgermeister, Feuerwehr, Theatern, Kino, Gerichten, Zeitungen. Im Kirchenbuch aus jener Zeit ist präzise vermerkt, dass die Polen, die unendlich unter den Deutschen gelitten hatten, wieder Lebensfreude und die Hoffnung verspürten: 289 Trauungen, 479 Geburten.

Das waren polnische Eheschließungen. Polnisch-deutsche wie die von Jacek Nowak und seiner Margaretha waren die Ausnahme. Liebschaften wurden geduldet – jedenfalls von den polnischen Behörden. Die Deutschen waren ungnädiger. In Aschendorf, ein Stück nördlich von Haren, wurde ein Plakat mit den Namen von rund 30 deutschen Frauen aufgehängt, die man als Polenflittchen verunglimpfte.

Jacek Nowak hatte sich in einem Kolonialwarenladen in die zwölf Jahre jüngere Margaretha verliebt. Und eigentlich hatte er mit ihr auswandern wollen, nach Kanada. Aber der künftige Schwiegervater – der, wie viele Emsländer, stockkatholisch, aber kein Nazi war – machte zur Bedingung, dass das Paar blieb. Nowak mietete also ein Haus und stellte sein Auto davor, gründete ein Transportunternehmen und wurde einer der Pioniere der Pferdezucht im Emsland (und all das sollten seinen Sohn und seine Schwiegertochter dann weiterführen). Später baute er ein Haus, dasselbe Haus, in dem jetzt Ina und Norbert Nowak sitzen und sepiafarbene Fotos auf den Tisch legen und nach der alten Uniform des alten Herrn suchen.

Jacek Nowak ist immer Pole geblieben, er hat immer mit Akzent gesprochen. Und wenn er Zahlen zusammenzählen musste, tat er das grundsätzlich auf Polnisch. Er hat seinen eigenen Eltern noch Briefe geschrieben, aber gesehen hat er sie nicht mehr. Erst in den Siebzigern, als sie schon tot waren, war er mal drüben. Und froh, als er wieder zurück war. Er kam gut klar im Emsland: Er war angesehen. Und, was sehr wichtig im Emsland ist: Er war katholisch.

Der Ort feierte mit einem Festumzug

Viele Polen aus dem Emsland wollten damals, in den Vierzigerjahren, nicht zurück nach Hause, weil die Sowjets dort das Sagen hatten. Und eben wegen dieser Sowjets sank die Bereitschaft der Briten, die Polen zu unterstützen und ihnen zu trauen, was auch für Exilpolen galt. Irgendwann drängte London auf die Räumung von Maczków. Etliche Bewohner wanderten nach Kanada aus, viele gingen aber auch nach England. Die letzten 32 polnischen Familien verließen den Ort am 10. September 1948.

Nach dem Abzug feierten die Harener. Mit einem Gottesdienst und einem Festumzug. Sie waren froh, dass die „polnische Plage“ vorbei war, zumal viele ihre Häuser in teils schlimmem Zustand zurückbekamen: die Möbel verheizt, die Räume verwüstet. Den Zorn darüber kann man verstehen, wenn man die Situation der Familien sieht. Wenn man mitbedenkt, dass Deutschland gerade Europa verwüstet hatte, sind ein paar unbewohnbare Harener Häuser eher eine Marginalie.

Stefan Sibum hat dann ein paar Jahre lang mit seiner Mutter die Kneipe des Vaters weitergeführt und parallel mit seinem Bruder eine Schiffsreederei aufgebaut. Es ist ein ansehnliches Unternehmen geworden. Die Sibums galten allüberall als ehrenwert. Obwohl er, wie Stefan Sibum berichtet, sogar mal im Knast gewesen sei.

Das war kurz vor dem Abzug der letzten Polen. Die jungen Deutschen in Haren fühlten sich schon wieder stark, ein Trupp junger Männer zog durch den Ort und machte Radau, um die Besatzer zu provozieren. Sibum wurde erkannt und von der Militärpolizei einkassiert: zwei Tage Karzer in Meppen. Er erzählt davon wie von einem Triumph.

Haren arbeitet seine Vergangenheit auf

In Haren ist über die polnische Vergangenheit viele Jahrzehnte eher geschwiegen worden. Man empfand es als Makel, dass ganz Deutschland schon am Wiederaufbau gearbeitet hatte, in Haren aber die Zeit stehen geblieben war. Jetzt will die Stadt das ändern: Bürgermeister Markus Honnigfort (CDU), der die Geschichten aus jener Zeit noch von seinen Großeltern kennt, will die Einzelheiten des polnischen Lebens in Haren untersuchen und dokumentieren lassen.

Im Moment wird noch sondiert, Kooperationspartner und Historiker werden gesucht, die sich beteiligen können. Haren hat aber bereits ein Gebäude für ein Maczków-Museum auserkoren, eine ehemalige Mühle. Ihre Herrichtung wird 700.000 Euro kosten. Derzeit bemüht sich Honnigfort um Fördergeld für sein Vorhaben. 2019 soll das Dokumentationszentrum eröffnet werden.

Von Bert Strebe

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