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Kultur Ausstellungen über Bernd Pfarr und das Thema Liebe im Wilhelm-Busch-Museum
Nachrichten Kultur Ausstellungen über Bernd Pfarr und das Thema Liebe im Wilhelm-Busch-Museum
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10:21 23.11.2018
„Manchmal war Herr Daume schon ein wenig neidisch, wenn er sah, welch gutes Verhältnis seine Frau und ihr toter Fisch hatten“ (1998) Quelle: Gabriele Roth-Pfarr
Hannover

Gott ist Güte? Gott ist Gnade? Bei Gott nicht. Jedenfalls nicht in der Welt des Bernd Pfarr. Da erfreut sich der Herrgott vom Lehnstuhl aus des explosiven Urknalls als seinem Schöpfungsakt. Da fädelt er als weißhaariges Männlein mit Rauschebart Intrigen zwischen den Erdenbürgern ein. Und zieht mit einem Wägelchen voller Sprengstoff für den Weltuntergang um die Häuser. Dieser Gott ist ganz grausam, der Sprengmeister der Weltgeschichte, gar nicht gut. Weshalb Herr Sondermann seinerseits Gnade walten lässt und beschließt, „den alten Herrn nicht länger mit Gebeten für eine bessere Welt zu behelligen“.

Das Wilhelm-Busch-Museum zeigt Werke von Bernd Pfarr (1958-2004).

Herr Sondermann, das ist ein Durchschnittstyp, durch dessen Brille alles drumherum umso bizarrer und monströser scheint, die bekannteste Schöpfung aus dem Kosmos des Bernd Pfarr. Dass dieser Künstler keine großen Hoffnungen in Gott, die Welt und die Mitmenschen setzte, hat nicht zuletzt biografische Gründe. Pfarr, der zur Karikatur- und Satireszene rund um die „Neue Frankfurter Schule“ und das Satiremagazin „Titanic“ zählte, hatte die längste Zeit seiner nur 45 Lebensjahre mit einem Krebsleiden zu kämpfen. Er habe demonstriert, dass ein schweres Schicksal keineswegs zu schwerer Kunst führen muss, rühmte ihn sein Mit-Zeichner und -Satiriker Robert Gernhardt. Und falls es noch eines Beweises bedurfte, dass auch ein sehr kurzes Leben sehr reiche Früchte tragen kann, so dürfte ihn jetzt das Wilhelm-Busch-Museum erbracht haben.

„Alles Liebe“ - alles Liebe?

Lust und Leiden, Hoffnung und Enttäuschung, Wahn und Wahrheit – nirgends liegen diese Antipoden so dicht beieinander wie in der Liebe. Kein Wunder, dass die nicht nur Dichtern und Sängern seit jeher reichlich Stoff liefert, sondern auch Zeichnern und Karikaturisten. Das zeigt jetzt das Wilhelm-Busch-Museum, aus dessen reicher Sammlung die Direktorin Gisela Vetter-Liebenow die Bilderschau „Alles Liebe?! Von Lust, Lastern und Leidenschaft“ zusammengestellt hat, die mit 130 Werken noch größer ist als die parallel startende Bernd-Pfarr-Ausstellung. Zeichnungen aus drei Jahrhunderten sind da zu besichtigen, aus Deutschland ebenso wie aus England und Frankreich, wo die Libertinage schon früher deutlich größer war – und der männliche Voyeur ebenso genüsslich präsentiert wurde wie weibliche Verführungskunst. Dass auf Sturm und Drang meist die Tristesse der Ehe folgt, war früh ein Gegenstand zeichnerischen Spotts. Wie kümmerlich Liebesblütenträume herabwelken, nehmen sich mit besonderer Inbrunst die Zeichner der Gegenwart vor – etwa in Papans Sadomaso-Dialog „Bitte quäl mich“ - „Nein“. Oder auch mit jenem Bildnis, auf dem Gerhard Haderer die abschreckende Wirkung sommerlicher Nacktheit demonstriert: „Also meine Lieblingsjahreszeit ist eindeutig der Winter“. (Bis 17. Februar im Wilhelm-Busch-Museum)

Dort ist von Sonnabend an eine Retrospektive mit mehr als 100 Werken und einigen Modellautos aus der Sammlung des Künstlers zu erleben, der in diesem Monat 60 Jahre alt geworden wäre. Darin kontrastieren die zarten Pastelltöne seiner Acrylmalerei ebenso reiz- wie spannungsvoll mit den harten Urteilen, die seine Werke über den Zustand der Welt nahelegen.

Mensch-Maschine

Leichthin, so geht es bei Pfarr, doch direkt in den Abgrund. Indem er Menschen zeigt, die wie Maschinen agieren. Oder Maschinen, die ebenso (un-)menschliche Züge an den Tag legen. Vor allem mit den Kluften, die er zwischen seinen Bildern und den zugehörigen Texten eröffnet, lotet er Abgründe aus und gewinnt ihnen komische Seiten ab: Die Malerei eines Kühlschranks am Südseestrand etwa – Bildtitel: „Pinguin auf den Malediven“ - wirkt wie ein früher Kommentar zum Klimawandel. Ein Lieferwagen mit „Wienerwald“-Aufschrift – Bildtitel: „Wenn Hühner verreisen“ - setzt ein Fragezeichen hinter unsere Ernährungsgewohnheiten. Und oft funktioniert das Visuelle auch ohne Text: die klammernde Mutter am Hals des Sohnes beispielsweise. Der automobile Stillstand auf einem Panorama verstopfter Straßen. Oder der triste Blick des Mannes, der seine Frau einen Fisch umarmen sieht.

Zeichnen gegen die Angst

Dieses Gemälde prangt auf dem Cover des reich bebilderten und mit Texten unter anderem vom Museumschefin Gisela Vetter-Liebenow versehenen Katalogs („Die wilde Schönheit der Auslegeware“, Carlsen, 160 Seiten, 25 Euro) zur Ausstellung. „Eigentlich sind diese Situationen tragisch“, wird Pfarr in einem gleichfalls darin abgedruckten Interview zitiert. „Man greift schmerzhafte und gefährliche Situationen auf und macht sich darüber lustig. Ich mache mich damit über meine eigene Angst vor Versehrtheit lustig. So trete ich dieser Angst entgegen.“

Tja, warum, so könnte man denken, sollte vor Spott über Gott zurückschrecken, wer sich über die eigene Angst lustig zu machen vermag. Doch selbst Pfarr, der Spötter, mahnt zur Vorsicht. „Gott wird häufig unterschätzt“, heißt es in einem seiner Cartoons. „Der alte Bursche hat noch so manchen Trick auf Lager.“ Obacht also. Auch beim Lachen über die Abgründe dieses Künstlers.

Bernd Pfarr: Die wilde Schönheit der Auslegeware“. Eröffnung am Freitag um 18 Uhr in Anwesenheit von Gabriele Roth-Pfarr im Wilhelm-Busch-Museum, Georgengarten.

Von Daniel Alexander Schacht

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