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„Glotzt nicht so romantisch“

Ausstellung von Tobias Madison in der Kestnergesellschaft „Glotzt nicht so romantisch“

Dieser junge Schweizer bricht Rekorde: Tobias Madison, 1985 in Basel geboren, dessen Werk die Kestnergesellschaft jetzt zeigt, ist der jüngste Künstler in ihrer einhundertjährigen Geschichte sein. 

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Vordergründig? Hintergründig? Abgründig? Die Geisterbahnfassade in Tobias Madisons Ausstellung. 

Quelle: Michael Thomas

Hannover. Und zum anderen gebührt ihm der Lorbeer für den geheimnisvollsten Ausstellungstitel, mit dem das Kunstinstitut je für eine seiner Schauen geworben hat. „das blut im fruchtfleisch gerinnend beim birnenbiss“, heißt es in Kleinbuchstaben, die ebenso retro anmuten wie der poetisch verschlüsselte Titel. Er läuft wie alles in dieser Ausstellung auf einen von Madison in den Räumen der Kestnergesellschaft realisierten Film hinaus, der das geheime Kraftzentrum der Schau ist. Er wird im Obergeschoss als ihr End- und Kulminationspunkt präsentiert.

Bevor man ihn zu Gesicht bekommt, hat man drei Räume zu durchwandern. Sie sind mit künstlerischen Werken eher sparsam ausgestattet. Das kennt man bereits von der vor wenigen Tagen zu Ende gegangenen Ausstellung von Michael E. Smith im hannoverschen Kunstverein und von der gerade eröffneten Schau von Pierre Huyghe im Sprengel-Museum. Es scheint, als habe der Horror Vacui früherer Zeiten letzthin einem Amor Vacui, einer Liebe zur Leere, Platz gemacht in der Kunst.

Infos zur Ausstellung

Bis zum 24. April, Kestnergesellschaft, Goseriede 11, Ein Katalog befindet sich in Vorbereitung.

Im ersten Raum der Kestnergesellschaft sieht man allein vier quadratische Fensterbilder. Die Gleichsetzung von Bild und Fenster ist ein altes Motiv der Kunstgeschichte, erlauben doch beide Blicke auf die Wirklichkeit. Madison hat die Fensterscheiben verdunkelt, sodass sich der Blick des Betrachters gleichsam nach Innen wendet. Mit diesem Kunstgriff, der innere und äußere Repräsentation gegeneinanderstellt, intoniert er sein Thema. Zugleich erweist er damit dem Künstler Marcel Duchamp Reverenz, der als erster ähnliche Werke schuf, und auch der Kestnergesellschaft - erinnert die quadratische Form seiner Fenster doch an das berühmte Format ihrer Kataloge aus ruhmreicher Vergangenheit.

Ein viktorianisches Fenster begegnet uns als realer Einbau im zweiten Raum. Ansonsten Trockenpflanzen in braunen Vasen und im Zentrum, prominent platziert, eine groteske Löwenskulptur aus Holz, Ton und Teppichresten, die auch in Madisons Film auftaucht. Die Fenster sind hier wie im nächsten Raum mit orangefarbener Folie verkleidet, die Böden mit weichen Spannteppichen ausgelegt.

All das betont den Charakter des Interieurs und schafft eine angenehme Stimmung. Aus ihr reißt den Betrachter der Blick auf Paletten mit Säcken voller Sand und die mit dem Außen verbundenen Anlieferungsräume, die nicht wie sonst üblich versteckt, sondern bewusst gezeigt werden. Es ist, als agiere Madison wie einst der junge Bertolt Brecht, der an die Wände des Theaters, wo sein „Baal“ uraufgeführt wurde, schreiben ließ: „Glotzt nicht so romantisch“, um die Zuschauer aus ihren Träumen zu reißen und zum Denken zu ermuntern.

Die Dialektik von Innen und Außen, Fiktion und Wirklichkeit setzt sich fort im dritten Raum. Er wird groß besetzt von der Fassade einer Geisterbahn. Gemessen an den sparsamen Exponaten zuvor, hat sie eine fast schon barocke Wirkung.

Sie präsentiert auf ihrer Schauseite eine mittelalterliche Burg und das übliche Personal aus allerlei Schauermärchen. Nachtstimmung, hybride Ungeheuer, unheimliche Geister, ein Ritter, der seinen Kopf unter dem Arm trägt und dennoch tapfer weiter ficht, der Tod als Geige spielendes, uns zu sich rufendes Skelett, an Goya erinnernde Fledermäuse und Ähnliches mehr.

Madison hat sich für das Zustandekommen des Werks wie seiner ganzen Ausstellung der Mithilfe vieler Hände versichert. Beteiligt waren neben anderen der Interieur Designer Mathias Renner, die Theaterpädagogin Marin Eze, die Sozialpädagogin Renate Dressler und die Fotografin Mathilde Agius. Gedacht hat er bei seiner Geisterbahn an Elaine Sturtevants „House of Horrors“. Deren Installation war vor zwei Jahren im Sprengel-Museum zu sehen, als die Künstlerin dort den Schwitters-Preis in Empfang nehmen durfte. Aber anders als bei ihr gibt es bei Madison keine Referenzen zu anderen Künstlern außer zu Sturtevant selbst. Wichtig ist ihm dagegen das Spiel mit der Vor- und Rückseite seines Werks.

Denn wenn wir durch die Kulisse wie durch ein Tor wandern, machen wir damit zugleich den Schritt vom Artefakt zu dessen Aufbau, von der Illusion zur Ernüchterung. Und von dort geht es zum Film, dem Herzstück der Ausstellung. Auch er konfrontiert uns mit der Spannung, die aus dem Zusammenstoß von Sein und Schein erwächst.

Gedreht hat ihn der Künstler mit sechs bis 13 Jahre alten Kindern, die früher einmal eine evangelische Kindertagesstätte in Hannover-Hainholz besucht haben oder noch besuchen. Zugrunde liegt dem Werk als Subtext der Film „Emperor Tomato Ketchup“ des japanischen Regisseurs und Künstlers Shuji Terayama aus dem Jahre 1972. In ihm wehren sich Kinder gegen das autoritäre Regime ihrer Eltern und ergreifen die Macht, wobei sie am Ende nicht weniger tyrannisch handeln als jene.

Terayamas Film ist eine Parabel, welche die autoritären Strukturen der Vor- und Nachkriegsgesellschaft Japans angreift, die sich selbst nach dem Schock des Atombombenabwurfs über Hiroshima und Nagasaki nicht geändert haben. Tobias Madisons Film ist dagegen ein Lehrstück, dass man Kinder nicht nur anzuleiten hat, sondern auch von ihnen lernen kann. Ihr Nachspiel des Terayamas-Films zeigt eindrucksvoll, dass sie voller Empathie und Rücksichtnahme sind. Gerade und immer dann, wenn sie aus ihren Rollen fallen, wird das deutlich. Dem Regisseur, der im Film das erste Opfer des kindlichen Aufstandes wird, hat das gut gefallen und außerordentlich imponiert.

Spätestens nach Kenntnisnahme des Films erschließt sich auch der rätselhafte Titel der Schau. Das Blut, das im Fruchtfleisch der Birne gerinnt, nachdem man kräftig in sie hineingebissen hat, kann zweierlei Ursachen haben. Einmal vom Esser selbst stammen, der sich beim Beißen verletzt hat, oder von der Konsistenz und Farbe des Fruchtfleisches herrühren. Wie ein Haiku - Tobias Madison liebt Japan - enthält der Titel, an dem der Künstler lange getüftelt hat, einmal mehr eine dialektische Spannung. So wie offenbleibt, wer hier Agent des Blutflusses war, bleibt unbeantwortet, wer oder was in der Ausstellung stärker ist: Subjekt oder Objekt, Tag oder Traum. Es steht zu befürchten, dass der Künstler es selbst nicht weiß.

Der Betrachter wird es ganz allein herausfinden müssen - in seinem Leben.

Michael Stoeber

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