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Die digitale Einkreisung

Ausstellung im Kunstverein Die digitale Einkreisung

Entdecken statt Verstecken: In seiner neuen Ausstellung widmet sich der Kunstverein – püntklich zum Start der Cebit – vor allem den düsteren Seiten des Digitalzeitalters.

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Quelle: Dröse

Hannover. Schon über der Treppe hinauf zum Kunstverein sehen dessen Gäste rote Ziffern und Lettern auf einem Lichtlaufband flimmern. Und ein paar Meter weiter erblicken sie auf einem Monitor, dass sie auch gesehen werden - von einer Kamera, die sie unversehens zu Akteuren einer Kunstinstallation macht.

Diese Arbeit des Künstlers Arno Auer ist ein guter Start in die neue Gruppenausstellung des Kunstvereins. Denn sie handelt vom Sehen und Gesehenwerden, vom Entdecken und vom Verstecken von Erkenntnissen. Daten werden heute in digitalen Archiven verwaltet und verwertet und zu diesem Zweck oft auch versteckt - in den Geheimbeständen der NSA ebenso wie in den Datenspeichern von Google oder Facebook.

Wer noch an digitale Transparenz geglaubt hat, wird in der Ausstellung „Digital Archives“ eines Schlechteren belehrt. Arno Auers Kunstinstallation etwa trägt den Titel „To be installed within reach of a public webcam“, und ihre Buchstabenfolge mündet in den Appell, die Zeichenfolge „213.73.91.35“ in den eigenen Computer einzugeben. Damit soll man sich Internetseiten freischalten können, die - aus guten oder fragwürdigen Gründen - meist gesperrt sind. Zu derart gesperrten Informationen gehören auch jene über geheimdienstliche Einheiten, Programme und Operationen, von denen der US-Künstler und Aktivist Trevor Paglen mehr als 4500 gezählt hat. Gut anderthalbtausend davon füllen - von A wie „Able Alley“ bis Z wie „Zodiac Beauchamp“ - einer ganze Wand im Kunstverein.

Dieser kritische Blickwinkel zieht sich durch alle Beiträge von „Digital Archives“. Wieder macht der Kunstverein damit pünktlich zum Start der Cebit die Digitalisierung zum Thema - so wie im vergangenen Jahr mit der Gruppenschau „Digital Conditions“. Wie schon 2015 soll es ein Symposium geben, an dem im Leibniz-Jahr auch die Leibniz-Experten Michael Kempe und Matthias Wehry teilnehmen - immerhin gilt Leibniz mit seiner „Mathematica“ auch als eine Art Vordenker der Digitalisierung. Und wieder hat Kunstvereinschefin Kathleen Rahn dafür die Messe AG als Partner sowie als Förderer die Nord/LB-Kulturstiftung, die VGH-Stiftung, das Land Niedersachsen und die Stadt Hannover gefunden. Deren Kulturdezernent Harald Härke wies bei der Präsentation der Gruppenschau auf die besondere Relevanz des Themas hin und zeigt sich erfreut, dass mit Arno Auer auch ein in Hannover lebender Künstler zu der Ausstellung beiträgt.

Dabei gibt es kaum ein weniger sinnliches Thema als die Digitalisierung. Eine Festplatte sieht aus wie eine Festplatte, ganz gleich, welche Daten darauf gespeichert sind. Ein Computerprogramm, das Waren bestellt - wie in einer Simulation der Künstlergruppe Bitnik - bestellt doch ganz reale Waren. Selbst jenes Reagenzglas, das der Schweizer Künstler Yann Mingard auf einem Foto zeigt, und das Erbinformationen enthalten soll, sieht dabei so harmlos aus wie eben ein Reagenzglas. Ähnlich ratlos lassen den Betrachter die Fotos von Server-Schränken, Lagerhallen oder Gewölbekellern, die andere Fotos von Mingard festhalten.

Wie sinnlich man sich dem Thema Digitalisierung widmen kann, zeigt eine Zehn-Kanal-Videoinstallation im großen Saal des Kunstvereins von dem japanischen Klang- und Videokünstler Ryoji Ikeda. Für die Videoloops hat Ikeda nach den Worten von Kuratorin Ute Stuffer die Daten menschlicher DNS aufgrund von zehn Algorithmen visualisiert. Entstanden ist, vor allem durch den suggestiven Soundtrack, ein visueller und akustischer Sinnenrausch - wenn man sich denn darauf einlässt.

Ein stärker intellektuelles Vergnügen ist Christoph Faulhabers Film „Jedes Bild ist ein leeres Bild“, in dem der künstlerische Aktivist erzählt, welchen Verhören er bei seiner Einreise in die USA ausgesetzt war. Anspruchsvoll sind auch jene gut zwei Dutzend illuminierten Globen, mit denen der New Yorker Künstler Ingo Günther statistische Daten visualisiert - etwa über die regionale Dichte der Computerisierung. Und ein Video der Künstlergruppe Superflux zeigt ein Leben mit Drohnen, die die Menschen beliefern - oder auch nur beobachten.

Beobachtet werden auch jene Menschen, die Arno Auers Banner mit der Aufschrift „213.73.91.35“ beobachten, das jetzt bereits gegenüber vom Anzeiger-Hochhaus hängt - als Pendant zum Lichtlaufband im Kunstverein. Man muss also nicht einmal in den Kunstverein gehen, wenn es nur darum geht, sich diesen Code zu notieren. Die Webcam hängt übrigens in der Langen Laube.

„Digital Archives“. Vom 12. März bis zum 29. April im Kunstverein, Sophienstraße 2. Eröffnung heute um 20 Uhr mit einem Konzert der Gruppe Santronic in Kooperation mit dem Studio Incontri der Musikhochschule.

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