Hannover. Für seine regelmäßigen Sondierungsbohrungen zu den Anfängen der Moderne ist das Kunstmuseum Wolfsburg bekannt, um nicht zu sagen berühmt. Nun hat man das Bohrgestänge gewaltig verlängert und landet im 16. Jahrhundert. Man widmet sich dem Ornament, dem Schnörkel, der Zierleiste, dem gegenstandlosen, darum aber nicht freien Linienspiel.
Für die neue Ausstellung „Ornament – Ausblick auf die Moderne. Ornamentgrafik von Dürer bis Piranesi“ sind im Obergeschoss des Museums verschachtelte Kojen eingerichtet, das Licht ist gedämpft, weil die Papiere, die hier gezeigt werden, sehr empfindlich sind. Die Kostbarkeiten mussten nicht weit reisen, sie stammen aus dem Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig. Und das ist eine wahre Schatzkammer an Kupferstichen. 130.000 druckgrafische Blätter gehören zum Bestand des Museums - um sich einen Eindruck von der Fülle des Braunschweiger Bilderschatzes zu machen, empfiehlt sich ein Besuch auf der Internetseite www.virtuelles-kupferstichkabinett.de. Dort sind die Blätter versammelt, klug katalogisiert – und man kann mit einem Mausklick sogar ganz nah heranzoomen.
Das kann man im Kunstmuseum Wolfsburg auch, wo 100 ausgewählte Stiche aus dem Herzog Anton Ulrich-Museum – gewissermaßen die Essenz aus dem Bereich des Ornamentstichs – ausgestellt sind. Nur geht das nicht digital, sondern analog: Vor dem Ausstellungsbereich liegen Lupen aus, die die Besucher zur Annäherung an die Kunst nutzen können. Die sind eine gute Hilfe, sofern man nicht über eine naturgegebene Kurzsichtigkeit verfügt, die einem vor den manchmal sehr fein ziselierten Minimotiven durchaus einen echten Heimvorteil verschaffen kann.
Wer sich auf die Bilderwelt von Schnörkel, Groteske, Bandel- und Knorpelwerk sowie Rocaille einlässt, kann entdecken, dass es beim Ornament um mehr als Schmuck und Beiwerk geht. Fragen tun sich auf: Siegt hier nicht die Phantasie des Künstlers über alles? Ist die Ornamentgrafik vielleicht die alte Tante der abstrakten Kunst? Lässt sich eine Linie von barocken Linienschwüngen bis zur gegenstandlosen Malerei ziehen? War die berühmte Verdammung des Ornaments durch Adolf Loos in „Ornament und Verbrechen“ aus dem Jahre 1908 (in der sich auch die schöne Argumentation „Ornament ist vergeudete arbeitskraft und dadurch vergeudete gesundheit“ findet) vielleicht etwas voreilig? Arbeitet nicht auch ein Gerhard Richter irgendwie ornamental?
Darüber kann man im fahlen Licht vor 100 Kostbarkeiten trefflich grübeln. Und man kann einige skurrile Gestalten entdecken, die auch aus zeitgenössischen Fantasyfilmen stammen können. Etwa Christoph Jamnitzers „Putte mit Flügeln“ aus dem Jahr 1610, die von einem raumschiffartigen Blasebalg umschwirrt wird, oder Hans Sebald Behams Stich mit der kuriosen Inschrift „On dir hab ich gerisen das ich mich hab beschissen“ aus dem Jahr 1542. Ein kleinmeistersticher Spaß, der dann genau das zeigt, was der Text anspricht.
Die Ornamentgrafik, das ist die These der Ausstellung, ist trotz aller Abgezirkeltheit eine Kunstform allergrößter Freiheit; hier kann sich der spielerische Impuls von Kunst hervorragend austoben. Und oft – etwa in der unendlich langen und sehr feinen Schnur von Albrecht Dürers Holzschnittserie von Verknotungen – zielt das Ornament geradezu ins Unendliche.
Die Ausstellung wird bis zum 6. Januar 2013 zu sehen sein. Allerdings nicht so, wie sie jetzt zu sehen ist. Nach der Hälfte der Laufzeit werden die Exponate gegen andere Werke aus der Sammlung des Herzog Anton Ulrich-Museums ausgetauscht. Das Licht setzt ihnen zu sehr zu. Aus konservatorischen Gründen müssen die Blätter lange im Dunkeln bleiben.
Im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen bis 6. Januar 2013.
Infos finden Sie unter www.kunstmuseum-wolfsburg.de
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