In der Gracht vor dem Obergut in Lenthe schwimmt ein aufgeschnittener Plastiktank, randvoll mit Kokosnüssen. Leere Kanister halten die Konstruktion wie einen Ponton über Wasser. „Coconut Island“ hat Christiane Möbus ihre Arbeit genannt und sie mit zwei zarten Zimmerpalmen ausgestattet, die für karibisches Flair sorgen. Reif für die Insel? „Coconut Island“ ist ein paradiesischer Zufluchtsort.
Wie Christiane Möbus erzählen auch die anderen zwölf Künstler, die die Kuratoren Hannes Malte Mahler und Hartmut Stielow zur vierten Ausgabe der Schau „Neue Kunst in alten Gärten“ eingeladen haben, von Überlebensstrategien und Rettungsversuchen. „Survival“ ist das Ausstellungsmotto. Zugleich spiegeln sich in ihren Werken eben jene Gefährdungen, denen sich der moderne Mensch ausgesetzt sieht – trotz oder gerade wegen des zivilisatorischen Fortschritts.
Man muss nur einen Blick auf das absurde Monument werfen, mit dem die Finnin Tea Mäkipää für einen fulminanten Auftakt im Garten des Unterguts sorgt. In die gekippte stählerne Trägerkonstruktion eines zweistöckigen Hauses, Maßstab 1:1, hat sie all die funktionalen Elemente eingebaut, ohne die wir aufgeschmissen wären: Wasserhähne, Heizungen, Lampen aller Art, Toiletten, Steigleitungen, Steckdosen. Es rauscht und röhrt und blinkt. Die Technik ist ein Wunderwerk, unsere Abhängigkeit von ihr eine latente Bedrohung.
Das Gigantische wird in Lenthe mit kleinen Eingriffen konterkariert. Christiane Oppermanns phantastische Flora aus schnödem Plastikabfall fügt sich wie beiläufig unter die Rhododendronbüsche. Versteckt im Schatten der Bäume hat der Brite Kenny Hunter zwei gusseiserne Lagerfeuer platziert. Ihr warmer rötlicher Schimmer setzt Akzente vor dem satten Grün. Und schließlich ließe sich die Inszenierung von Sebastian Gräfe glatt übersehen, wäre man nicht längst sensibilisiert für jedes Detail in den beiden weitläufigen historischen Parklandschaften.
Da lehnt ein Spazierstock neben einer Gartenbank, ein Mantel hängt lässig über einem Ast, im Gras liegt eine Armbanduhr. Mag sein, dass diese Accessoires tatsächlich einem älteren Herrn gehören, einem vergesslichen allemal, der seine Stiefel, die Pfeife, die französische Lektüre ebenfalls liegen ließ. Sein Verschwinden gibt Anlass zu Spekulation, Geschichten möchte man erfinden. Vielleicht, auch davon erzählt Gräfes Eingriff, ist unsere Phantasie jener Zufluchtsort, aus dem uns niemand vertreiben kann, wo wir in Sicherheit sind.
Die Ausstellung "Neue Kunst in alten Gärten", bis zum 3. Oktober in den Gärten des Ober- und Untergutes in Lenthe. Geöffnet sonnabends und sonntags 11 bis 17 Uhr, Führungen jeweils um 15 Uhr.
Kristina Tieke
HAZ.de Anmeldung