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Kestnergesellschaft setzt auf Punk und surreale Effekte
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Kommende Ausstellungen Kestnergesellschaft setzt auf Punk und surreale Effekte

Die Kestnergesellschaft setzt mit ihrem Jahresprogramm auf Punk und stellt sich gegen alte Weltbilder. Dabei lockt sie mit Licht und schönem Schein.

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Albtraum in fotografischer Präzision: „Ziergier“ (2012) von Jonas Burgert.

Quelle: Kestnergesellschaft

Hannover. Ein weiblicher Körper streckt die Arme wie zum Tanz, die Hüfte leicht eingeknickt, die Erscheinung makellos – wären da nicht diese schockierenden Amputationen und Verpflanzungen: Statt eines Kopfes prangt ein klotziges Bügeleisen. Und lächelnde Lippen offener Münder mit perfekten Zahnreihen klaffen, wo Brustwarzen sonst sinnliche Sehnsüchte beflügeln könnten – ein visuelles Manifest gegen sexuelle Phantasien, eine Ästhetik des Schocks, die dem anderen Geschlecht brutal Defekte männlicher Fixierung vorhält.

Linder Sterling, deren Werke in Deutschland zuletzt vor fünf Jahren in Köln zu sehen waren, hat damit einst dem feministischen Flügel des Punks krassen Ausdruck verliehen – und so plakativ auch die Aussage dieser Collage scheint, die aus einem Pin-up-Plakat montiert ist: In Zeiten, da Rainer Brüderle als Dirndl-Experte Schlagzeilen macht und seine blau-gelbe Boygroup postfeministische Posen probiert, ist das 35 Jahre alte Werk der britischen Künstlerin weiter erschütternd aktuell.

Mit Linder Sterlings Collagen, Videos, Fotografien und Performances plant die Kestnergesellschaft in diesem Sommer eine Ausstellung, die auch jenseits der Kennzeichnung aktueller gesellschaftlicher Defekte spannend sein dürfte. „Wir starten 2013 den Endspurt zum Jubiläumsjahr 2016, in dem die Kestnergesellschaft 100 Jahre alt wird“, sagte Direktor Veit Görner bei der Vorstellung des Jahresprogramms. 2012 seien die Publikumszahlen – vor allem wegen des erfolgreichen „Made in Germany Zwei“ – um 16 Prozent auf 35 458 Besucher gestiegen, 2013 setzt man auf weiteres Wachstum.

Dazu sollen, gleichzeitig mit Linder Sterlings Collagen, die Installationen der US-Amerikanerin Rachel Harrison beitragen, die teils frappierend mit Sterlings Werken korrespondieren. Harrisons Installation „All in the Family“ beispielsweise stellt statt des Bügeleisens einen Staubsauger als Objet trouvé auf einen Sockel. Der wiederum ist in aufwendiger Handarbeit gestaltet – was das traditionelle Verhältnis zwischen dem Kunstwerk und seiner Präsentation ironisch umkehrt.

Den Auftakt bildet in der Kestnergesellschaft aber Jonas Burgert, der außer  in Deutschland auch schon in Großbritannien, den USA und der Schweiz ausgestellt hat. Der 43-Jährige zaubert teils surreale, teils magisch anmutende Albtraumphantasien von apokalyptischen Ausmaßen in fast fotografischer Präzision auf die Leinwand – etwa das wie aus einem Fantasyfilm  entlehnte Bild „Ziergier“. Es zeigt einen Zebrareiter zwar wie zum Kampf gewappnet, aber schon sichtlich beschädigt in eine Ecke gedrängt.

Schon dieses Bild ist mit gut fünf Quadratmetern Fläche nicht ganz klein. Dass Burgert für wahre Gigantomanien bekannt ist, wird man auch sonst in Hannover sehen können: Drei der von ihm erwarteten Bilder sind Monumentalwerke, darunter eines sogar im Format sechs mal vier Meter. „Und es sind durchweg neue Werke“, betont Görner. Vergleichsweise ruhig erscheinen dagegen die gleichzeitig geplanten pathetischen Aufnahmen der Filmregisseurin Ulrike Ottinger, die in ihren Filmen stets Fiktion und Dokumentation mischt und so die Grenzen beider Ebenen verwischt. Gezeigt werden Fotografien, die oft bei Ottingers Filmarbeit entstanden sind. Und begleitet wird diese Ausstellung von einer Retrospektive der Filme Ulrike Ottingers im Kino im Künstlerhaus.

Das ist nur eine von vielen Kooperationen der Kestnergesellschaft mit anderen Institutionen in Hannover. „Wir planen auch eine Zusammenarbeit mit dem Landesmuseum“, sagt Veit Görner. Parallel zu dessen Präsentation des Goldschatzes von Gessel startet eine Gruppenausstellung rund um den schönen – und oft trügerischen – Schein. „Da könnte es Doppeltickets oder einen Shuttle-Service geben.“ Kunstwerke von insgesamt 15 Künstlern sollen in der „Schein“-Ausstellung zu sehen sein, darunter etwa Thomas Demands Goldbarren-Fake „Bullion“.  Um Licht und Glanz, Reflexion im physikalischen und metaphorischen Sinn in den Vordergrund treten zu lassen, eignen sich die Räume des alten Goseriede-Bades mit ihrer besonderen Mischung von Natur- und Kunstlicht zweifellos ganz besonders.

Sowohl die großen Ausstellungsflächen als auch die Statik des Gebäudes werden bei der Doppelausstellung von Karla Black und Kitty Kraus besonders gefordert. Denn Karla Black, die 2011 für den Turner-Preis nominiert worden war, arbeitet mit raumgreifenden Installationen aus allen möglichen Materialien, die in knalligen Bonbonfarben wie Pink, Türkis oder Gelb in wochenlanger Handarbeit vorbereitet werden – und oft tonnenschwer sind. Und Kitty Kraus, mit ihren Spiegellampen den Besuchern von „Made in Germany Zwei“ schon bekannt, setzt gerade fragile Formen ein, die wiederum in spannende Korrespondenz zu Karla Blacks manifesten Installationen und den Räumen der Kestnergesellschaft treten werden.

Jonas Burgert: „Schutt und Futter“ und Ulrike Ottinger: „Weltbilder“, 22. Februar bis 20. Mai. Linder Sterling und Rachel Harrison: 7. Juni bis 4. August. „Der Schein“: 23. August bis 3. November. Karla Black und Kitty Kraus: 22. November bis 31. Januar 2014. Weitere Informationen unter www.kestnergesellschaft.de

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