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Landschaftsmalerei

Museum zeigt neuen Blick auf Claude Lorrain

Von Johanna Di Blasi

Das Frankfurter Städel Museum eröffnet einen neuen Blick auf den Landschaftsmaler Claude Lorrain. Dem französischen Barockkünstler brachten seine simulierten Paradiese enormen Ruhm und Reichtum ein.
Foto: Lorrains 
„Karthago mit Dido und Aeneas“ 
von 1675/76.

Lorrains 
„Karthago mit Dido und Aeneas“ 
von 1675/76.

© Bibliothèque nationale de France

Frankfurt. Sie hätten „die höchste Wahrheit, aber keine Spur von Wirklichkeit“: Diesen wunderlichen Satz sagte Goethe über die phantastischen Landschaften Claude Lorrains (um 1600–1682). Generationen von Künstlern wurden von dessen Schilderungen fiktiver Orte angeregt, die der Maler aus Versatzstücken der Realität zusammensetzte. Und Generationen von Landschaftsparkgestaltern – vor allem in England, aber ebenso im hannoverschen Georgengarten – sorgten dafür, dass die Bilderfindungen mit Deko-Ruinen allmählich wurden, was der Klassiker Goethe ihnen noch absprach: Sie wurden wirklich.

Dem französischen Barockkünstler brachten seine simulierten Paradiese enormen Ruhm und Reichtum ein. Für ein Lorrain-Gemälde war seinerzeit mit langen Wartezeiten und Höchstpreisen zu rechnen. Zunehmend belieferte der Künstler feinste Adressen, von Fürsten bis zum Papst, der 1636 gleich vier Gemälde bestellte. Schon zu Lebzeiten wurde Lorrain gefälscht. In Rom verkauften Maler Landschaften unter seinem Namen.

Nun ist dem Großmeister der Landschaftsmalerei in Frankfurt eine umfangreiche Ausstellung gewidmet: „Claude Lorrain. Die verzauberte Landschaft“ ist mit 130 Werken die Eröffnungsausstellung des Städel Museums nach längerer Sanierungsphase und die erste große deutsche Lorrain-Schau seit 30 Jahren.

Bis heute spreche man in England bei Landschaftsperspektiven mit rahmenden Bäumen, pittoresker Kulisse im Vordergrund und räumlicher Tiefe von „Claudian Mode“, sagt Jon Whiteley, Kunsthistoriker am Ashmolean Museum in Oxford. Whiteley hat die sehenswerte Schau für das Städel gemeinsam mit seinem deutschen Kollegen Martin Sonnabend zusammengestellt. Sie eröffnet einen frischen Blick auf den Klassiker, dessen Bilder „uns so vertraut sind“, wie Whiteley es ausdrückte, „dass wir fast die Kraft verloren haben, sie wahrzunehmen“.

Auf farbigen Wänden magisch angestrahlt, ziehen einen die Gemälde sofort in ihren Bann: Auf einem Großformat weilt ein ungemein vergeistigter Jesus in ultramarinblauem Kostüm. Es handelt sich um das berühmte „Noli me tangere“-Bild von 1681 aus dem Eigenbestand des Städel. Eines der Hauptwerke ist auch „Ein Seehafen“ (1644) aus der Londoner National Gallery. Pfirsichfarben strahlt bei Lorrain die Morgensonne, während Nächte  sich magisch-silbrig ankündigen.

Es bleibt kein Zweifel: Als Meister vibrierender Luft- und Lichtschauspiele erhebt sich Lorrain haushoch über Schöpfer langweiliger antikisierender Szenen mit steifen Staffagepüppchen, wie sie bis in die Goethe-Zeit in der Malerei vorherrschten.

Künstler wollten damals an das Ideal antiker Landschaftsmalerei anknüpfen, von der man fast nur aus schriftlichen Quellen Kunde hatte. Lorrain schien dieses Ideal einzulösen. Zugleich wies er mit seinen stimmungsgesättigten Morgen- und Abendszenen auf die Romantik voraus. Auch William Turner ist von ihm beeinflusst. Eine in Kürze in London eröffnende Ausstellung wird das beleuchten („Turner Inspired: In the Light of Claude“, National Gallery, 14. März bis 5. Juni.)

Claude Lorrain hieß eigentlich Claude Gellée. „Lorrain“ wurde er aufgrund seiner Herkunft aus Lothringen genannt. Noch als Teenager kam der Künstler nach Rom und verbrachte fast sein gesamtes weiteres Leben im römischen Künstlerviertel um die Piazza di Spagna. Ins Klischeebild des Künstlers, der ausschweifend lebt, passt Lorrain ganz und gar nicht. Ähnlich wie seine modernen Kollegen Neo Rauch oder Gerhard Richter verschrieb sich Lorrain penibler Arbeitsdisziplin. „Der wahrscheinlich größte Umbruch im Leben des Künstlers war in Rom ein Umzug in eine Nachbarstraße“, sagt der Ausstellungskurator Martin Sonnabend.

Lorrain war ein Einzelgänger, aber nicht ungesellig. Ab und zu, so überliefert es eine zeitgenössische Quelle, habe er sich mit Nicolas Poussin, dem zweiten großen Landschaftsmaler jener Zeit, abends ein Gläschen Wein genehmigt. Poussin war in Rom Lorrains Nachbar.

Im Städel lernt man Lorrain nicht nur als Maler näher kennen, sondern auch als Zeichner und Grafiker. Ähnlich wie bei Rubens sind auch bei ihm die Zeichnungen noch ein Stück vitaler als die Gemälde. Auch hier trifft man auf lauschige Baumgruppen, Mauerreste, umhertollende Zicklein oder was Lorrain sonst auf Wanderungen im Umland Roms skizzierte. Es sind allerlei Ausflüchte de Malers überliefert, die reizenden Blätter nicht an Sammler herausrücken zu müssen.

Eine Besonderheit der Frankfurter Schau, die zuvor in Oxford gezeigt wurde, ist die erstmals komplett ausgestellte „Feuerwerkserie“ Lorrains. Das sind Radierungen gigantischer barocker Festaufbauten, aus denen Feuerwerke schossen und die sich verwandelten. Solche Auftragsarbeiten bilden bei Lorrain aber die Ausnahme. Der Erfolg versetzte den Maler frühzeitig in die angenehme Position weitgehender künstlerischer Freiheit.

Städel Museum Frankfurt, bis 6. Mai, Katalog 34,90 Euro.

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