Volltextsuche über das Angebot:

20°/ 17° Gewitter

Navigation:
Tausende Schmeißfliegen im Sprengel Museum

Neue Ausstellung von Pierre Huyghe Tausende Schmeißfliegen im Sprengel Museum

Tierisch künstlerisch:
 Im Sprengel Museum bittet der französische Künstler Pierre Huyghe die Besucher in einen Raum, in dem Tausende von Fliegen leben. Das ungewöhnliche Projekt polarisiert – und die Besucher reagieren höchst unterschiedlich auf diese Kunst für Fortgeschrittene.

Sprengel Museum, Hannover 52.363873 9.739173
Sprengel Museum, Hannover Mehr Infos
Nächster Artikel
„Glotzt nicht so romantisch“

Bizarre Kunst: Im Sprengel Museum bevölkern Tausende Fliegen einen von zehn Räumen der Ausstellung "Orphan Patterns" von Pierre Huyghe. 

Quelle: Katrin Kutter

Hannover. Knacks! Der Besucher zuckt zusammen. Hat er da unter seinem Absatz jetzt ein Stück Kunst zermalmt? Ein lebendiges noch dazu? Vielleicht war die Schmeißfliege, die da auf dem Steinfußboden so ungünstig lag, ja aber auch schon längst tot. Und seltsam, dass man sich außerhalb eines Museums nie Gedanken über eine zertretene Fliege machen würde. Das tut man erst hier, in diesem ansonsten weißen Raum, in dem es etwa 8000 Fliegen gibt – und in dem eine ganz eigene Atmosphäre herrscht. Knacks!

In der aktuellen Ausstellung "Orphan Patterns" des französischen Künstlers Pierre Huyghe im Sprengel Museum kommen Besucher mit lebenden Fliegen in Berührung. Huyghe geht es dabei nicht im Provokation, sondern um das Tier als künstlerisches Material. 

Zur Bildergalerie

„Mich ekelt’s“, sagt Heidrun von Rabenau im Sprengel Museum schaudernd: „Ich finde es widerlich, Schmeißfliegen um mich zu haben – und wenn man drauftritt, ist es auch nicht gut.“ Sie scheucht einen dicken Brummer mit der Hand fort. Eigentlich ist sie aus Neustadt hierher gekommen, um Lichtkunst von James Turrell zu sehen. Doch seit Beginn der Woche ist der größte Teil des Museums geschlossen. Wegen Renovierung. Derzeit kein Marc, kein Macke, kein Picasso. Ende April eröffnet eine Niki-de-Saint-Phalle-Ausstellung. Bis dahin ist hier allein die Ausstellung „Orphan Patterns“ des Schwitters-Preisträgers Pierre Huyghe zu sehen. Große, leere Räume – und als Herzstück der Saal voller Fliegen. Diese schwirren die Gäste an, sitzen träge aufeinander, verlieren sich als schwarze Punkte auf den weißen Wänden. Und meist reagieren sie auf Besucher gelassener als die Besucher auf sie.

„Man kriegt schon eine Gänsehaut hier“, sagt Hans-Jürgen Versümer, der vor allem den Sprengel-Neubau einmal von innen sehen wollte. Ihm geht es wie den meisten Besuchern, die an diesem Tag hier sind: Die Ausstellung macht ihn in erster Linie ratlos. „Wenn ich ins Museum gehe, habe ich andere Vorstellungen – mit so vielen Fliegen muss man erst mal klarkommen“, sagt er und geht armwedelnd hinaus. Knacks!

„Es ist sicher mutig, diese Fliegen als preiswürdiges Objekt auszustellen“, sagt anderer Besucher diplomatisch, „aber mein Kunstbegriff ist dann doch eher klassisch – ich sehe die Idee hinter dieser Aktion nicht.“

Pierre Huyghe, der Herr der Fliegen, wurde 1962 in Paris geboren. Er gilt vielen als wichtigster Künstler seiner Generation. Schon bei der jüngsten Documenta in Kassel waren Tiere ein beherrschenes künstlerisches Thema. Der Mensch bestimmt sein Verhältnis zu Tier und Umwelt ja gerade neu: Veganes Leben ist trendy, und Forscher debattieren mit Ethikern darüber, ob Tiere eine Seele haben. In Huyghes Fliegen-Installation küsst die Natur die Kunst wach. Ein Besucher, der Dutzende von Fliegen auf der Haut spürt, fragt sich schon sehr konkret, ob er nun die Natur beherrscht oder die Natur ihn. Diese Insekten können einen Besucher auf den Flügeln der Kunst schon zu ungeahnten gedanklichen Höhen empor tragen. Einerseits.

Andererseits ist das hier auch Kunst für Fortgeschrittene. Etwas für Menschen, die mit den Seh- und Bildkonventionen aktueller Ausstellungen sehr vertraut sind – also einen eher überschaubaren Personenkreis. Wer nicht knietief im Kulturdiskurs steht, wird in dieser Ausstellung vor allem Fliegen sehen.

Was meinen Sie?

Wie finden Sie die Idee, Fliegen als Kunstwerk ins Museum zu bringen?

„Die Menschen gehen sehr unterschiedlich mit dieser Ausstellung um“, sagt die Kuratorin Carina Plath. „Einige fragen nach dem Sinn, einigen gefällt es, anderen nicht.“ Zur Eröffnung in der vergangenen Woche waren mehrere Hundert Besucher hier. Am Wochenende, als der Rest des Museums zum letzten Mal vor der Renovierung geöffnet war, kamen ebenfalls viele. Doch jetzt, an einem normalen Vormittag, kommen manchmal nur drei, vier Besucher pro Stunde. Da bleiben die Fliegen dann unter sich. Der Laden brummt trotzdem.

„Fliegen sind eigentlich spannende Tiere“, sagt eine Biologiestudentin, die weniger der Kunstsinn als vielmehr die Freude an der Fauna ins Sprengel Museum geführt hat. „Aber in der Masse sind sie wirklich eklig“, schränkt die 22-Jährige ein. Dabei geht es im Fliegensaal hygienischer zu als in manchem Schnellimbiss.

Tiere werden von Fliegenzüchter geliefert

„Wir bekommen die Tiere als Puppen von einem englischen Fliegenzüchter geliefert“, sagt Kuratorin Plath. „Sie schlüpfen bei uns im Museum, ernährt werden sie mit Honigwasser.“ Vor der Ausstellung habe es eine Abklärung mit dem Veterinäramt und einen regen Austausch mit dem Fliegenzüchter gegeben. „Aas fressen unsere Fliegen nicht“, sagt Plath. Es gebe auch kein verwesendes Fleisch, in das die Fliegen ihre Eier legen könnten: „Sie pflanzen sich also bei uns nicht fort.“

Und was machen die Fliegen nach der Ausstellung, die am 24. April endet? „Wir lassen sie leben, bis die letzten sterben“, sagt die Kuratorin. Der Lebensweg einer Schmeißfliege ist ja eine recht überschaubare Wegstrecke; meist werden sie höchstens drei Wochen alt. Wenn die letzten Tiere dann altersschwach von der Wand fallen, werden sie nie etwas anderes gesehen haben als diesen Raum des Sprengel Museums. Und armwedelnde Besucher. Ein Leben für die Kunst.  

Interview: „Ethisch sehr problematisch“

Nachgefragt bei Katja Marnetté von der Tierschutzabteilung des Tierheims Hannover:

Frau Marnetté, wenn im Sprengel-Museum Fliegen zur Kunst werden,  ...
...  dann finde ich das in ethischer Hinsicht ausgesprochen problematisch.

Adelt es die Schmeißfliege denn nicht, wenn sie zum künstlerischen Objekt wird?
Vor allem ist es keine artgerechte Haltung, Fliegen in einem Museumsraum einzusperren. Unser Tierschutzgesetz unterscheidet aber leider zwischen wirbellosen und Wirbeltieren. Insekten genießen somit kaum Schutz, es sei denn, es handelt sich um bedrohte Arten. Es heißt, Insekten hätten kein Schmerzempfinden, oft erfüllt man ihnen nicht einmal die Grundbedürfnisse wie etwa Nahrung oder Wasser. Ich finde das traurig. Auch, wenn Fliegen für viele Menschen einen hohen Ekelfaktor haben – sie sind Lebewesen, und Inszenierungen mit Lebewesen sind selten fair.

Man kann die Installation als Sinnbild der Vergänglichkeit interpretieren, für Leben und Tod, oder als Chiffre für Massenbewegungen. Künstler Pierre Huyghe schlägt da mehrere ... also: Er findet eine komplexe künstlerische Sprache, oder?
Ich möchte nicht die Ideen hinter der Inszenierung schlecht machen. Mir fehlt einfach der Respekt vor unseren Mitgeschöpfen innerhalb dieser Inszenierung. Und ich frage mich, ob die künstlerische Intention sich nicht auch ohne lebende Tiere hätte vermitteln lassen. Virtuell  vielleicht oder mit Plastikfliegen. Ein Künstler könnte da genug Phantasie haben.

Interview: Simon Benne     

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr Ausstellungen
Lina im Capitol

Lina, bekannt vorallem aus den Bibi & Tina Filmen, hat die Kinoleinwand gegen Konzerthalle getauscht. Auf ihrer Tour "Wie ich bin 2016" ist sie auch in Hannover im Capitol aufgetreten.