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Sammlung der SPD

Systemkritische Kunst aus der Ex-DDR

Kunst nach Feierabend: Etliche Künstler widersetzten sich der offiziellen Kulturpolitik der DDR und arbeiteten im Verborgenen. Rund 600 Werke stellt die SPD im Willy-Brandt-Haus aus - teilweise entstanden sie unter aberwitzigen Bedingungen.

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Das Stillleben "Inventar am Pariser Platz" von Roland Nicolaus entstand 1989.

Das Stillleben "Inventar am Pariser Platz" von Roland Nicolaus entstand 1989.

© VG Bild-Kunst

Als vor 20 Jahren die kommunistischen Regimes kollabierten, herrschte in der internationalen Kunstwelt die Erwartung, nun würde in Hinterzimmern, Dachkammern und Gartenschuppen eine ganz neue, authentische und exotische Kunst zum Vorschein kommen. Die Erwartung wurde enttäuscht. Die in der Isolation vom Westen entstandene Kunst, die offizielle wie die inoffizielle, unterschied sich auf ästhetischer Ebene nicht wesentlich von der des Westens.

Wenn man die elegante Galerie des Willy-Brandt-Hauses in Berlin abschreitet, wo derzeit aus SPD-eigenen Sammlungsbeständen die überraschend facettenreiche Ausstellung „Kunst und Künstler der DDR“ präsentiert wird, sieht man Werke einstiger Bauhaus-Schüler, die auch unter sozialistischer Herrschaft beharrlich geometrisch-abstrakte Kompositionen schufen. In den fünfziger und sechziger Jahren orientierten sich, trotz parteilich verordnetem Realismus, auch in Dresden und Leipzig Künstler am modernen Malereititanen Pablo Picasso. Und in den achtziger Jahren wurde auch in der DDR wild, dreckig und punkig gemalt.

Werke von im Westen weitgehend unbekannten Künstlern wie Roland Nicolaus, Willy Wolff, Ralf Kerbach, Gerda Lepke oder Hans Ticha genügen hohen künstlerischen Standards. Die besonderen Bedingungen – vieles entstand erst nach Feierabend und im Verborgenen – sieht man den Malereien und Skulpturen nicht an. Künstler, die sich der offiziellen Kulturpolitik widersetzten, die nicht in den omnipotenten Verband Bildender Künstler aufgenommen oder auf einen Hochschulposten berufen wurden, verdienten in der DDR ihren Unterhalt als Betonbauer, Möbelentwerfer oder Fahrstuhlführer.

Im Extremfall wurden unangepasste Künstler als „gesellschaftlich ungeeignet“ eingestuft, kamen nicht an Malutensilien heran, waren praktisch illegal im eigenen Land und liefen Gefahr, als vermeintlich „Asoziale“ ins Gefängnis geworfen zu werden. Die faktische Aus­radierung der offiziellen Existenz beantworteten einige Künstler mit freiwilligem Identitätsversteckspiel. So be­nann­ten sich der Einzelgänger Gerhard Altenbourg und der Filmkünstler und Maler Strawalde nach kleinen Orten, in denen sie sich heimisch fühlten. Als Kommentar zur Lage im Land lässt sich das Pseudonym von Ralf Winkler lesen: Er nannte sich Penck nach einem Eiszeitforscher. Unter den Pseudonymen wurden diese Künstler bekannt, zuerst im Westen, dann auch im Osten.

„Der Blaue Tag“ ist ein melancholisches Meerbild ohne Jahresangabe des 1899 geborenen Dresdener Meisters Wilhelm Lachnit: Wellen, Sand und Strandkorb mit Figur in dicht gefügter Komposition mit matissescher Anmut. 1933 wurden Werke von Lachnit von den Nationalsozialisten als „entartet“ gebrandmarkt. Im sogenannten Formalismusstreit, einer kleinlichen Wiederaufführung der Entartungsdebatte auf sozialistischem Boden, verlor der Lehrer Strawaldes sein Amt und lebte bis zu seinem Tode 1962 in prekären Verhältnissen.

Auch nach der Wende hat es an Plumpheiten im Umgang mit Künstlern nicht gefehlt. In der Weimarer Schau „Aufstieg und Fall der Moderne“ wurde 1999 pauschal eine Verwandtschaft von DDR- und NS-Kunst suggeriert, und im Vorjahr wurden in der Berliner Schau „60 Jahre – 60 Werke“ DDR-Künstler demonstrativ ausgegrenzt. Mit ihrer Sammlung – rund 600 Werke sind inzwischen zusammengekommen – möchte die SPD nicht zuletzt den Künstlern, die im Osten teils unter aberwitzigen Bedingungen arbeiteten, Gerechtigkeit widerfahren lassen. Walter Momper, der Präsident des Abgeordnetenhauses und ehemalige Regierende Bürgermeister Berlins, strich das in seiner Eröffnungsrede zur Ausstellung heraus.

Offenbar aber möchte man im Willy-Brandt-Haus auch keine ästhetische Koalition mit der „Linken“ riskieren. Der Fokus der seit Mitte der neunziger Jahre kontinuierlich aufgebauten Sammlung liegt auf „oppositioneller und systemkritischer Kunst“. Schon klar, dass man keine zähnebleckenden sozialistischen Helden aufnehmen möchte. Aber auch „Leipziger Schule“ – Bernhard Heisig, Willi Sitte und Werner Tübke – ist nicht willkommen. Wie willkürlich, ja unmöglich die angestrebte saubere Grenzziehung zwischen bösem Establishment und heroischer Opposition im Einzelfall ist, zeigt die Aufnahme von Arno Rink in die Sammlung. Auch dieser war Hochschulprofessor und sogar Rektor in Leipzig. Umgekehrt rieb sich Tübke durchaus am System – eigentlich ein Aufnahmekriterium.

Der ehemalige Galerist und frühe westliche Vermittler von DDR-Kunst, Dieter Brusberg, nennt das Sammelkriterium auf Anfrage dieser Zeitung „total bescheuert“. Es sei, 20 Jahre nach der Wende, das Gegenteil dessen, was die Zeit verlange, und wundere ihn gerade bei einer Partei wie der SPD. „Helmut Schmidt hat sich 1986 ganz bewusst von Heisig porträtieren lassen.“ Die hässliche Vokabel „Staatskünstler“ treffe allenfalls auf Sitte zu, doch selbst dieser habe „für die oppositionelle Szene weit mehr getan, als diese heute wahrhaben will“.

Willy-Brandt-Haus, Stresemannstraße 28, Berlin, bis 5. September, dienstags bis sonntags 12 bis 18 Uhr.

Johanna di Blasi


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