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Herrenhäuser Gespräche

Wenn die Pille auf den Geist geht

Von Karl-Ludwig Baader

Verwirrung auf hohem Niveau: Die Herrenhäuser Gespräche beschäftigen sich mit dem Thema Gehirndoping.
Herrenhäuser Gespräche

Im produktiven Streit vereint: (von links) Dr. Felix Hasler, Prof. Dr. Reinhard Merkel, Prof. Dr. Isabella Heuser, Prof. Dr. Thomas Metzinger und Prof. Dr. Klaus Lieb.

© Martin Steiner

Wer seinen Geist auf herkömmliche Weise trimmen will, muss sich einiges zumuten. Der Mainzer Philosoph Thomas Metzinger hat ein ausgeklügeltes Programm entwickelt, das den ganzen Asketen fordert: Duschen (auch kalt), Joggen, Schwimmen, Meditieren und als Belohnung grüner Tee. Dass sich die wenigsten solch mönchischer Disziplin unterwerfen wollen, weiß am besten die Pharmaindustrie, die die schnelle, bequeme Abkürzung verspricht: die Pille für den Geist. Und damit sind nun die antreibenden Kräfte für einen neuen Pharmazieboom benannt: die Bequemlichkeit des Konsumenten und die geschickt platzierten Versprechen und Profitinteressen der betreffenden Industrie.

Metzinger, der eindeutig für eine Verweigerung des pharmazeutischen Gehirndopings plädierte und vor privatem wie militärischem Missbrauch warnte, sprach zu Beginn der Herrenhäuser Gespräche, die die Volkswagenstiftung und NDR Kultur gemeinsam in der Schlossküche Herrenhausen veranstalten. Unter der Gesprächsführung von NDR-Moderator Stephan Lohr diskutierten ein Jurist, ein Philosoph und ein Mediziner über das Thema „Wer sein Gehirn dopt, ist klar im Vorteil?“.

Um es vorwegzusagen: Diese Frage war nicht die einzige, die an diesem Abend nicht eindeutig beantwortet werden konnte. Aber die Diskutanten bemühten sich, die bestehenden Differenzen und Unklarheiten klar zu benennen. Unstrittig ist, dass der Markt für Psychopharmaka, Amphetamine und so weiter weltweit wächst, dass immer mehr Gesunde auf diese Medikamente zurückgreifen, um ihre Chancen in Studium und Beruf zu erhöhen. Dabei fehlen Langzeitstudien, die eine seriöse Abschätzung der Nebenwirkungen ermöglichen. Uneinig war sich die Runde, wie hoch das Risiko des Missbrauchs ist und was den pharmazeutischen Optimierern von Gehirn und Gemüt in Zukunft noch zuzutrauen ist. Der Mainzer Psychiater Klaus Lieb erarbeitete eine Studie, mit der er nachweisen will, dass viele Mittel eher einen negativen Effekt hätten. Bei Schülern zeige sich, dass die Leistungen sich verschlechterten und es einen Zusammenhang mit erhöhtem Alkohol- und Drogenkonsum gebe.

Den Ergebnissen dieser Studie misstraute die Direktorin der Klink für Psychiatrie an der Charité in Berlin, Isabella Heuser. Zwar könnten die besten Schüler nicht profitieren, wohl aber die schwächeren. Sie geht davon aus, dass es ein großes Bedürfnis nach solchen Mitteln gebe, und forderte deshalb, neue Mittel, etwa zur Verbesserung der Gedächtnisleistungen, mit möglichst geringen Nebenwirkungen zu entwickeln. Sie widersprach auch ihren Kollegen, die die Pharmaindustrie vor allem als Manipulator sehen.

Metzinger verwies auf den Einfluss der Industrie, den sie auf Diagnosehand­bücher ausübte, indem sie gleichsam neue Krankheiten erfände, für die sie dann Mittel anbieten. Überhaupt rücke die Medizin, so Lieb, immer weiter an die Grenze zum Gesunden heran, um Medikamente auch an Gesunde verkaufen zu können. Aber was ist krank oder gesund? Einig war man sich darin, dass die Definitionen nicht ein für allemal festgelegt sind.

Die Mittel, mit denen der Mensch sich zu optimieren versucht, waren umstritten. Aber ist das Ziel selbst denn legitim? In unserer christlichen Tradition gebe es eine tief verwurzelte Barriere gegen solche biologisch-chemischen Eingriffe in die Schöpfung. Der Hamburger Strafrechtler Reinhard Merkel setzte dagegen, dass diese Haltung als Individualethik zu respektieren sei, aber in einer demokratischen Gesellschaft ließen sich so keine Verbote begründen.

Man konnte Merkels Beobachtung, dass man mit der Diskussion dieser medizinisch-ethischen Probleme erst ganz am Anfang stehe, nur zustimmen. Und wie immer, wenn Experten kompetent und zugleich kontrovers diskutieren, beschleicht jeden Laien das Gefühl, dass er sich die Zumutungen des Mitdenkens nicht ersparen kann. Die Herrenhäuser Gespräche, die im September weitergeführt werden, können dabei helfen, die Verwirrung auf ein hohes Niveau zu heben.

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  • übrigens doktor med – 05.07.10
    Übrigens sprach sich hier auch nicht ein einziger unter den beteiligten Experten uneingeschränkt für die Benutzung von Neuroenhancern aus.
  • Schwarze u. weiße Schafe doktor med – 05.07.10
    Metzinger betonte zurecht, daß die Langzeitwirkungen der Medikamente, die als "Neuroenhancer" vermarktet werden, nicht bekannt und möglicherweise verheerend sind. In diesem Punkt - das war nicht der einzige aber der wichtigste bei der ganzen Debatte - konnte ihm niemand widersprechen. Dies ist der entscheidende Grund, warum jeder Experte, der sich dennoch für den Gebrauch von Neuroenhancern ausspricht, dies wider besseren Wissens tut.
    Daß es Frau Prof. Heuser so ganz unvorstellbar zu sein schien, daß es Marktstrategien gibt, mit denen in der Bevölkerung Bedürfnisse geweckt werden, war verwunderlich.
    Daß zu diesen Strategien auch die Werbung durch inoffiziell bezahlte Experten gehört, ist immerhin denkbar und in keiner Weise neu: Solange es Wissenschaftler gibt, gibt es darunter auch solche, die sich wider besseren fachliches Wissens und gegen ihr menschliches Gewissen dort andienen,wo es etwas zu verdienen gibt.
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