Volltextsuche über das Angebot:

24 ° / 16 ° Regenschauer

Navigation:
Wer rettet die bedrohten Sprachen?

Jäger des verlorenen Satzes Wer rettet die bedrohten Sprachen?

Rund 6500 Sprachen gibt es weltweit. Bis zum Ende des Jahrhunderts wird die Hälfte von ihnen verschwunden sein. Die Volkswagenstiftung hat viele Jahre die Dokumentation dieser Sprachen finanziert. Nun geht die Förderung zu Ende.

Voriger Artikel
Schwitters reloaded
Nächster Artikel
Mutige Grenzgänge zwischen Kunst und Leben

Wilhelm Krull ist seit 1996 Generalsekretär der Volkswagenstiftung.

Quelle: dpa (Archiv)

Hannover. Es ist nicht ganz einfach, zu den Aweti zu gelangen. Acht bis neun Stunden dauert die Fahrt mit dem kleinen, von einem Außenborder angetriebenen Boot den Rio Xingu hinauf. Es folgt ein etwa anderthalbstündiger Fußmarsch durch den Regenwald, dann gelangt man zu einigen kreisförmig angelegten Hütten. Hier wohnen die Aweti.

Im Jahr 1998 ist Sebastian Drude zum ersten Mal zu dem Indianervolk am Südrand des Amazonasgebietes gefahren. Danach immer wieder. Fünf Jahre lang hat er mit einigen Unterbrechungen bei den Aweti gelebt. Dann hatte er geschafft, was er schaffen wollte: Er hat die Sprache der Aweti dokumentiert. Eine wichtige Aufgabe, denn die Sprache des indigenen Volkes am Südrand des Amazonas ist vom Aussterben bedroht.

Zwar wächst die Gemeinschaft der Aweti – als Sebastian Drude zum ersten Mal bei ihnen war, gab es nicht einmal hundert Sprecher, heute sind es etwa 180 – aber die Sprache ist trotzdem gefährdet. Denn die Lebensverhältnisse ändern sich. Die jüngeren Aweti lernen Portugiesisch oder Englisch. Firmen der Holz- und Agrarindustrie dringen in den Regenwald vor. Das kleine Dorf ist längst nicht mehr so abgeschieden, wie es mal war. Medien aller Art sind auch hier nutzbar. Es gibt einen Fernseher im Dorf, auf dem das Programm in der Landessprache zu sehen ist: Portugiesisch.

Es ist eher unwahrscheinlich, dass die künftigen Aweti-Generationen weiter nur in der Sprache kommunizieren, die ihre Ahnen gesprochen haben. Die jüngeren Bewohner des Dorfes haben anderes zu tun, als sich Abend für Abend die mythischen Erzählungen der Alten anzuhören. Die Menschen wollen das Leben führen, das sie wollen. Und kaum jemand will ein lebendes Museum für eine Sprache sein. Das Aweti wird untergehen.

Zusammen mit ihm werden viele andere Sprachen der Welt verschwinden. Etwa 6500 Sprachen gibt es auf der Welt. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts – so die Schätzung von Wissenschaftlern – wird mehr als die Hälfte davon ausgestorben sein.

Die nordamerikanische Indianersprache Wichita wird nur noch von sieben Menschen gesprochen – alles ältere Leute. Wenn sie gestorben sind, ist auch die Sprache tot. Dann könnte auch eine bestimme Art von Wissen verschwunden sein, die an diese Sprache gekoppelt ist. Und eine bestimmte Art, die Welt zu sehen, und sich auszudrücken. Das Aussterben von kleinen Sprachen, die nur noch von wenigen Menschen gesprochen und nicht mehr an die nächste Generation weitergegeben werden, ist so gut wie gar nicht zu verhindern.

Ein Archiv für die Sprachen der Welt

Mit den Sprachen verschwindet Kultur. Und es verschwinden Vergleichmöglichkeiten. In Sprachen spiegeln sich Konzepte von Weltverständnis. Es gibt erstaunliche Möglichkeiten, Dinge anders auszudrücken. Linguisten sind auf darauf angewiesen, viele Vergleichsmöglichkeiten zu haben. Je mehr andere Sprachen wir kennen, umso besser können wir auch unsere eigene verstehen. Das sind viele gute Gründe, sich um untergehende Sprachen zu kümmern, sie zu erforschen und vor allem: sie zu dokumentieren. Denn nur dokumentierte Sprachen können zukünftigen Forschergenerationen als Material dienen. Eine Ahnung davon bekommt man, wenn man sich vorstellt, wie es wäre, wenn uns heute Tondokumente vom Beginn unserer Zeitrechnung zur Verfügung stünden.

In den vergangenen Jahren sind Linguisten in sehr entlegene Gegenden der Welt gezogen, um dort – zuerst mit Tonbändern und Kassettenrecordern, dann zusehends mit digitalen Videoaufzeichnungsgeräten – die vom Untergang bedrohten Sprachen aufzuzeichnen. Die Zeugnisse der Sprachen, die bald niemand mehr sprechen wird, werden zentral gesammelt: Am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik im niederländischen Nijmegen. Dort gibt es das Archiv der gefährdeten Sprachen. Geleitet wird es seit Anfang dieses Jahres von Sebastian Drude, der die Sprache der Aweti dokumentiert hat. Das Max-Planck-Institut in direkter Nachbarschaft zur Universität Nijmegen wächst stark. Das erkennt man an den Containerbauten, die gegenüber dem alten Steingebäude aufgestellt wurden. In einem dieser Container hat Drude sein Büro. Das große gemauerte Gebäude nennen die Forscher „Max Planck“, zu der Containeransammlung sagen sie „Mini Planck“. Linguistenhumor. In der Cafeteria riecht es zwiebelig, weil heute „Uiensoep“ auf dem Speiseplan steht. Studenten sind hier nicht unterwegs, hier wird nicht gelehrt, nur geforscht. Manche der frischgebackenen Doktoren, die hier tätig sind, tragen Bärte, als würden sie gerade von der Feldforschung zurückkommen. Cordhosen scheinen auch noch erlaubt.

Das Projekt der Sprachdokumentation wurde maßgeblich von der Volkswagenstiftung gefördert, die ihren Sitz in Hannover hat. Und zwar mit einem beachtlichen Volumen: 28 Millionen Euro hat die Stiftung für die Dokumentation gefährdeter Sprachen ausgegeben. Es war das größte Förderprojekt, das die Stiftung bisher gestemmt hat. Nun geht die Förderung – programmgemäß – ihrem Ende entgegen.

Zum Abschluss wird es in Hannover eine große Konferenz geben. Linguisten, Ethnologen, Anthropologen werden vom 5. bis 7. Juni im Schloss Herrenhausen (das von der Volkswagenstiftung wieder auf- und zum Tagungszentrum umgebaut wurde) über den Stand und die Zukunft der Dokumentation untergehender Sprachen beraten.

Die Volkswagenstiftung hat sich schon früh mit dem Thema beschäftigt. Im Jahr 1992 wurde weltweit der 500. Jahrestag der Entdeckung des amerikanischen Kontinents durch den Seefahrer Christoph Columbus gefeiert. Zu dieser Zeit meldeten sich auch Vertreter indigener Völker zu Wort, übten Kritik an den Feierlichkeiten und stellten die Eroberung des amerikanischen Kontinents aus ihrer Perspektive vor.

Sie begannen, die Weltöffentlichkeit für ihr Schicksal zu sensibilisieren – und bald darauf wurde auf Kongressen von Sprachwissenschaftlern über das Sterben indigener Sprachen diskutiert. Wenig später begann man bei der Volkswagenstiftung darüber nachzudenken, wie Sprachen dokumentiert werden können, die in absehbarer Zeit untergehen werden. Im Jahr 2000 startete die Volkswagenstiftung dann das Dobes-Programm. Die etwas ungelenke Bezeichnung steht für „Dokumentation bedrohter Sprachen“ und genau das geschieht hier. Mittlerweile sind 68 Sprachen dokumentiert: darunter die Sprache der Aweti in Brasilien, der Wichita in Nordamerika oder die der Uden aus dem Kaukasus.

Ein aufwändiges Projekt

Eine Sprache zu dokumentieren, ist ein anspruchsvolles und aufwändiges Projekt. Ein paar Aufnahmen mit dem Tonbandgerät reichen dafür nicht. Sechs Jahre hat Sebastian Drude bei den Aweti in Brasilien verbracht. Er hat eine Menge Interviews geführt, er hat sich von den Alten im Dorf die Mythen des Volkes erzählen lassen, er hat die Jungen beim Spielen beobachtet. Er hat aufgezeichnet, wie die Aweti Streit miteinander haben und wie sie über den Fischfang oder die Jagd sprechen. Will man eine Sprache dokumentieren, muss man möglichst viele, möglichst unterschiedliche Sprechsituationen aufzeichnen. Und man sollte nicht nur Tonaufnahmen machen, sondern auch filmen. Gestik, Mimik, das gehört auch zu einer Sprache.

Um eine Sprache möglichst vollständig zu dokumentieren, muss man lange bei denen leben, deren Sprache man aufzeichnen will. Man muss ihre Kultur kennenlernen. Bei der Kontaktaufnahme hatte Sebastian Drude Glück. Denn sein Interesse, eine bedrohte Sprache zu dokumentieren, traf mit einem besonderen Interesse der Aweti zusammen: Die waren auf der Suche nach einem Linguisten. Die Aweti planten, eine Schule einzurichten, in der natürlich auch ihre Sprache gelehrt werden sollte. Das Problem dabei: Wie gestaltet man Schulbücher, wenn es keine Schriftform der Sprache gibt? Dazu braucht man einen Linguisten.

Sebastian Drude dokumentierte die Sprache mit Ton und Videoaufnahmen. Etwa 350 Stunden Sprachmaterial bekam er so zusammen. Aber mit der Aufzeichnung allein ist es nicht getan. Es reicht nicht, Material anzuhäufen, man muss es auch analysieren. Das ist gar nicht so einfach bei Sprachen, bei denen zum Beispiel nicht ganz klar ist, wo das eine Wort aufhört und das andere anfängt.

Manches hört sich für westeuropäische Forscherohren sehr fremd an. Bei der Untersuchung kaukasischer Sprachen etwa war es für die Sprachforscher ein großes Problem, die vielen verschiedenen Laute die unserem T und D ähnlich sind (und da gibt es einige) zu unterscheiden. Man kann das D nämlich auch an ungewohnten Stellen in Mund und Rachen artikulieren. Dann klingt es für unsere Ohren vielleicht wie ein P – ist aber eine Form des D.

Will man eine Sprache dokumentieren, muss sie zu Schrift werden. Wenn Sprachforscher das Gesagte in eine Schriftform bringen, müssen sie sich entscheiden, welches Wort wie klingt. Sie gießen Sprache in eine feste Form. Diese Verschriftlichung kostet Zeit und Mühe – und sie ist ohne Hilfe der betroffenen Sprecher nicht machbar. Als Drube das bei den Aweti machte, halfen ihm – gegen Bezahlung versteht sich – die Sprecher im Dorf.

Und sie halfen ihm auch in einer anderen Angelegenheit. Noch ziemlich am Anfang seiner Zeit bei den Aweti passierte dem Forscher ein Missgeschick mit dem Gaskocher in seiner Hütte. Der Gasschlauch löste sich vom Brenner, das ausströmende Gas entzündete sich. Sebastian Drude versuchte, den Schlauch festzuhalten, aus dem brennend das Gas strömte. Die Flamme verbrannte ihm die Haare, den Arm und die Hälfte des Gesichts.

Erstaunliche Parallelen

Mit schweren Brandverletzungen lag er in der Hütte, mehr als eine Tagesreise von der nächsten medizinischen Versorgungseinrichtung entfernt. Die Aweti haben ihm geholfen. Mit einer Paste, die sie aus Baum- und Blättersäften zusammenrührten. Sie trugen den grünen Brei auf die Brandverletzungen auf. Eine Woche später wurde ihm die erhärtete Paste abgenommen – die Brandwunden waren verschwunden. Drube zeigt mit der Hand auf seine linke Gesichtshälfte: Keine Narbe ist geblieben. Auch um dieses medizinische Wissen der indigenen Bevölkerung zu bewahren, ist es wichtig, die Sprache zu dokumentieren.

Als Drube immer stärker in die Sprache der Aweti eintauchte, wunderte er sich. Unter anderem über erstaunliche Parallelen zur deutschen Sprache. Wie im Deutschen wird auch im Aweti die Person am Anfang und nicht erst am Ende eines Satzes angezeigt. Außerdem machen die Aweti erstaunlich viel Gebrauch von sogenannten Abtönungspartikeln, Wörtern wie „doch“ „eben“, „wohl“ und „gleich“.

Eine Besonderheit des Aweti ist dagegen die Evidenzialität. „Man kann keine Aussage treffen, ohne den Grad der Verbindlichkeit zu markieren“, sagt Sebastian Drude. Das heißt, der Sprecher muss immer anzeigen, ob er eine Information aus erster Hand hat, ob ihm etwas nur von anderen gesagt wurde, oder ob es sich bei seiner Aussage nur um eine bloße Vermutung handelt.

Nun ist die Sprache der Aweti mit all ihren Besonderheiten in 1512 Dateien abgelegt und auf den – immerhin 250 Terabyte fassenden – Servern im Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen (und auf weiteren Sicherheitsservern) konserviert. Anthropologen, Linguisten, Ethnologen oder Biologen, alle, die sich für die gefährdete Sprache und auch für das Wissen der Aweti interessieren, haben Zugriff auf die Sprache. Das sieht dann so aus: In einem Fenster ist der Sprecher zu sehen. In einem anderen Fenster laufen die Zeilen der Lautschrift.Ähnlich wie bei einer Karaoke-Veranstaltung wird mit einem Zeiger markiert, an welcher Stelle sich der Sprecher gerade befindet. Ein drittes Fenster präsentiert dann die englische, spanische oder portugiesische Übersetzung des Gesagten. Nicht alle Sprachdokumente sind für alle Benutzer freigegeben. Sensible Daten, in denen etwa Geheimnisse der Dorfgemeinschaft preisgegeben werden, sind nur für einen eingegrenzten Kreis von Forschern geöffnet.

Das Spracharchiv in Nijmegen ist mittlerweile als wichtige Adresse für Sprachdokumente anerkannt. Deshalb schicken Sprachforscher aus aller Welt ihre Tondokumente zur Archivierung hierher. Manchmal werden auch die Erben von Linguisten und Ethnologen tätig und schicken das Material, das bei Archivauflösungen anfällt, zu den Forschern ans Max-Planck-Institut.

Vor einiger Zeit gelangten besonders alte Sprachdokumente ins Archiv. Die Erben hatten einen magnetisierten Draht, mit dem man in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Tonaufnahmen machte, nach Nijmegen gesandt. Die Forscher versuchen hier alles wichtige Material zu digitalisieren und zu archivieren. Für den magnetisierten Draht allerdings fehlt ihnen das Abtastgerät. Der wurde weiter nach Wien geschickt, wo es noch ein Gerät gibt, mit dem die Drahtaufnahme hörbar gemacht werden kann.

Und wer weiß: Vielleicht befindet sich auf dem Draht ein wichtiges Sprachdokument, das nun vor dem Untergang gerettet werden kann.

Ein Interview mit dem Generalsekretär der Volkswagenstiftung, Wilhelm Krull.

Herr Krull, von den etwa 6500 Sprachen, die derzeit noch gesprochen werden, wird mehr als die Hälfte in den nächsten ein bis zwei Generationen verschwunden sein. Die Volkswagenstiftung hat das schon vor langer Zeit als wichtiges Thema erkannt und sich mit einer besonderen Förderinitiative für die Dokumentation bedrohter Sprachen eingesetzt. Insgesamt 28 Millionen Euro hat die Stiftung für Projektförderung ausgegeben. Ist das Geld gut investiert? 

Natürlich. Es ist gerade in diesem Jahrhundert ein rasantes Sterben von Sprachen zu beobachten. Das hat stark mit Zivilisations- und Modernisierungsprozessen zu tun. Gleichzeitig ergibt sich aber durch das Vorhandensein multimedialer Aufzeichnungsmöglichkeiten die einmalige Chance, Sprachen tatsächlich in ihrem gelebten Kontext dokumentieren zu können.

Nun beendet die Stiftung diese Förderung. Warum?

Die Stiftung sieht sich vorrangig als Wegbereiter von Neuem. Als wir 1998 mit der Förderinitiative zur Dokumentation bedrohter Sprachen begannen, gab es noch keine Erfahrungen damit, wie man die neuen audivisuellen Möglichkeiten zur Dokumentation von Sprachen einsetzt. Uns ging es zunächst vor allem darum, die Machbarkeit solcher Dokumentation zu zeigen und den Aufbau eines zentralen Spracharchivs zu ermöglichen. Wenn der Punkt gekommen ist, dass Dinge, die wir angestoßen haben, von anderen aufgegriffen werden, dann können wir uns zurückziehen. Das müssen wir auch tun, denn sonst können wir die impulsgebende Funktion, die für die Stiftung so wichtig ist, nicht mehr erfüllen.

Wie organisiert man einen vernünftigen Abschied von einem so großen Fördervorhaben?

Es beginnt damit, dass andere Forschungsförderer auf das Thema aufmerksam gemacht werden. Wir veranstalten verschiedene Konferenzen, bei denen auch Vertreter großer öffentlich getragener Förderorganisation anwesend sind. Dann habe ich mich auch selbst dafür eingesetzt, dass verschiedene wissenschaftliche Gesellschaften dem Spracharchiv in Nijmegen auf längere Zeit als Träger zur Verfügung stehen. Der Ausstieg aus dieser Förderung ist ein langer Prozess, bei dem das Symposium im Schloss Herrenhausen Anfang Juni den Schlussstein setzen soll.

Im Grunde ist die Dokumentation untergehender Sprachen doch ein Weltprojekt. Wäre hier nicht eigentlich die Unesco gefordert?

Die Unesco hat das Thema vor zwanzig Jahren mit aufgebracht. Sie war damals notorisch klamm und ist es heute auch noch. Sie ist nicht in der Lage, selber solche Vorhaben zu finanzieren, sondern kümmert sich eher um die Verbreitung des Themas. Es gibt allerdings ein um den gesamten Globus reichendes Konsortium von privaten und öffentlichen Förderern, das sich mittlerweile für die Dokumentation untergehender Sprachen einsetzt: von der National Science Foundation in den USA über die australischen und japanischen Förderorganisationen bis zu europäischen Forschungsförderern. Die Förderung ist nun auf mehrere Schultern verteilt.

Es ist ja unmöglich, alle bedrohten Sprachen zu dokumentieren. Denn es gibt schlicht zu viele davon. Wer hat eigentlich entschieden, welche Sprache dokumentiert wird und welche nicht?

Am Ende hat es – was unsere Förderung angeht – das Kuratorium der Stiftung entschieden. Die Vorschläge, welche Sprachen dokumentiert werden, sind natürlich von den Wissenschaftler gekommen. Wir haben da wenig Vorgaben gemacht. Das wichtigste Kriterium war, dass eine Sprache gefährdet ist. Entscheidend war natürlich auch immer die Qualität des Antrags, anhand der wir beurteilen mussten, ob die Wissenschaftler in der Lage sind, das auch einzulösen, was sie versprechen.

In der DoBeS-Datenbank befinden sich zum jetzigen Zeitpunkt 68 Sprachen. Die Volkswagenstiftung hat das Projekt mit 28 Millionen Euro gefördert. Macht knapp 412.000 Euro pro dokumentierter Sprache. Das scheint ein ziemlich hoher Preis zu sein.

Das ist ein Fehlschluss. Denn zum jetzigen Zeitpunkt ist noch nicht einmal die Hälfte der Dokumentationen so aufbereitet, dass sie in der Datenbank zu finden sind. Wenn man also die fehlenden Sprachdokumentationen noch dazurechnet, kommt man auf etwa 220.000 Euro pro Sprache. Das ist ein realistischer Preis. Sie müssen ein bis zwei ausgebildete wissenschaftliche Mitarbeiter ins Feld schicken, die dann bis zu vier Jahre an der Dokumentation einer Sprache arbeiten. Es handelt sich also im Wesentlichen um Personalkosten für Nachwuchsforscher und Forscherinnen, die sich mit ihrer Arbeit zugleich für eine Promotion oder Habilitation qualifizieren.

Kann man Sprachen nicht auch einfach untergehen lassen, ohne sie zu dokumentieren? Muss wirklich immer alles bewahrt werden?

Dass Sprachen verschwinden, passiert ja täglich. Würde man alle Sprachen, die untergehen, dokumentieren wollen, müsste man Milliarden dafür aufwenden. Man kann nicht alles dokumentieren. Es wird immer so sein, dass man eine Auswahl trifft. Aber man muss auch sehen, dass wir mit der Dokumentation aussterbender Sprachen auf jedem Kontinent unglaublich wertvolles Material geschaffen haben. Und zwar nicht nur für die Sprachwissenschaftler, sondern auch für Ethnologen, und alle, die an Landeskunde interessiert sind. Schließlich wird in jeder Sprache auch ein ganz bestimmtes Weltbild und ein ganz bestimmtes Orientierungssystem kodiert.

Mit dem Ende dieser Förderung müsste ja wieder Geld in den Kassen der Stiftung übrig sein. Was sind die nächsten größeren Projekte?

Das lässt sich so noch nicht sagen. Im Moment sind wir dabei, uns verstärkt mit den Transformationsprozessen Nordafrikas und des arabischen Raums zu befassen. Auch das Thema Globalisierungsfolgen für die Wissenschaft könnte von Interesse sein. Aber entschieden ist da noch nichts.

Anfang Juni veranstaltet die Stiftung in Hannover eine große Expertentagung, in der das Förderprogramm „Bedrohte Sprachen“ bilanziert werden soll. Was erhoffen Sie sich davon?

Einerseits wollen wir Bilanz ziehen und uns darüber Klarheit verschaffen, welche Wirkung die einzelnen Projekte in den betroffenen Regionen und in der Wissenschaft erzielt haben. Andererseits erhoffen wir uns auch zusätzliche Impulse in Richtung anderer Förderorganisationen.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr Ausstellungen

„Ballet Revolución“ in der Staatsoper

Kuba ganz nah – und ein Hauch von Friedrichsstadtpalast: „Ballet Revolución“ im Opernhaus.