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Kultur Bernd Goetzke übersetzt Claude Debussy
Nachrichten Kultur Bernd Goetzke übersetzt Claude Debussy
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13:09 12.09.2018
Talent verschwendet? Bernd Goetzke, Pianist, Pädagoge und Boule-Champion. Quelle: Stefan Arndt
Hannover

Ein Erfolg war diese erste Aufführung nicht gerade. Als Bernd Goetzke in der Schule einige Stücke aus den „Children’s Corner“ von Claude Debussy spielte, brachte ihm das statt der erhofften Anerkennung nur einen Tadel des Direktors ein. Die Werke des französischen Komponisten waren Ende der Sechzigerjahre in Deutschland nämlich alles andere als klassisches Repertoire. Seiner Musik haftet fast schon etwas Unreines an, zumindest galt sie als künstlerisch minderwertig, als etwas, was man einige Jahre zuvor noch unverblümt als welschen Tand bezeichnet hatte. Ein junger Pianist wie Goetzke sollte keinesfalls sein Talent daran verschwenden.

Doch weder vom Tadel der Schulleitung noch von der überwiegend vernichtenden Meinung seiner Klavierlehrer ließ Goetzke sich von seiner Begeisterung für Debussy abbringen. „Ich konnte mich immer sehr stark gerade mit seiner Musik identifizieren“, sagt der heute 67-jährige Pianist, der seit 1982 als Professor an der hannoverschen Musikhochschule lehrt.

Inzwischen gilt Debussy auch in Deutschland als wichtiger Wegbereiter der Moderne, und sein Werk ist fest im Repertoire etabliert. „Die Zeiten haben sich geändert“, sagt Goetzke, der hierzulande ab und an aber durchaus noch eine „Restverachtung“ für den Komponisten registriert. Vor allem sei über die Person Debussys noch viel zu wenig bekannt. Mit einem großen Buchprojekt möchte er nun dazu beitragen, dass sich das ändert: Goetzke hat sämtliche Briefe des Komponisten an seiner Verleger übersetzt und umfassend kommentiert beim Hildesheimer Olms-Verlag herausgegeben.

„Durch die Briefsammlung kommt man sehr nah an die Persönlichkeit heran“, sagt er. Zwar sei darin oft vom Alltagsgeschäft die Rede, aber trotzdem erfahre man immer noch viel mehr daraus. Allein Debussys Sprache sei aufschlussreich: „Sie ist eindringlich, oft überraschend und immer auf den Punkt“, findet Goetzke. Darum lehnte er auch das Angebot eines großen Verlags ab, nur eine Auswahl der Briefe mit vielen Fotos zu veröffentlichen. „Die Zeit ist dafür noch nicht reif“, sagt er: „Wir müssen erst die Grundlagen schaffen.“

Bei ihm selbst ist das Verständnis für Debussys Musik und seine Sprache tief verwurzelt – auch durch seine frühe persönliche Bindung zu Frankreich. Schon als Schüler fuhr Goetzke regelmäßig in das Land und wurde dort von einer Familie aufgenommen, die „illuminiert vom Geist des Elysee-Vertrags“ war, wie er sagt: Seine Gasteltern wollten dazu selbst beitragen, dass Freundschaft und Verständnis endlich die angebliche Erbfeindschaft überwinden konnte, kurz: „Sie hatten den Ehrgeiz, aus mir einen kleinen Franzosen machen.“ Das ging sogar so weit, dass der Gastvater seinen jungen deutschen Gast für das typisch französische Boule zu begeistern suchte, obwohl er selbst das Spiel hasste. Goetzke wurde tatsächlich ein leidenschaftlicher Boulespieler und ist es bis heute: Der Schrank in seinem Wohnzimmer hat schwer an den Pokalen zu tragen, die er sich im Laufe der Jahre erworfen hat.

Als Musiker wurde Goetzke entscheidend von dem großen italienischen Pianisten Arturo Benedetti Michelangeli geprägt, der acht Jahre lang sein Lehrer wurde und einer der wichtigsten Debussy-Interpreten war. „Bei ihm gab es endlich keine Diskussionen mehr über die Qualität der Musik“, erinnert er sich. „Wir haben in die Noten gesehen und versucht, etwas Vernünftiges daraus zu machen.“

Zusätzlich zu den Noten können Musiker und Hörer nun auch in Deutschland auf andere Debussy-Quellen zugreifen, die ein teilweise neues Bild des Komponisten ergeben. Von der Verehrung des Komponisten für deutsche Kollegen wie Bach etwa ist bislang wenig bekannt. Goetzke selbst verspürt nach der Quellenarbeit manchmal schon Lust, darüber hinauszugehen und zum Beispiel eine Debussy-Biografie zu schreiben. Doch noch ist der Musiker stark eingespannt. Neben seiner Lehrtätigkeit in Hannover gibt er Meisterkurse in aller Welt, bei der Internationalen Musikakademie für Solisten (Imas) in Bückeburg fungiert er als künstlerischer Leiter.

Bei den Festwochen zum 40-jährigen Bestehen der Imas steht im Jahr des 100. Geburtstags von Debussy natürlich auch ein Porträt-Konzert des Komponisten auf dem Programm: Am Mittwoch, 19. September, 19 Uhr, sind im Bückeburger Staatsarchiv nicht nur Debussy-Werke, sondern auch Ausschnitte aus seinen Briefen zu hören. Der Eintritt ist frei: Die Gelegenheit, eine mögliche Restverachtung gegenüber dem französischen Komponisten abzulegen, ist also so günstig wie nie.

Claude Debussy: „Briefe an seine Verleger“. Übersetzt und herausgegeben von Bernd Goetzke. Olms. 476 Seiten, 38 Euro.

Von Stefan Arndt

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