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Comic erzählt von Hannovers Serienmörder „Haarmann“

Düstere Bilder Comic erzählt von Hannovers Serienmörder „Haarmann“

Der düstere Comic „Haarmann“ von Peer Meter und Isabel Kreitz erzählt die Gechichte vom gleichnamigen hannoverschen Serienmörder, der 1925 hingerichtet wurde.

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Blick in dunkle Straßenschluchten und noch dunklere Seelen: Das Haarmann-Comic.

Quelle: Handout

Es wird nie hell in dieser Stadt. Eine fast unerträgliche, beklemmende Düsternis liegt über den schmuddeligen, engen Gassen, die von Straßenjungen und Kriegsversehrten bevölkert werden. Niemand lacht, jeder kämpft auf irgendeine Weise. Diese Stadt ist mehr als eine Kulisse. Sie ist der heimliche Hauptakteur in dem Comic „Haarmann“ von Peer Meter und Isabel Kreitz.

Die preisgekrönte Zeichnerin hat für ihre Geschichte die im Krieg zerstörte Altstadt Hannovers anhand historischer Fotos rekonstruiert – und Lücken kraft ihrer Phantasie geschlossen. Das Bild mag also nicht immer detailgetreu sein, doch Kreitz hat viel von der Atmosphäre des damaligen Elendsviertels aufleben lassen.

Sie zeigt ein Quartier, das soziale Verwahrlosung nicht nur anzieht, sondern auch hervorbringt. Ein Milieu, in dem die gesellschaftliche Selbstkontrolle schnell versagt. Ein Umfeld, das einen Haarmann gebiert. „So kahl wie in den Steinschluchten der Straßen sieht es auch in den Seelen der Menschen aus, die darin zu leben verdammt sind“, schrieb der hannoversche Philosoph Theodor Lessing mit Blick auf Haarmanns Viertel – Kreitz’ Zeichnungen illustrieren, wie er das gemeint haben könnte.

In ungeschönten Bildern erzählt der Band die Geschichte des 1925 hingerichteten Serienmörders nach, der 24 junge Männer in seiner kleinen Dachwohnung missbrauchte, tötete, zerstückelte und ihre Leichenteile in die Leine warf. Die Bildsequenzen, die teils über ganze Seiten ohne Sprechblasen auskommen, wirken wie das Storyboard zu einem Film. Der Bleistift ist in Comics oft das Handwerkszeug fürs Halbdunkle. Ein Medium für Andeutungen, Skizzen, Verwischungen. Die Hamburgerin Isabel Kreitz (die sich in Erich-Kästner-Adaptionen wie „Der 35. Mai“ schon weit freundlicheren Themen widmete) zeichnet hingegen mit penibler Akkuratesse und klarem Strich.

Da ist Haarmann beim Sex mit seinem Spießgesellen Hans Grans. Da sind die Polizisten, die im trockengelegten Flussbett der Leine nach Knochen suchen, oder die ausgemergelten Gesichter der jungen Herumtreiber, die Haarmann in Hannovers Hauptbahnhof anspricht. Man sieht ein geschwungenes Hackebeil, eine Fleischwaage, die Uniformen gewissenloser Polizisten – all das ist in Kreitz’ kontrastreichen Zeichnungen klar zu erkennen. Die Bilder sind nicht voyeuristisch, aber es bleibt nichts im Verborgenen. Auch das Böse nicht, denn der Mörder handelt praktisch vor aller Augen.

Keiner seiner Nachbarn will so ganz genau wissen, was der Herr Haarmann treibt. Schließlich soll er ja sogar für die Polizei arbeiten. Alle kaufen ihm gerne billig Kleidung und Fleisch ab. Und am Ende will niemand von etwas gewusst haben. Das wirklich Beklemmende in diesem Comic ist nicht die alles verschluckende Düsternis, sondern gerade die Offensichtlichkeit, mit der das Böse am Werk ist. Haarmann ist einer von uns. Thomas Mann sprach vom „Bruder Hitler“. Hier begegnet man Bruder Haarmann – mit seiner Mischung aus kleinbürgerlicher Dumpfheit, bösartiger Bauernschläue und auch jener jovialen, ­etwas onkelhaften Gutmütigkeit, die Zeitzeugen ihm oft attestierten.

Autor Peer Meter, der 1990 bereits einen anderen Haarmann-Comic herausgegeben hat, erzählt diesen Kriminalfall als Geschichte vom Wegsehen und von Obrigkeitshörigkeit. Er folgt damit einer langen Tradition, die in Haarmann ein Menetekel für die heraufziehende NS-Zeit sieht. Das Fleisch, das Haarmann so erfreulich billig verkauft, wird im Buch zur Chiffre für die Mitschuld all jener Profiteure, die sich an den Verbrechen bereichern. Da ist es nur konsequent, dass Haarmann den geliebten Kumpanen Hans Grans in seiner rohen Sprache anblafft, als dieser seinem Lebensmittelvorrat zu nahe kommt: „Dass mir nich beigehs an mein Fleisch!“ Auch der reale Haarmann versuchte, Grans vor Schuld und Strafe zu bewahren.

Dem Fleisch billigt die „Graphic Novel“ dabei wohl einen größeren Stellenwert zu, als es im wirklichen Fall hatte. Dass Haarmann Menschenfleisch verkaufte, wurde nie bewiesen. Es gehört wohl eher zu dem großen, schaurigen Gesang, den die kollektive Phantasie sich zusammenkomponierte, um das grauenhafte Geschehen ins Groteske zu steigern und somit erträglich zu machen. Auch bei der Chronologie der Taten hält Peer Meter sich nicht streng an die Historie. Der Texter kombiniert Versatzstücke aus dem Fall neu. Und anders als im Nachwort beschrieben, starb Grans nicht in den Achtzigern, sondern bereits 1975. Er liegt auf dem Seelhorster Friedhof begraben.

Trotz solcher kleinen Fehler ist Meter und Kreitz ein besonderer Comic gelungen. Haarmann sagte vor seiner Hinrichtung, er würde seine Vita gerne als „Roman“ veröffentlicht sehen, und vom Erlös sollte ihm ein Denkmal errichtet werden. Viele Bücher wurden seither über ihn geschrieben, und er selbst ist nun auch als Comicgestalt zurückgekehrt. Allerdings ist „Haarmann“ kein Denkmal geworden. Sondern eher ein Mahnmal.

Autoren Peer Meter und Isabel Kreitz
Titel „Haarmann“
Verlag Carlsen Verlag
Seitenzahl 192 Seiten
Preis 19,90 Euro

Am Donnerstag, 4. November, 20 Uhr, stellen die Autoren das Buch in der Polizeigeschichtlichen Sammlung in Hannover, Göttinger Chaussee 76, vor.

Am Freitag, 5. November, gibt es von 15 bis 17 Uhr zwei Signierstunden mit Isabel Kreitz im hannoverschen Comicladen am Steintor, Nordmannpassage 3.

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