Dieses Buch soll auch Barack Obama auf dem Nachttisch liegen haben. Der amerikanische Präsident hat schon vor Erscheinen von Jonathan Franzens neuem Roman „Freiheit“ ein Exemplar geschenkt bekommen, und angeblich hat es Obama sehr gut gefallen. Ein Vorabexemplar für den Präsidenten, außerdem eine Titelgeschichte über den Schriftsteller im „Time“-Magazin: Das lässt erahnen, wie wichtig man dieses Buch in den USA nimmt, wie sehnsüchtig man auf diesen Roman gewartet hat. Und die Tatsache, dass es gut eine Wochen nach Erscheinen in Amerika heute mit einer beträchtlichen Erstauflage von 100.000 Exemplaren in den deutschen Buchhandel kommt, zeigt, wie viel sich auch der deutsche Verlag von „Freiheit“ verspricht.
Seit seinem Sensationserfolg „Die Korrekturen“ – das Buch ist im September 2001 im Original auf den Markt gekommen – gilt Franzen als einer der wichtigsten amerikanischen Gegenwartsautoren. Zudem ist der heute 51-Jährige einer, den nicht nur Kritiker, sondern auch Leser lieben. Die Gesamtauflage von „Die Korrekturen“ liegt bei annähernd drei Millionen Exemplaren. Die Deutschen mit ihrem Faible für amerikanische Literatur schätzen Franzen besonders, haben „Die Korrekturen“ rund 600.000-mal gekauft. Und der Autor, der mal eine Weile in Berlin gelebt hat, kommt schon bald nach Deutschland: Am 8. Oktober präsentiert er seinen neuen Roman auf der Frankfurter Buchmesse. Anschließend geht er auf Lesereise, die ihn allerdings nicht nach Hannover führt, sondern nach München, Berlin und Köln.
„Die Korrekturen“ war ein epischer Roman über die weiße Mittelschichtsfamilie Lambert. Franzen schilderte die Hoffnungen und Enttäuschungen der Familienmitglieder und zeigte ein Panorama der amerikanischen Gesellschaft in den neunziger Jahren.
„Freiheit“ ist fast eine Fortführung des Erfolgsbuchs. Diesmal erzählt der Autor von der Familie Berglund; der größte Teil der Handlung spielt im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends. Walter Berglund arbeitet für ein Technologieunternehmen. Als freundlich, wenn auch „grüner als Greenpeace“, bezeichnen ihn seine Nachbarn. Seine Frau Patty, eine frühere Basketballspielerin, ist Hausfrau und Mutter von zwei Kindern, Jessica und Joey. In ihrem Stadtteil in St. Paul (Minnesota) gelten die Berglunds als nett, umgänglich, kinderlieb.
Mit den frühen Ehejahren in den Achtzigern gibt Franzen sich nicht lange ab. Er erzählt von den Rissen und Brüchen innerhalb der Familie, die vollends deutlich werden, als die Kinder erwachsen sind. Wie in einer Eischale war die Familie lange Jahre durch ihren eingeschliffenen Alltag geschützt, dann reißt die Schale – und es ist kaum noch etwas zu retten. Walter wechselt den Job, lässt sich von einem Energieunternehmen, mit dem er ein Umweltschutzprojekt auf die Beine stellt, über den Tisch ziehen und verliebt sich in eine junge Kollegin. Patty versinkt in Depressionen, trinkt und hat eine Affäre mit Walters bestem Freund Richard, einem Musiker und Frauenhelden, in den sie schon als 20-Jährige verliebt war. Jessica, von der der Leser am wenigsten erfährt, geht nach New York. Joey wird mit einem Kaffeeunternehmen reich.
So unterschiedlich die Haupt- und die wichtigen Nebenfiguren auch sind: Sie alle können mit den privaten und beruflichen Möglichkeiten, die sie haben, wenig anfangen. Die Freiheit, die sich ihnen bietet, verschreckt sie, weil sie Angst vor Veränderungen haben. Was die Figuren zudem eint: Alle wollen möglichst anders leben als ihre Eltern. Das war schon in Franzens Roman „Die Korrekturen“ so, in dem die Kinder den vermeintlich falschen Lebensentwurf der Eltern korrigieren wollten.
Patty Berglund zum Beispiel flieht jahrzehntelang vor ihrer reichen Ostküstenfamilie, Walter vor den Erinnerungen an seinen Alkoholiker-Vater- und -Bruder. Joey wiederum hat für die Umweltschutzansichten seiner Eltern nur Spott übrig und setzt sich als 16-Jähriger zu seiner Freundin ab.
Sex, Drogen und Rock ’n’ Roll gibt es in „Freiheit“ reichlich, doch Franzen ist ein fast schon altmodischer Erzähler, der mehrfach in seinem Buch auf Tolstois Epos „Krieg und Frieden“ hinweist – durchaus eine Art Vorbild für ihn. Ausführlich beschreibt er Orte und Situationen, und über Walters Umweltprojekt zum Schutz des Pappelwaldsängers erfährt der Leser mehr, als er eigentlich wissen möchte. Franzen ist Hobbyornithologe, wie man unschwer merkt.
So genau Franzen die Geschichte einer Familie erzählt, er erzählt dabei auch immer die Geschichte seines Landes mit. Er schildert die Stimmung nach dem 11. September ebenso wie die Diskussionen über Einsätze im Irak und Afghanistan. Meist reicht ein kurzer Satz, um Konfliktlinien zwischen Figuren aufzuzeigen. Über eine Frau etwa heißt es: Die Tatsache, dass Walter ein „japanisches Hybridauto fuhr, an dem er kürzlich einen Obama-Aufkleber angebracht hatte, ließ in ihren Augen auf Gottlosigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber der Lage hart arbeitender Familien schließen“.
Solche ironischen Bemerkungen liest man in diesem wunderbaren Familien- und Gesellschaftsroman oft. Vielleicht liegt es ja auch an der Passage über den Obama-Aufkleber (und die Empörung Walters über die Bush-Politik), weshalb „Freiheit“ dem US-Präsidenten besonders gut gefallen hat.
Jonathan Franzen: „Freiheit“. Aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld. Rowohlt. 736 Seiten, 24,95 Euro.
Martina Sulner