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Der neue Hannah-Arendt-Stipendiat Christopher Mlalazi
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Von Zimbabwe nach Hannover Der neue Hannah-Arendt-Stipendiat Christopher Mlalazi

Von Zimbabwe nach Hannover: Der neue Hannah-Arendt-Stipendiat Christopher Mlalazi arbeitet in Hannover an seinem aktuellen Roman „They are coming" (Sie kommen).

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„Ich bin keiner, der politische Propaganda betreibt“: Christopher Mlalazi mit seinem Roman „Flucht mit der Mutter“.

Quelle: Ole Spata

Hannover. Es sei ihm etwas peinlich gewesen, in der Abteilung mit den Kinderbüchern herumzusuchen, sagt der Mann aus dem Land im südlichen Afrika, doch schön war es auch: „Das hat mich an meine Kindheit erinnert, als ich ständig in der Bibliothek war.“

Seit November lebt Mlalazi, geboren 1970, als Hannah-Arendt-Stipendiat in Hannover-Linden. Mit dem Stipendium, zu dem auch private Spenden beitragen, hilft die Stadt Autoren, die in ihrer Heimat unter Repressionen zu leiden haben. Für jeweils ein, zwei Jahre konnten so etwa der Lyriker Ales Rasanau aus Weißrussland und die kubanischen Schriftsteller Carlos Valerino und Carlos Aguilera hier leben.

Der Hannover-Aufenthalt ist für Mlalazi „eine goldene Möglichkeit“. In Zimbabwe, erzählt er, herrsche eine lähmende Stimmung der Angst. In Deutschland dagegen könne er in Ruhe an seinem neuen Roman „They are coming“ (Sie kommen) arbeiten. Der Roman soll, mit zahlreichen Rückblenden, von einer Woche im Leben einer Familie in Zimbabwe erzählen: Es geht in dem Buch um familiäre Konflikte – und um die sozialen und politischen Probleme des Landes. Temperamentvoll spricht der Autor über seinen Roman. Ebenso mitreißend schildert er, wie er aus einer vor einigen Jahren veröffentlichten Kurzgeschichte seinen im vergangenen Jahr erschienenen Roman „Running with Mother“ (Flucht mit der Mutter) entwickelt hat. „Ich bin Literat und keiner, der politische Propaganda betreibt“, sagt er wenig später. Man spürt, dass es ihm wichtig ist, nicht als Opfer eines Staates zu gelten, in dem Oppositionelle vom Geheimdienst eingeschüchtert und verfolgt werden: Mlalazi will vor allem als Schriftsteller wahrgenommen werden.

Doch alle seine Texte handeln auch von der schwierigen Situation seiner Heimat. In einer Kurzgeschichte erzählt er zum Beispiel von einem greisen Staatsoberhaupt (hinter dem der Leser unschwer den langjährigen Diktator Robert Mugabe ausmachen kann), der ignoriert, dass er die Wahl verloren hat. Der Roman „Running with Mother“ beschreibt den Massenmord der Shona an dem Volksstamm der Ndebele in Zimbabwe Anfang der achtziger Jahre – und erzählt von der leisen Hoffnung, dass jenseits der Politik Toleranz und Humanität möglich sind.
In der Realität hingegen, sagt Mlalazi, habe die Kriminalität und Korruption des politischen Systems dazu geführt, dass die Werte der Menschen aufgeweicht seien: Auch im Alltag seien viele Menschen kriminell und korrupt geworden.

Daran seien allein die Afrikaner schuld, betont er. Man könne nicht die früheren Kolonialmächte oder die USA für Armut und Gewalt in Afrika verantwortlich machen. „Es bringt auch nichts, die Probleme des Kontinents unter den Teppich zu kehren.“ Jedoch fühlten sich viele Afrikaner oft „wie die arme Familie, die sich ihrer Armut besonders schämt und sie zu verstecken versucht, wenn die reichen Verwandten zu Besuch kommen“.

Die „reichen Verwandten“ – also Europäer oder US-Amerikaner – hätten durchaus das Recht, Kritik an der Situation Zimbabwes zu üben. Mlalazi, ganz Autor, sagt: „Manchmal ähnelt solch eine Kritik einer harschen Buchrezension: Da ärgert man sich als Autor im ersten Moment sehr und erkennt später vielleicht das Konstruktive der Kritik.“

Mlalazi erweckt den Eindruck, dass er aus jeder Situation das Beste zu machen versucht. „Ich schreibe für die Zeit nach Mugabe“, sagt er zum Beispiel. Er hofft, dass die kommende Wahl in seinem Heimatland, das derzeit von Mugabe und Morgan Tsvangirai regiert wird, vielleicht eine Verbesserung und Demokratie bringen wird.

Von Deutschland aus beobachtet er mit räumlicher Distanz, dennoch aufmerksam die Situation Zimbabwes. Einsam fühle er sich in Hannover nicht, sagt er, ebenso wenig wie zuvor in der kalifornischen Villa Aurora oder im schwedischen Uppsala, wo der mehrfach ausgezeichnete Autor schon als Stipendiat gelebt hat.

„Irgendwann möchte ich aber zurück nach Hause“, sagt Mlalazi. Seine Tochter, die demnächst 15 wird, und seine Mutter leben in Zimbabwe. Ob er die Tochter gerne nach Europa holen würde? Der Schriftsteller überlegt eine Weile. Nein, sagt er dann, sie solle in Ruhe ihre Schule beenden. Angst, dass das Mädchen bedroht werden könnte, hat er nicht. An Familienangehörigen von Regierungskritikern vergreife sich die Geheimpolizei nicht.

Dennoch wahrt Mlalazi Vorsichtsmaßnahmen. Einige Kurzgeschichten hat er lieber anonym im Internet veröffentlicht, und als im vergangenen Sommer „Running with Mother“ erschien, habe seine Verlegerin in der Hauptstadt Harare auf jegliche Werbung und Vorankündigungen verzichtet.

Man wollte nicht die Geheimpolizei auf den Plan rufen und den Roman möglichst unbehelligt an Leser bringen.
Seine Verlegerin sei eine unerschrockene Frau. Mlalazi hofft, dass die internationale Aufmerksamkeit für seinen Roman der Frau Sicherheit gibt. Ob das klappt? „Die Chancen stehen 50: 50“, sagt er, „genau kann man das Katz-und-Maus-Spiel der Regierung nicht einschätzen.“

Am 5. Februar um 19.30 Uhr stellt Christopher Mlalazi seine Texte im hannoverschen Literaturhaus, Sophienstraße 2, vor. Schauspieler Wolf List liest den deutschen Part.

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