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Wenn du ein Verschwörer wärst...

„Die schützende Hand“ von Wolfgang Schorlaus Wenn du ein Verschwörer wärst...

Vom Finden und Erfinden: In „Die schützende Hand“ von Wolfgang Schorlaus ermittelt ein Privatermittler den Tod der Neonazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am 4. November 2011 in Eisenach und die Hintergründe des NSU.

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Verschwörer – oder Opfer einer Verschwörung? In diesem Wohnwagen findet man am 4. November 2011 die Leichen von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos.

Quelle: dpa

Was ist von Verschwörungstheorien zu halten? „Wenn du ein Verschwörer wärst“, sagt Georg Dengler, „und jemand kommt dir auf die Schliche – dann brauchst du nur mit dem Finger auf denjenigen zu zeigen und ,Verschwörungstheoretiker’ zu rufen, und schon ist aller Verdacht von dir abgewaschen.“ Verschwörungstheorien gelten als verdächtig. Aber mit der Kritik an ihnen wird möglicherweise unterstellt, jedes Reden über Verschwörung sei bloße Theorie.

Georg Dengler ist jener Stuttgarter Privatdetektiv, den Wolfgang Schorlau nun schon zum achten Mal zumeist ziemlich politische Fälle ermitteln lässt – was den Schriftsteller zum Bestsellerautor gemacht hat. „Die schützende Hand“ heißt sein jüngster Krimi, in dem Dengler diesmal einen besonders brisanten und aktuellen Fall ermittelt: den Tod der Neonazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am 4. November 2011 in Eisenach und die Hintergründe des NSU, des „Nationalsozialistischen Untergrunds“.
Beate Zschäpe, die Gefährtin der beiden, steht seit 2013 vor Gericht, sie soll sich mit den beiden Neonazis zum Mord an acht türkischstämmigen und einem griechischen Kleinunternehmer sowie an der Polizistin Michèle Kiesewetter verschworen oder dazu zumindest Beihilfe geleistet haben.

Ein rechtsextremes Trio narrt über Jahre den ganzen Apparat von  Polizei, Nachrichtendienst und Verfassungsschutz und mordet quer durch die Republik? Und zwei davon flüchten an jenem Novembertag bis an die Zähne bewaffnet in ein Wohnmobil, Mundlos erschießt Böhnhardt, dann sich und schafft es davor noch, das Wohnmobil anzuzünden?

Privatermittler Dengler bekommt den Auftrag, die Tode der beiden aufzuklären und entdeckt immer mehr Widersprüche, je genauer er recherchiert: Zwischen den zwei Todesschüssen, die Zeugen gehört haben wollen, liegen höchstens 20 Sekunden. Wie mordet man in dieser Zeit zuverlässig, legt einen nachhaltigen Brand, lädt das Gewehr nach und tötet sich selbst? Warum sind keine Blutspritzer an der Gardine, vor der Mundlos sich das Gehirn weggeschossen haben soll? Wie hat er danach noch den Mechanismus getätigt, der die Patronenhülse auswirft? Und wieso haben die Ermittler am Tatort nicht die Spuren verfolgt, die auf einen anderen Ablauf hinweisen? Der NSU-Komplex ist voller Fragwürdigkeiten, die vom Verdrängen wichtiger Anhaltspunkte über die seltsame Anwesenheit von Beamten und V-Leuten zur Tatzeit in Tatortnähe bis zu Einschüchterungsversuchen von Zeugen reichen. Im Roman geht Georg Dengler den Zweifeln nach, die in der Wirklichkeit kritische Journalisten, Politiker und besorgte Bürger hatten. „Dieses Buch“, schreibt Wolfgang Schorlau im Nachwort, „ist eine literarische Ermittlung in einem realen Kriminalfall. Und ich fürchte, es ist die Ermittlung eines Staatsverbrechens.“

Es geht um den Verdacht, dass BND und Verfassungsschutz mit einem inszenierten Selbstmord der beiden Uwes zu vertuschen versucht haben, wie eng die Dienste in die rechte Szene zumindest in Thüringen verwickelt waren, ja, dass ihre „schützende Hand“ dieser Szene vielleicht erst zu Wirkungsmacht verholfen hat. Hatte sich die Polizistin Kiesewetter deshalb von Thüringen nach Heilbronn versetzen lassen? Und wollte man mit ihrer Ermordung möglicherweise verhindern, dass sie Dinge ausplaudert, die nicht nur das NSU-Trio belastet hätten? Eben ein Staatsverbrechen?

Bis zu diesem Argwohn formuliert Wolfgang Schorlau seine Verschwörungstheorie. Die ist zwar letztlich auch nicht beweisbar. Aber sie beantwortet mehr Fragen als die offizielle Selbstmordthese. Und ist besser recherchiert. Allerdings: Führen gute Recherchen auch zu einem guten Roman? Schorlau, der die politischen Hintergründe seiner Dengler-Reihe stets investigativ recherchiert, legt diesmal eher ein Sachbuch als einen Krimi vor. Oft ist der Erzählstrang von Zitaten aus Dokumenten unterbrochen, die nicht selten mehrere Seiten füllen. Mehr als 70 Fußnoten sowie Faksimiles von Originaldokumenten sind angefügt. Und manche Parallelhandlung trägt zur Erklärung der Ereignisse nur höchst indirekt bei. Etwa der Hinweis darauf, dass die CIA in den Fünfzigerjahren gleichsam an der Wiege des BND stand und somit die öffentliche Erregung über den „NSA-Abhörskandal“ bestenfalls naiv zu nennen ist.

Aber wer sich lieber mit der Lektüre eines Buches als durch Zeitungsausschnittsammlungen auf dem Stand hält, ist mit Schorlaus neuem Krimi gut bedient. Am Ende steht dann vielleicht nicht nur für den Privatermittler Dengler die Frage, ob man sich Illusionen über die Zustände im eigenen Land gemacht hat.

Wolfgang Schorlau: „Die schützende Hand. Denglers achter Fall“. Kiepenheuer & Witsch. 382 Seiten, 14,99 Euro. Der Autor liest am Freitag, 22. Januar, um 20 Uhr im Pavillon, Raschplatz, aus seinem Buch.

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