Hannover. Vielleicht trifft 2012 für einige Menschen ja zu, was der neue Roman Thomas von Steinaeckers im Titel verheißt: „Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen und anfing zu träumen“ (S. Fischer Verlag) – die Geschichte einer Versicherungsangestellten, die in Russland in abstruse Abenteuer verwickelt wird. In zahlreichen literarischen Neuerscheinungen des Frühjahrs machen sich die Helden jedoch auch weiterhin Sorgen – doch fast ebenso oft träumen sie von einem besseren Leben.
Die Figuren des US-Romanciers T. C. Boyle kämpfen in „Wenn das Schlachten vorbei ist“ (Hanser Verlag) auf rabiate Weise für den Umweltschutz an der Küste Kaliforniens. Doch in den meisten anderen Büchern, die in den nächsten Wochen vor Beginn der Leipziger Buchmesse (15.–18. März) auf den Markt kommen, ist der Traum vom Glück ein eher privater: In zahlreichen Romanen loten renommierte Autoren die Untiefen familiärer Gefüge und den Wunsch nach einem erfüllteren Leben aus. Eine Spezialistin dafür ist die Israelin Zeruya Shalev, deren Romane „Liebesleben“ und „Mann und Frau“ in Deutschland auf den Bestenlisten standen. In „Für den Rest des Lebens“ (erscheint Ende Januar im Berlin Verlag) schildert die Autorin die persönlichen Verstrickungen dreier Menschen in Israel, die sich zerrissen fühlen zwischen eigenen Wünschen und den Erwartungen der Partner und Eltern.
Um eine Familie aus der DDR geht es in „Ab jetzt ist Ruhe“ (S. Fischer), dem ersten Roman von Marion Brasch. Im Untertitel heißt das autobiografisch grundierte Buch „Roman meiner fabelhaften Familie“, und zu dieser Familie gehörte der verstorbene Dramatiker Thomas Brasch. Von Großmutter, Mutter und Tochter, die – oft vergeblich – Nähe zueinander suchen, handelt der neue Roman von Annette Pehnt: „Chronik einer Nähe“ (Piper). Und die niederländische Erfolgsautorin Jessica Durlacher erzählt in „Der Sohn“ (Diogenes), wie Ereignisse aus der Nazizeit noch heute eine Familie bedrohen.
Der wohl opulenteste Roman, der die Geschichte einer Familie mit der eines Landes verknüpft, kommt von Péter Nádas. Der mehrfach preisgekrönte Ungar legt den Roman „Parallelgeschichten“ (Rowohlt) vor; auf mehr als 1700 Seiten erzählt Nádas in vielen Handlungssträngen von Ungarn im 20. Jahrhundert. Ebenfalls um die Verirrungen und Katastrophen des vorigen Jahrhunderts geht es – wenn auch literarisch anders geartet – im Roman von Christian Kracht. „Imperium“ (Kiepenheuer & Witsch) heißt die groteske Geschichte einer deutschen Kolonie in der Südsee, in der ein Sonnenanbeter ein Unglück heraufbeschwört.
Auf die (Anziehungs-)Kraft von jungen Autorinnen vertraut man bei anderen Verlagen: Die 1985 in Serbien geborene und seit einigen Jahren in den USA lebende Téa Obreht gilt als Wunderkind der amerikanischen Literatur. Bei Rowohlt Berlin erscheint im Frühjahr Obrehts Debüt „Die Tigerfrau“ über einen alten Mann aus Südosteuropa und dessen Erinnerungen an eine mysteriöse Frau. Und der Hanser Verlag bringt das Buch „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ von Olga Grjasnowa heraus. Die in Berlin lebende Debütantin, geboren 1984 in Aserbaidschan, erzählt von einer Frau aus Baku, die sich zwischen verschiedenen Ländern und Kulturen bewegt.
Bei den Sachbüchern ragen zwei Titel heraus: Nathan Wolfe zeichnet in „Virus. Die Wiederkehr der Seuchen“ (Rowohlt) den Vormarsch von Infektionskrankheiten wie Ehec oder Sars nach. In „Der König aller Krankheiten“ (DuMont) schreibt der New Yorker Onkologe Siddharta Mukherjee auf fast 800 Seiten über Krebs. „Krebs – Eine Biografie“ heißt die Gesamtdarstellung, die im Vorjahr mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde.
HAZ.de Anmeldung