Wenn Günter Grass liest, bedeutet das für ihn mehr als reine Geistesarbeit. Auch mit 82 Jahren lässt er Tisch und Stuhl immer noch links liegen und trägt im Stehen vor. Er geht mit beim Vortragen, steigt beim Sprechen von einem Fuß auf den anderen. Mit nahezu jedem neu begonnenen Satz lässt er seinen Oberkörper ruckartig nach vorne fallen, als ob er seinen Sätzen noch ein wenig Schwung geben wolle, bevor er sie auf die literarische Reise schickt. Auch Handarbeit sind seine Lesungen, mal unterstreicht die Rechte mit drei kurzen Bewegungen die Satzmelodie, mal malt die Linke unsichtbare Kringel in die Luft – und ab und zu steht auch der erhobene Zeigefinger mahnend im Raum.
Dass Günter Grass mit seiner wundervollen Erzählstimme noch immer ein kraftvoller Rezitator seines eigenen Werks ist, wurde am Sonnabend im ausverkauften Kleinen Sendesaal des NDR-Landesfunkhauses deutlich. Grass hatte den jüngst erschienenen dritten Teil seiner autobiografischen Schriften mitgebracht. In „Grimms Wörter“ (Steidl, 365 Seiten, 29,80 Euro) erklärt er nicht nur der deutschen Sprache und dem grimmschen Wörterbuch seine Liebe, sondern sucht nach Vorbildern seines eigenen politischen Engagements. Und da sich Grass sein Leben lang als kritischer Schriftsteller und Staatsbürger verstand, sind ihm die Grimms besonders nahe. Denn ihr Protest von 1837 gegen die Aufhebung der Verfassung durch König Ernst August als Teil der Göttinger Sieben ist, das spürt der Zuhörer, vorbildlich für Grass. Über Jacob Grimm sagt er: „Zum Eidesbruch hatte man ihn nötigen wollen. Seiner Haltung verlustig, hätte er sich aufgeben müssen. Das ging nicht an.“ Da spricht Grass über sich: Eine Haltung gibt man nicht auf, die bewahrt man.
In seinem Buch vermischt Grass das Leben der Grimms mit Reflexionen über das eigene Wirken. Und dann sind da noch die Ausflüge in die deutsche Wörterwelt. Immer wieder nimmt er sich Begriffe vor, sinniert über den „Grimm“ als altes Wort für Zorn oder das „Ach“ und findet Zitate wie „Ach, wie ist das Gold so gar verdunkelt“ oder den vergnüglichen Satz „Auch ich war krank in ihr, in ihr hab ich geachet“. So baut er eine Brücke zum Grimmschen Wörterbuch mit seinem riesigen Zitatenschatz. Die deutsche Sprache, erzählt Grass an diesem Abend, habe ihn ein ums andere Mal davon abgehalten, Deutschland zu verlassen. „Sie hat mir Halt gegeben.“
Nach fast 75-minütiger Lesung stellt sich Grass, im Sitzen nun, noch den Fragen von NDR-Moderator Stephan Lohr. Schnell bricht sich der engagierte Citoyen wieder Bahn, mit ruhiger Stimme äußert er seine Gesellschaftskritik: Das Grundgesetz habe in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter an Substanz verloren. Freiheit sei nur noch ein ausgehöhlter Begriff. Dass Eigentum verpflichtet, sei angesichts zahlloser verarmter Kinder ein leeres Versprechen. Kurzer Applaus ist zu hören, als Grass eine „neue Klassengesellschaft, in die wir momentan wieder rutschen“, prophezeit. Nur Thilo Sarrazin bleibt an diesem Abend auffällig unerwähnt.
Dafür nimmt Grass Stellung zu den Gerüchten, mit „Grimms Wörter“ schließe er sein literarisches Werk ab. „Es gibt natürlich viele, die das hoffen“, sagt der Lübecker Dichter. Doch er könne nicht bestätigen, dass dies sein letztes Buch sei. Trotz aller Unkenrufe gilt wohl: Fortsetzung folgt.
NDR Kultur sendet die Lesung am 12. September um 20 Uhr.
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