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Karen Duves düsteres Zukunftsbild

Neuer Roman „Macht“ Karen Duves düsteres Zukunftsbild

Frauen regieren die Republik, die Klimaerwärmung schreitet voran. Kurzum das Ende der Erde naht. Da hilft es auch nicht, dass die unterdrückten Männer aufbegehren. Karen Duve entwirft in „Macht“ eine Zukunft, die wenig hoffnungsvoll ist.

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Die Schriftstellerin Karen Duve bei der Kino-Premiere des Filmes „Taxi“.

Quelle: dpa/Archiv

Hannover. Wir befinden uns im Jahr 2031. Olaf Scholz ist Bundeskanzler. Ansonsten herrscht das Matriarchat. Auf den Straßen fahren Wasserstoffautos. Wer mit dem Flugzeug reisen will, muss CO²-Punkte zahlen. Es gibt den Euro-Süd und den Euro-Nord. Es ist fast immer Sommer. Stürme toben über das Land. Das Wasser steigt. Es gibt Pillen, die einen jünger machen. Wer sie nimmt, muss damit rechnen, in wenigen Jahren an Krebs zu erkranken. Die Leute nehmen sie trotzdem. Alle wissen, dass das Ende nah ist.

Dieser Tierschutzwahn! Diese religiösen Eiferer!

Karen Duve lässt ihren neuen Roman „Macht“ in einer nahen Zukunft spielen, die uns die Gegenwart erhellen soll. Es ist spannend und witzig zu lesen, wie sie sich die Zukunft ausmalt. Dieser Tierschutzwahn! Diese religiösen Eiferer! Manchmal fällt die Autorin, die zuvor mehrere Essays zu ähnlichen Themen geschrieben hat, dabei in einen nervigen Predigerton. Das klingt dann so: „Die hatten die Fakten! Die hatten die Informationen! Die wussten ganz genau, was sie anrichten. Und jetzt tun sie so, als hätte ihnen ein unvorhersehbares und unvermeidliches Schicksal übel mitgespielt – als hätten die Überschwemmungen nichts mit ihrer Wurstfresserei zu tun, mit ihrem Herumgeheize in Autos und dem kleinen Wochenendtrip mit dem Flugzeug nach Barcelona.“

Derjenige, der sich im Roman so über die Menschen aufregt, die die drohende Klimakrise aus Dummheit und Bequemlichkeit ignoriert haben, hat ja recht. Er klingt hier zwar so, als würde er Flugblätter aufsagen (oder als würde er Duves jüngste Streitschrift „Warum die Sache schiefgeht“ zusammenfassen), aber er hat recht. Das ist das eine.

Kerkergeschichte und Dystopie

Das andere ist, dass er seine Worte an seine Ehefrau Christina richtet. Die hält er seit ein paar Jahren in einem Verließ im Keller gefallen. Dort muss sie ihm gefügig sein. Karen Duves Roman „Macht“ sind zwei Romane: Einerseits die Kerkergeschichte, die an den Entführungsfall Natascha Kampusch erinnert, und andererseits die düstere Vision einer Welt kurz vorm Kollaps. Irgendwie passt das nicht zusammen – und irgendwie passt es dann doch. Weil Karen Duve die Welt an einem Umkipp-Punkt beschreibt. Am Beginn der großen Katastrophe stülpt sich das Gute ins Böse um. Es kommt nicht mehr darauf an. Die Lektüre freilich fühlt sich wie ein Alptraum an. Auch wer nur die Untergangsvision spannend findet, muss sich den Folterszenen im Keller aussetzen. Das sind schlimme Fantasien.

Karen Duve ist ganz unerschrocken in der Beschreibung dieser Situation absoluter Macht, ein bisschen erinnert sie dabei an Michel Houellebecq, dessen Prosa auch kaum Grenzen in der Beschreibung asozialer Situationen kennt. Aber Duve ist doch keine wahre Schwester Houellebecqs, ihr Grau ist durchscheinend, immer irgendwie papieren. Houellebecq ist bitterer, persönlicher.

Manches an „Macht“ wirkt gewollt und konstruiert. Einerseits fesselt ihr Buch, andererseits wirkt es aber auch, als hätte Karen Duve gar keinen Roman, sondern einen Debattenbeitrag schreiben wollen. Immerhin einen wichtigen.

Lesungstipp

Karen Duve: „Macht“. Galiani Berlin. 414 Seiten, 21,99 Euro. Am Dienstag stellt Karen Duve ihren Roman um 19.30 Uhr im Literaturhaus Hannover, Sophienstraße 2, vor.

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